Neue Welle auf alten Pfaden

(Erstveröffentlichung SFT 132/1973)

„Die Science Fiction indessen hat sich ein Gefängnis aufgebaut und sich selbst darin eingekerkert, weil sie nicht· begreift, daß man die Erlösung der schöpferischen Vorstellungskraft nicht in mythischen, existenzialistischen, surrealistischen Schriften finden kann - als eine neue Information über die Daseinsbedingungen. Indem sie sich vom Zustrom der wissenschaftlichen Tatsachen und Hypothesen abgesondert hat, arbeitet sie an der Errichtung der Ghettomauern, hinter denen sie jetzt ihr mitleiderregendes Dasein kümmerlich weiterfristet.“

(St. Lem, ROBOTER IN DER SCIENCE FICTION (l)

Fürchtet euch nicht, ich bin es. Und er weinte bitterlich. (Nach der Bibel)

Die Aufgabe, über die New Wave zu schreiben, ist eine undankbare. Ihre angeblichen Vertreter lassen Selbstdarstellungen stark vermissen, Sekundärliteratur existiert wenig, die Biertisch-Kapazitäten des Science-Fiction-Club Deutschland e. V. wissen darüber nichts zu vermelden. Obendrein ist der Kreis der ihr allgemein zugerechneten Autoren von der übrigen Literatur, ja von anderen Tendenzen der SF mehr als diffus abgegrenzt, so daß sich selbst unter Beachtung der Tatsache, daß hier Grenzen stets fließend sind, kaum ein Fixpunkt lokalisieren läßt. Vorläufig können wir uns also nur an die im Gespräch befindlichen Namen halten, um zu analysieren, ob sie einem Anspruch genügen, den man als Leser, Kritiker oder Autor an eine New Wave, also eine neue wesentliche Tendenz stellen soll.

Das Hauptkriterium dafür ist in der Tat, ob eine solche Tendenz die alten Schemata und Inhalte der traditionellen SF verwirft, mit der Absicht, die außerordentlichen literarisch-schöpferischen Möglichkeiten, welche die SF zweifellos beinhaltet, zu beleben und zu einer Relevanz zu entwickeln, die als neue Haupttendenz in der SF ihr einen qualitativ neuen Charakter verleiht - eine Forderung, die sowohl den Vertretern des rein literarisch-ästhetischen Standpunkts als auch den Protagonisten einer gesellschaftsbezogenen SF gemein ist; leider neigen beide Parteien etwas dazu, einander auszuschließen, obwohl ihre Teilanliegen nur als dialektische Einheit sinnvoll sind. Es ist nur zu klar, daß eine gute schriftstellerische, aber rein ästhetische Leistung nicht befriedigen kann in einer Epoche, deren politische Situation Entscheidungen verlangt, ebenso aber, daß ein Autor nicht nur Politiker, sondern auch Künstler sein muß, also verpflichtet ist, seine literarische Widerspiegelung der Realität oder einen daraus resultierenden Zukunftsentwurf in die bestmögliche Form zu kleiden.

In diesem Sinne wollen wir uns mit den neueren hiesigen Publikationen aus der New Wave befassen, um zu sehen, ob sie der erwähnten Forderung nach qualitativer Erneuerung genügen.

Der in der BRD bisher wenig verlegte Michael Moorcock z.B. verfügt über einen angenehmen, flüssigen Stil und einen reichhaltigen Wortschatz, mit der inhaltlichen Qualität sein er Werke allerdings verhält es sich sehr schwankend: seine Sword & Sorcery (Elric-Serie) ist nackter Schund. BEHOLD THE MAN und THE ICE SCHOONER halte ich für seine besten Bücher; das hier vorliegende. DER SCHWARZE KORRIDOR (THE BLACK CORRIDOR) (2 ). gehört dagegen noch unter den Durchschnitt.

Noch ein paar Jährchen, so meint Moorcock, und die Menschheit sei „psychisch ruiniert'“ und massakriere sich. Ein jeder materielle Notstand und Mißstand ergibt sich bei Moorcock direkt aus dieser billigen psychologistischen Unterstellung, obschon jedes Kind weiß, daß erst materielle Ursachen, z.B. schlechte Wohn- und Arbeitsverhältnisse , zu Trunksucht und folglich zu „psychischem Ruin“ führen können, wobei dieser Prozeß selbstverständlich dialektisch zu verstehen ist, da die Eigenschaft der Trunksucht n türlich auf die materiellen Verhältnisse rückwirkt. Da jedoch Moorcock in seinem psychologistischen Idealismus verharrt, weiß der Hauptcharakter des SCHWARZEN KORRIDORs, ein gewisser Ryan, mit seinem „psychischen Ruin“ nichts weiter anzufangen, als vor ihm ins Weltall zu fliehen, nachdem er unter verworrenen Umständen seine Verwandtschaft eingefroren und verfrac tet hat. Im Raumschiff geht er spärlichen rituelle n Beschäftigungen nach und langweilt sich blöde. Daran und an zahlreichen Erinnerungsfetzen demonstriert Moorcock die angeblich primär psychische Zerrüttung der Menschheit. Es ist deutlich zu sagen, daß er mit derlei Thesen eher einen zerrüttungsfördernden Beitrag leistet. Von gesellschaftlichen Alternativen ist nicht die Rede, die bestehenden Gesellschaftsformen werden über einen Kamm geschoren, und als Rest bleibt das große Flennen als Ersatz für den Großen Blitz.

Noch weitaus unerfreulichere Dinge serviert uns Roger Zelazny in DIE STRASSE DER VERDAMMNIS (DAMNATION ALLEY)(3). Dank Herrn Schelwokats Bereitschaft, diesen US-amerikanischen Schund ins Heyne-Verlagsprogramm aufzunehmen, lernen wir den neuesten Wohltäter der Menschheit kennen, „Hell Tanner“, einen Ex-Rocker mit SS-Dolch. Der Verkehrsminister nimmt ihm das Motorrad und übergibt ihm einen Panzerspähwagen, der offenbar zu einem Schlachtschiff umgerüstet wurde; Hell Tanner soll ein Serum durch die Atomwüste nach Boston schaffen, wo eine Seuche wütet, und als Gegenleistung Amnestie für seine bisherigen und zukünftigen Schandtaten erhalten (was für rassistische und faschistische Totschläger in den USA schon heute die Regel ist). Aber vorerst wütet nur Tanner: mit Flammenwerfer, Raketen, Maschinenkanonen, Handgranaten und nicht zuletzt seinem lieblichen SS-Dolch metzelt er Mutanten, Echsen, Fledermäuse. alles riesig, versteht sich, ein Dutzend Leute, die ihm zu deutlich widersprechen, sowie etwa 250 (!!) übelgesonnene Motorradgangster nieder. Er begegnet einigen Personen, die in der Handlung nicht zu suchen haben, deren Aufgabe aber offensichtlich die Zeilenschinderei ist, da sie fast auf der Stelle· ebenfalls sterben müssen. Endlich bringt Tanner das Serum durch und bekommt ein Denkmal gesetzt, „überlebensgroß auf einer bronzenen Harley sitzend“(!). Der wie üblich völlig verlogene Heyne-Klappentext erzählt von Mr. Zelaznys „Kraft und Talent“ und verspricht einen „blendenden SF-Roman von mitreißendem erzählerischem Schwung“. Wahrlich, diese Blendung ist monströs: Dialoge. die an Geblödel grenzen, ein Katalog von Brutalitäten und ein plumper Stil sind die Hauptaspekte dieses Romans, über den wir gnädig den Mantel des Vergessens breiten wollen.

Weniger penetrant zeigt sich J. G. Ballard, von dem wir über Gesellschaftsformationen bisher nur erfahren konnten, daß sie gelegentlich unterzugehen pflegen, sei es durch Wind, Wasser. Hitze. Erdbeben oder Kristallisierung. Seine Charaktere gehören grundsätzlich zwei Kategorien an, nämlich den monolithischen „Künstlern“ oder den Melancholikern. Meist vereinen sie diese Eigenschaften, so daß sie in ihrem Elfenbeinturm zügellos die Zeit in „klassisch kristalliner Pose“ verdämmern können.

Zweifellos ist Ballards Vorliebe für Weltuntergänge der ideologische Ausdruck der Weltuntergangsstimmung des alternativlosen bürgerlichen Systems; er selbst allerdings versteht die globale Katastrophe als Ausnahmesituation, in der seine Charaktere negative Beispiele abgeben, indem sie versagen; das negative Beispiel evoziert sodann den Appell zur Selbsterkenntnis und individuellen Besserung. intoniert also eine Änderung der Gesellschaft über die Änderung der Persönlichkeit – was natürlich die schlichte Tatsache ignoriert, daß die menschliche Persönlichkeit primär umweltbedingt ist. Ballards gute Absicht mag außer Zweifel stehen , aber während er das „ lnsichgehen“ propagiert, haben viele Millionen Menschen nicht die materiellen Voraussetzungen dazu, weil ihr einziger Gedanke die Beschaffung ,der nächsten kargen Mahlzeit ist, und während er die Frage nach der Selbsterkenntnis stellt. sind viele Millionen Menschen noch immer außerstande, ihren wahren Feind zu erkennen: jene Tausendschaft internationaler Konzernherren, die noch immer mehr als die Hälfte der Erde regieren, und während Ballard sinniert und appelliert, löst jedes ihrer Telefongespräche eine Kette von Verbrechen aus.

Das Versagen der Ballardschen Charaktere ist durchaus Kritik an der Passivität, aber seine Alternative, durch Selbstbesinnung die Persönlichkeit zu festigen, um dann nach der Katastrophe, der Ausnahmesituation, im Neubeginn sich als Phönix aus der Asche zu bewähren, ist weder sonderlich neu noch erfolgversprechend. Die Propagierung von Charakterstärke in Konflikt- und ähnlichen Situationen verlangt nicht allein negative Beispiele, sondern vor allem die Schöpfung von Durchschnittscharakteren, solchen, die im Nachbarhaus wohnen könnten, deren Entwicklung zum positiven Charakter in eben einer solchen Situation prozeßartig aufgezeigt wird. Die Realität beweist nun einmal. daß ein Charakter nicht identisch ist mit einem Verhaltensprogramm, sondern daß er je nach Maßgabe der Umstände und der individuellen Erfahrung einer Überprüfung seiner Normen und Auffassungen und damit dem Zwang zur Entscheidung unterworfen ist. Die Welt, aber das vermag ein bürgerlicher Autor, der auch noch zum Individualismus neigt. nicht zu begreifen, ist nicht statisch und kein fertiges, gerade noch mechanisch-physikalisch agierendes Ding, sondern in ständiger Bewegung, voller untrennbarer Widersprüche; überall schlägt Quantität in Qualität um, vollzieht sich die Negation der Negation; und es ist bezeichnend für die aggressive Hilflosigkeit der bürgerlichen Ideologie, daß sie den Vorwurf der Starrheit gegen den Materialismus erhebt, während sie selbst unaufhörlich Beweise für ihre geistige Plumpheit liefert.

Der andere Teil von Ballard’s Werk besteht aus einer großen Anzahl von Stories. die sich recht hübsch lesen; die 1972 beim MvS-Verlag erschienene Kollektion DIE TAUSEND TRAUME VON STELLAVISTA (4) ist durch· aus repräsentativ dafür. Mit Sicherheit läßt sich feststellen, daß Ballard einer der stilistisch angenehmsten und auch interessantesten Autoren der New Wave ist, in der er, wie wir in der abschließenden Zusammenfassung sehen werden, auch eine zentrale Position einnimmt.

Kommen wir nun zu Thomas M. Disch, nach dem Heyne-Klappentext zur Story-Kollektion .JETZT IST DIE EWIGKEIT (UNDER COMPULSION) (5) „ein neuer Meisterautor der modernen SF“ (und das, obwohl es bei Heyne doch nur Meisterautoren hat!) . Mr. Disch ist allerdings. wie es einem „progressiv-dynamischen" Autor der „modernen SF" ansteht. durchaus kein Freund des „American way of life" und der darin verbohrten „Schweigenden Mehrheit" in den USA. Im Gegenteil. erunterzieht sie einer äußerst zynischen Kritik, hier vor allem in der Story WEIHNACHTEN IN CASABLANCA (CASABLANCA). und er beklagt durchaus die US-Aggression in Vietnam. Weiter bringt er es leider nicht mehr. sondern versumpft. auf Orwell bauend, in den noch zu erläuternden „utopischen Gestaden" (S. 115) der Totalitarismus-Theorie. Seine Geschichten sind teilweise recht phantasievoll, gehen aber inhaltlich fast ausschließlich rein deskriptiv auf Oberflächenerscheinungen ein, sind bar jeden gesellschaftlichen Bezuges; obendrein zeugen sie von einer asthmatischen Schreibtechnik und enthalten folglich oft ermüdende Längen. Zu dieser Kategorie gehören die Stories JETZT IST DIE EWIGKEIT (NOW IS FOREWER). ANRUF AUS DEM NICHTS (THE NUMBER YOU HAVE REACHED). KOMM ZUR VENUS, MEIN SCHATZ (COME TO VENUS MELANCHOLY). KÜCHENSCHABEN (THE ROACHES), LINDAS BABY (LINDA AND DANIEL AND SPIKE). DER KÄFIG ( THE SQUIRREL CAGE) und NADA (NADA). Erste schlimme Ahnungen beschleichen uns dann bei der Lektüre von MONDSTAUB, HEUGERUCH UND DIALEKTISCHER MATERIALISMUS (MOONDUST, THE SMELL OF HAY AND DIALECTICAL MATERIALISM): ein sowjetischer Kosmonaut stirbt auf dem Mond an Sauerstoffmangel, worauf Mr. Disch sich zu erklären beeilt, er sterbe weder „für die Liebe", noch „für die Wissenschaft" noch „für den Staat", und es gebe „überhaupt keinen guten Grund für das Sterben" (S. 28). Kollege Ronald M. Hahn erwiderte darauf in DEMENTER 3. das habe er schon lange gewußt. Solche Antwort geben, heißt nicht weniger als Disch auf den Leim kriechen (dieser Dischlerleim wird sich im Folgenden als absolut unverdaulich erweisen). Einige kurze Gedanken über dieses Problem ergeben einleuchtend. daß es „gute Gründe" für das Sterben geben kann, z.B. unerträgliche Folter; das Bewußtsein, um den Preis der eigenen Existenz Schlimmeres, in welcher Form auch immer. abzuwenden; ungleich Wichtigeres für die Klasse und die Gesellschaft, der man angehört, zu erringen. Dazu gehören selbstverständlich hohe ethische und moralische Qualität, aber Hahn und Disch zum Trotz ist dergleichen schon praktiziert worden, nicht selten sogar (wobei diese Tatsache aber noch kein Werturteil über den jeweiligen Grund impliziert; die Definition von Ethik und Moral ist klassenbedingt).

Mr. Disch erwähnt noch andere Seltsamkeiten, etwa, „daß am Ende aller Dinge das blanke Nichts stehen" werde und „nur die Toten wissen, was der Tod ist" (S.23); ersteres ist naturwissenschaftlicher Unfug, da das „Ende aller Dinge" identisch sein müßte mit der Nichtexistenz der Materie – das aber ist schlechthin unmöglich, da die Materie unzerstörbar und folglich nicht in „Nichts" auflösbar ist. Daß „nur die Toten wissen, was der Tod ist", mag vielleicht für Mr. Disch gelten, der, wie wir noch sehen werden, schon hinreichend Kontakte mit Geisterwelt gepflegt hat; nach herkömmlicher Auffassung wissen die Toten gar nichts, nicht einmal von ihrem eigenen Tod; dagegen wissen die Lebenden sehr wohl. daß der Tod nicht mehr oder weniger ist als das organische und bewußtseinsmäßige Ende einer bestimmten Form der Materie, die im Verwesungsprozeß andere, primitivere Formen annimmt. Vom dialektischen Materialismus (Diamat) finden wir in dieser Story nicht die geringste Spur, weshalb wir annehmen, daß dieser, was immer Mr. Disch sich auch dabei vorstellen mag, sich ebenfalls in die Geisterwelt verflüchtigt hat.

Die Qualität von Mr. Dischs politischem Bewußtsein und seiner Kenntnisse der gesellschaftlichen Organisationsformen lernen wir jedoch erst würdigen mit seiner WELT DER SCHIZOPHRENEN (Original: THESIS ON SOCIAL FORMS & SOCIAL CONTROLS IN THE USA – ein Vergleich wirft ein bezeichnendes Licht auf die Titel-Adaption im Heyne-Lektorat!). Wir wollen uns bemühen, den Gesellschaftsphantasien des Historikers Disch („abgeschlossenes Geschichtsstudium") unter größter Nachsicht etwas abzugewinnen.

Für die US-Geschichtsschreibung beginnt die Geschichte der Menschheit im Jahre 1787, dem Jahr der Unterzeichnung der US-Verfassung, vorher herrschte graue Urzeit (vgl. Matthias); die Sklaverei als historische gesellschaftliche Formation ist daher für unseren wackeren Historiker kein Begriff, sondern Sklaverei reduziert er auf die Einheit von maximaler Arbeitsbelastung und einem Minimum an menschenwürdigen Verhältnissen. In der Tat aber unterscheiden sich Sklave, Leibeigener und Lohnarbeiter dadurch, daß der Sklave ein Stück Eigentum ist, so gut wie ein Ochse oder ein Spaten, der Leibeigene immerhin bereits selbst Eigentum hat, wie Land und Werkzeug zu dessen Bearbeitung, physisch aber noch Eigentum seines Feudalherren bleibt, der Lohnarbeiter dagegen vom Verkauf seiner einzigen Ware, der Arbeitskraft, leben muß. Mr. Disch, dem Historiker US-amerikanischer Qualität, sind diese Unterschiede gänzlich unbekannt. Er heißt seine verworrene Beschreibung eine „Analyse der amerikanischen Kultur" und beginnt mit den herzzerreißenden Worten: „Im Alter von. einundzwanzig Jahren werden· alle Männer zu ihrem ersten Jahr der Knechtschaft einberufen." (S. 107) Oh unschuldige Einfalt! Wer hätte je gehört, daß die Käufer von Arbeitskraft je gezwungen gewesen wären, die Lohnabhängigen zur Arbeit einzuberufen", obwohl diesen doch gar nichts anderes übrigbleibt, als ihre Arbeitskraft an den Meistbietenden zu verkaufen oder Hungers zu sterben! Diese überflüssige Einberufung erfolgt in ein „Arbeitslager", wo der „Sklave" seine „Sklavenseele" entwickelt. (Ähnliches lasen wir schon in CAMP CONZENTRATION.) Unsere liebenswerte „Historikerseele" erklärt darob, „erst heute" sei „das Prinzip der Bewußtseinsspaltung" „bewußt" – Ein gespaltenes Bewußtsein ist seiner Spaltung bewußt! Erstaunlicher Höhepunkt sowohl des Bewußtseins als auch seiner Spaltung! – „allen gesellschaftlichen Vorgängen angepaßt" (S. 108). Schönster Vorgang dieser anachronistischen Gesellschaft ist, resultierend aus den „unbeabsichtigt weisen Sprüchen" (!?) „Orwells", wie „der Löwe sich zu guter Letzt neben dem Lamm zur Ruhe legt"; „so sind die treibenden Kräfte der modernen Gesellschaft zusammengefaßt" (S. 108/109). Nachdem wir dermaßen in die „Analyse" eingeführt sind, daß sich in den USA „die treibenden Kräfte" „zu guter Letzt" „zur Ruhe" legen, fährt unser Historikerlöwe fort, nicht nur weiterhin Kapitalismus mit Sklaverei, sondern die Sklaverei auch mit Feudalismus zu verwechseln; diese drei exakt abgegrenzten gesellschaftlichen Formationen verwandeln sich bei Mr. Disch flugs in „die Sklaverei", und zwar dreifaltiger- und einfältigerweise in

a) die „prähistorische Sklaverei" (bis 1787) von der Mr. Disch zu sagen weiß, daß sie „verhältnismäßig dauerhaft" (!!) war (S . 1 09); (In der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung unterteilt man diesen Zeitraum in Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalismus und beginnenden, also Frühkapitalismus.)

und

b) die „kapitalistische Sklaverei" (bis 1972) , von d er unser Historiker berichtet, daß sie „die Grundlagen industriellen Fortschritts" legte; allerdings war es genau umgekehrt, weil erst die Entwicklung der Produktionsmittel und Produktivkräfte und ihre zunehmende Verbreitung den Einsatz beweglicher, nicht mehr an Werkstatt und Scholle gefesselter Arbeitsheere verlangte; im übrigen, da die Sklavenhaltergesellschaft noch vor dem Feudalismus „zur Ruhe" gelegt wurde, hat in der wissenschaftlichen, nicht „zur Ruhe" gelegten Geschichtsschreibung der Kapitalismus definitiv mit Sklavenhaltung nichts zu tun. Dem Sklavenhalter gehörte der Sklave, der den Status eines selbsttätigen Werkzeugs, aber keineswegs den einer Persönlichkeit hatte; dem Kapitalistcn gehört „nur" das Produkt der gekauften Arbeitskraft des „freien" (von Besitz an Produktionsmitteln freien) Arbeiters.

sowie

c) „die Sklaverei" der „atopischen", „schizophrenen" oder auch „modernen Gesellschaft" (ab 1973), in der laut Mr. Disch die Schizophrenie „vollständig" ist. (In Erinnerung der Realität wollen wir vermerken, daß das 20. Jh. das Zeitalter des imperialistischen Stadiums des Kapitalismus ist, zugleich die Epoche der Weltrevolution, d.h. des globalen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus!)

Auf diese Weise „zu guter Letzt" über die „schizophrene moderne Gesellschaft" und „ihre „vollständige bewußte Schizoophrenie" nebst den „zur Ruhe" gelegten „Löwen und Lämmern" in ihrer Eigenschaft als „treibende Kräfte" „der Sklaverei" informiert, erfahren wir nun einiges über „die Gebräuche" dieser „atopischen Gesellschaft" (S. 117) . Neben „der Sklaverei" ist ihr wichtigster „Brauch", „dem Eros Daumenschrauben "anzulegen (S. 118). Diese ergreifende Nachricht verdankt Mr. Disch keinem anderen als Sigmund Freud. Während der Leib-, Lohn- und Arbeitssklave der „atopischen Gesellschaft" seine „fünfjährige Knechtschaft" als „Leibeigener" „Sklave" und „Lohnsklave" in einer Person abdient (woher wahrscheinlich die Schizophrenie rührt), trägt er diese Schrauben an den Daumen wie seinerzeit der wirkliche Sklave seinen Eisenring um den Hals. Anschließend wird er „frei", und auf der Stelle finden wir ihn wieder als „Freuds vielgestaltigen Perversen" (S . 119). Als weiteren „Brauch" der atopischen Gesellschaft", deren „System" da heißt: „auf getrennten Ebenen leben" (S. 118), erfahren wir, daß eine freiwillige Verlängerung der „Sklaverei"– wie verblüffend! – „als eine recht ungebräuchliche Praxis" (S . 114) erweist. Weitere „Bräuche" sind, daß die „Freien" nach Lust und Laune leben. sämtliche US-Bürger „mit vatikanischem Bann" (S. 115) belegt. ferner die Frauen „freie" kasernierte Gebärmaschinen sind, und zum Troste, daß „der Mensch" „viele Wesen zu gleicher Zeit ist" (S. 112). Wir lesen weiter, daß „Rußland" und China sich demnächst gefälligst gegenseitig auszuradieren haben und in Europa der Papst und „die strengsten Theologen der Kirche" herrschen werden sowie daß die „Staatssklaverei", die Mr. Disch als allerneuste Form der „Sklaverei" entdeckt hat, auch .,jeder kommunistischen Gesellschaft innewohnt" (S. 115); was wir, selbst wenn es zuträfe, immer noch der „Schizophrenie" vorziehen würden. Freundlicherweise enthebt uns Mr. Disch damit der Mühe, die US-amerikanische Gesellschaft zu verändern, da „die Sklaverei" als totalitarismus-theoretischer Kern seiner Ergüsse ohnehin nicht aus der Menschheitsgeschichte (zumindest nach jener US-amerikanischen Betrachtungsweise „atopischen Stils" mit dem Qualitätssiegel „Disch ") zu verbannen ist.

Diese originellen Ausführungen Mr. Disch’s wollen wir „zu guter Letzt" mit seinen eigenen Worten kommentieren: „Spannungsirresein oder Hysterie sind innerhalb der ersten Wochen nicht ungewöhnlich" (S. 118). – „Tatsächlich dienen sie diesem Zweck so gut, daß ich es angebracht finde, meine Arbeit auf dieser Grundlage zu gliedern" (S. 119). Inzwischen sehen wir uns zu dem Geständnis gehalten, daß ihm das außergewöhnlich beeindruckend gelungen ist. – Die Ehre, eine der „schizophrenen“ Individuen der „atopischen Gesellschaft", einen „gespaltenen Mann" (S. 112), dessen „zwei Hälften" (sollen es etwa drei sein?) „je zu unabhängiger Handlung fähig sind" (S. 118), vorgestellt zu bekommen, widerfährt uns in dem Roman DIE DUPLIKATE (ECHO ROUND HIS BON ES) (7); die EVENJNG NEWS kräht: „Eine großartige Phantasmagorie!" und der DAILY TELEGRAPH bricht in Freudengeheul aus: „Rasantes Tempo, alptraumhartes Ergebnis …“ (!?) .„ergötzlich, äußerst lesenswert!" Ein US-Offizier namens Hansard begibt sich per Materie-Transmitter zum Mars, um von dort aus auf Befehl von „Mr. President" den nuklearen Überfall auf die sozialistischen Staaten einzuleiten. Durch einen Übermittlungsfehler nimmt Hansard’s bisher nur gewöhnliche Schizophrenie den Charakter der „treibenden Kräfte" an, die „zwei Hälften" des „gespaltenen Mannes" teilen sich fortan die Aufenthaltsorte Mars und Erde; der Hansard auf dem Mars ist der „Löwe", der nach wie vor den erhaltenen Befehl ausführen will; dagegen wird der Hansard auf der Erde nicht nur zur „reinen Geistergestalt ", sondern auch zum „Lamm", das den Atomschlag vereiteln will. Diese Einheit antagonistischer „treibender Kräfte" soll offenbar der „dialektische Materialismus" des Mr. Disch sein. Das „Hansard-Geisterlamm" hat einige Orientierungsschwierigkeiten, zunächst, weil ihm als „reine Geistergestalt" von Mr. Disch eine eigene. wenn auch höchst „atopische" und windige Physik zugeteilt wird, so daß er durch alle Gegenstände, die noch der „prähistorischen Physik" (bis 1787) unterworfen sind, einfach hindurchfällt, also, obschon ein „Geisterlamm ", sich vorübergehend nach Art einer „Geisterschildkröte" bewegen muß; ferner, weil es an US-amerikanischen Schulen mit der Geographie nicht weit her ist, da die Schüler sie aus dem Stundenplan zu streichen pflegen, wie auch Geschichts-. Mathematik- und anderen Unterricht (in den USA ist es die Regel, daß nur ein geringer Teil von High-School-Abgängern die geographische Lage von Belgien, Ägypten, Jugoslawien, Portugal, ja. die von Mexiko und anderer Nachbarstaaten angeben kann! /vgl. Matthias).

In der „Geisterwelt" unterhalten noch andere „Geistergestalten ihre nichtswürdige Existenz durch Einnahme von „Geisternahrung", teilweise auch durch den kannibalischen Verzehr von „Geister-Negern"; vereint jammern sie über die „Dummköpfe in Washington und Moskau" (wahrhaft ein Musterbeispiel „atopischer Schizophrenie"!). Dank der ebenfalls „belämmerten" „Geistergestalt" des Erfinders des Materie-Transmitters vollbringt die „Geisterwelt" die ehrenrettende Tat, die Erde per "empfängerlosem Materie-Transmitter" auf die andere Seite ihrer Umlaufbahn zu schleudern, und das Atom-Bombardement geht ins Leere; womit unsere tapfere „Geisterwelt" in „die Rolle jenes Ingenieurs gerät, der die Erde in die Luft sprengt, um einen Misthaufen zu beseitigen" (Marx). Ein wirklich würdiges Finale, wie man es von Mr. Disch als „geborenem Geschichtenerzähler" (BOOKS & BOOKSMEN) erwarten darf, diesem „wirklich strahlend neuem Licht auf der amerikanischen SF-Szene" (FANTASY & SCIENCE-FICTION), dessen Funzel auch schon in der „atopischen" US-Geschichtsschreibung umhergeisterte, stellt dar die abschließende „Geisterhochzeit". Wir empfehlen Einlage einer Schweigeminute.

In der Einleitung sprachen wir bereits von Auswirkungen. Eine symptomatische Demonstration solcher Auswirkungen hat uns SF-Fan Hans Hermann Prieß aus Köln geliefert mit seiner Rezension zu Samuel R. Delanys EINSTEIN, ORPHEUS UND ANDERE (THE EINSTEIN INTERSECTION) (8) in ORBITER 32. Selbiger Prieß erweist sich nicht nur als armselig genug, Delanys schlampige, grelle Schreibe als .,ökonomisch im Stil", „streng im Satzbau ", „knapp und modern" zu preisen (was er abschrieb bei Rottensteiner, der aber einen anderen Autor meinte!!), obendrein glaubt er, in Delany einen „Autor von geradezu klassischer Form"(!) zu finden, der in „auf milde Weise"(!) „oft anstößigen Geschichten …" – .,das Ego der Massen annulliert." (phantastisch!!)

Derlei Gesudel findet sich noch auf bei Prieß, der aber keineswegs länger Gegenstand der Betrachtung sein soll; wir erwähnen ihn überhaupt nur, um aufzuzeigen, daß sich die Phrasen dieser Gymnasiasten-Rezension nicht erheblich unterscheiden vom Klappentext des MvS-Verlages, der sich in folgenden „klassischen" Wendungen ergeht:

„Große Neuentdeckung … der unheldische Held … ritterliche Suche … spukhafte Dschungel und Wüsten … die Küsten des Todes" (letzteres offenbar übernommen von Moorcock's THE SHORES OF DEATH!) … den neuen Mythos aus dem Leeren formen …" (letzteres nach J. Merril) ... ein Orpheus aus anderen Welten … Irrsinn moderner Großstädte …"

Neben anderem hilflosen Gestammel folgt dann noch der Hinweis, der vorliegende Roman sei „ein wesentlicher Beitrag zur Literatur der Pop-Generation Amerikas". Zweifellos. dazu mag er taugen. Einstein hat darin nur insofern etwas verloren, als er den Strohmann für ein kindisches Kauderwelsch über „Zeit, Raum und Mathematik" abgeben darf. Zu Orpheus und Eurydike hat die Handlung den einzigen Bezug, daß der sogenannte Hauptcharakter, ein Waschlappen ersten Ranges, „seine Eurydike" sucht und dabei in eine Grube fällt, analog zum Hades; ansonsten spielt die Handlung post doomsday und ist äußerst wirr. Über die Gesellschaftsordnung erfahren wir, daß sie „phantastisch" ist, aber aufgrund der liederlichen Geistesverfassung der Charaktere vermögen wir zu ahnen, daß sie wenigstens auch „atopisch" sein muß. Auf seiner „ritterlichen Suche" trifft erwähnter "unheldischcr Held" namens Lobey seinen Todfeind „Kid Death" alias „Billy the Kid" alias William H. Boney, den er tötet. Ein „neuer Mythos" , „aus dem Leeren geformt"? Albernheit, die der durch Comics mitgeprägten Erfahrungswelt eines Vierzehnjährigen entstammen könnte! Die „wesentlichen Beiträge zur Literatur der Pop-Generation" lesen sich folgendermaßen:

„In der Nacht nach einem harten Tag wurden er"(Ringo) „und die anderen Beatles von schreienden, rasenden Mädchen in Stücke gerissen, und dann kehrten er und die anderen Beatles zurück, endlich vereint mit dem großen Rock und dem großen Roll." (S. 22) - „Lo Hawk warf mir einen Blick voller Kwarz und Gristall zu." (S. 32) - „Heiliger Elvis Presley!" (S. 58) - „Ich war wütend wie der ganze Elvis." (S. 65) - „ … der Dschungel, mein Publikum, applaudierte zu dem Beat der dahinbrausenden Echsen." (S. 90) - „Mein Herz rockte. Mein Herz rollte." (S. 121) - „Dies alles kann ein falscher Ton sein, bestenfalls eine vorübergehende Dissonanz in den Harmonien des großen Rock und des großen Roll." (S. 158) - „Man kann sich fragen, ob Theseus das Labyrinth baute, während er durch es hindurchging." (S. 159) - „Musik ist der reine Ausdruck zeitlicher und gleichzeitiger Zusammenhänge."(S. 160).

Diesem Geschwätz setzt die Krone auf die grauenerregende Drohung des Autors: „Bald werde ich von neuem beginnen. Schlüsse, die nützlich sein sollen, müssen ergebnislos sein." (S. 164), denn Romane, die verkäuflich sein sollen, müssen in der westlichen Hemisphäre bekanntlich blödsinnig sein.

Ein Mann. der schreiben kann, ist John T. Sladek; sein erster Roman. DER MÜLLER-FOKKER-EFFEKT (9) (THE MÜLLER-FOKKER-EFFECT) ist ein gar lustig Ding, doch es dürfte keinem liberalen Rezensenten schwerfallen, diesen halbgaren ideologiekritischen, antikapitalistischen Tönen sein Gelobhudel zu zollen.

Sladek hat einen scharfen Blick und eine spitze Feder, er lokalisiert neuralgische Punkte der bürgerlichen Ideologie mit großer Sicherheit und glossiert sie sehr boshaft. Aber das Vergnügen ist kurz, denn wie allen New-Wave-Autoren mangelt es Sladek an Alternativen, und nachdem er die Widersprüche der US-Gesellschaft karikiert hat, versandet der Roman in einer Art Jerry-Lewis-Spektakel mit langweiligen abstrusen Straßenkämpfen aller gegen alle – kindisches Resultat einer unvollständigen Umweltanalyse, die „allgemein-menschlichen" Antibürokratismus für die höchste Form des Klassenkampfes hält (sh. auch Sladek's NEUE FORMULARE in Schecks Anthologie KOITUS 80) (10) und alle Schriftsteller für notorische Rebellen. Jeder halbwegs kritische Leser ist nach dieser Lektüre so schlau wie zuvor, und der unkritische, voreingenommene Leser beendet sie erfahrungsgemäß gar nicht.

Dieser Überblick mag hinreichen, um die Frage zu beantworten zu können, wodurch sich nun eigentlich die New Wave positiv von der traditionellen SF abhebt. Der wesentliche, aber rein formelle Aspekt ist natürlich die zunehmende Ästhetisierung; die Mehrzahl der New Wave-Autoren rekrutiert sich aus guten bis sehr guten Schreibern, und keinesfalls ist es verfehlt, hierin insgesamt den hauptsächlichen Kontrast zur „Old Wave" zu sehen. Wie der amerikanische Ballard-Kenner Richard Mills ohne Umschweife erklärte, habe sich Judith Merril seinerzeit sogar ausschließlich zur Förderung Ballards entschlossen, um das literarische Niveau der SF zu heben, und er ist fest überzeugt, daß es ohne diese Zusammenarbeit nie eine New Wave gegeben hätte. Wie sehr auch diese offenherzige Einschätzung das Entstehen einer literarischen Tendenz simplizifiert, so nachdrücklich deckt sie sich doch mit den schon von Scheck und Rottensteiner geäußerten Anschauungen, die New Wave habe „nicht die Konsequenzen aus den Wahnphantasien der SF gezogen .„kein radikales Kontra gegeben" (Scheck) und "versackte sehr schnell in Mystik, Verwirrung, Ziellosigkeit, Seelenkitsch, unreflektierten, hingeschluderten Anklagen, wenig überzeugend durch Gleichförmigkeit des massenhaften Auftretens, innerer Kraft ermangelnd." (Rottensteiner). Moorcock gar, der beständig durch polternde, nichtssagende Propaganda für die „Möglichkeiten" der New Wave Aufsehen erregt, wobei er nicht vergißt, auch auf seine diversen verdienstvollen Nervenzusammenbrüche hinzuweisen, gesteht selbst, daß "die Masse der sogenannten New Wave … keinen größeren Anspruch darauf erheben kann, ernsthafterer Betrachtung wert zu sein als die Masse der sogenannten alten Welle. " (Nach: Rottensteiner) (1)

Wie sollte sie auch? ; in der New Wave findet sich der Obskurantismus der traditionellen SF nur zu deutlich wieder, stümperhaft getarnt und verschoben auf die kleinbürgerliche Ebene geradezu perversen Mystizismus, als dessen fader Kern sich die gleiche alte Unwissenheit und Hilflosigkeit herausschälen läßt: Heinleins Atomkriegspropaganda und Clarkes Überbevölkerungs-Geschwätz unterscheiden sich selbst im Ansatz kaum von Ballards Katastropheneinsätzen und Moorcocks „psychischer Zerrüttung", und das Gefasel über die „Anforderungen der Zukunft", das ihnen gemeinsam ist, dient nur zur Vortäuschung einiger Wichtigkeit – das Jammern wird umso kläglicher, die Verworrenheit umso bizarrer, der Stil um so schöner, je weniger wirklich Lösungen oder auch nur originelle Ansätze geboten werden. Die gemeinsame fixe Idee – und damit die gemeinsame Hauptschwäche ·der New Wave und der traditionellen Sf ist die Superlative, der reguläre Rettungsanker aller Tintenkleckser. Was ist denn schon groß der Unterschied zwischen irgendwelchen intergalaktischen Kriegen und irgendwelchen monströsen Katastrophen? Der Unterschied ist rein thematisch-technischer Art, aber die Konzeption läßt auf die Verfasser die gleichen negativen Schlüsse zu. Dennoch versteigt Moorcock sich zu der rundum obskuren These, die New Wave sei eine „Literatur, die sich nicht einfach" (Nicht einfach!!) „mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Trends beschäftigt, sondern" (Sondern!!) „mit all den Möglichkeiten der Menschheit, ihrer künftigen Psychologie, sozialen Ordnung und Metaphysik." (10) „Nicht einfach, sondern!" einfach sonderbar schwierig möchten die Herren es: wo wirkliche Probleme sind, z.B. die Implikationen, welche die Entwicklung der Wissenschaft zur Produktivkraft enthält, werden sie durch „künftige Psychologie" verkleistert, über die .,soziale Ordnung" melden sich offenbar nur so unfähige „Atopisten" wie Disch zu Wort, und die „Metaphysik" usw. führt keinen Schritt weiter.

Gemessen an ihren eigenen Ansprüchen, ist die New Wave nicht mehr als ein Kampf gegen Windmühlen, die „mit ihrem Fanatismus" (Moorcock) angekündigte Auseinandersetzung der New Wave-Autoren und ihres "revolutionären Geistes" (dto.) mit der komplizierten Wirklichkeit, „der Zeit und der menschlichen Psyche", mit der „Philosophie der Wissenschaften" (dto.) findet im Keller statt, aber keineswegs mit gegenwärtigen und etwaig daraus resultierenden künftigen Problemen, sondern mit konstruierten Stubenhocker-Problemchen, die zu den handelsüblichen Superlativen aufgebläht werden.

Wo noch solche Kindereien wie DER WÄRMETOD DES UNIVERSUMS (Zoline ) und DAS ENDE DER WELT (Platt ) in Fladenbreite getreten werden, sind Autorenschaft und Leser einander würdig, findet doch die New Wave ihre Konsumenten vor allem unter jenen Halbakademikern, welche von den Auftraggebern ausgefeilter Werbung in höhnischer Distanz "Pop-Generation" genannt werden. Und der Inner Space, auf dessen Erforschung diese fromme Gemeinde ihr Monopol zu erheben gewillt ist, entpuppt sich bei näherer Betrachtung nicht etwa, wie in der sozialistischen Phantastik, als Analyse von menschlichen Verhaltensweisen unter komplizierten Konfliktsituationen, sondern als Zerrbild von in Wirklichkeit sehr konkreten Zuständen, oder, um einer falsch verstandenen Ästhetik willen, als Geschwulst irrwitziger Symbolismen, die dem gemeinen Manne nicht zugänglich sind und auch nicht sein sollen: „Wer die Galaxis regieren muß, findet wenig Zeit, sich darum zu kümmern, wo das tägliche Brot herkommen soll." (Rottensteiner, SCIENCE FICTION, in: Insel-Almanach 1972) (11)

Die literarische Verarbeitung technologischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme hat abstrakt keinen Sinn, sondern kann ihren Sinn erst erhalten, wenn sie den Bezug findet zu dem, den es angeht: den Mann auf der Straße, die Frau im Bus, das Ehepaar nebenan, weil jene Phänomene, von deren Bedrohlichkeit die alten und neuen Wellen der SF schwafeln, ihre gesellschaftliche und individuelle Realität beeinflussen, und, was bisher noch jeder SF-Autor vergessen hat, sie diese Phänomene im Gefolge von Bewußtseinsentwicklung und daraus resultierender Aktivität auch zu ihren Gunsten lenken lernen können. SF-Literatur, die diesen Bezug nicht herstellt, hat kaum ein Recht, Entwicklungen zu beklagen, denen zu wehren sie nicht ernstlich gewillt ist, und, wo sie sich nicht bewußtseinsfördernd an die Stenotypistin im Hause Soundso wendet, helfen auch Moorcocks „revolutionärer Geist" und seine Nervenzusammenbrüche nicht. Wie in der alltäglichen Politik, so gehen auch revolutionäre Purzelbäume in der programmatischen Phraseologie der New-Wave-Autoren stets einher mit nacktem politischem Bankrott, und es ist ein allzu entlarvender Beweis für den kleinbürgerlichen Charakter der New Wave, daß auch sie jeden Hinweis auf das Berufs- und Arbeitsleben, das doch einen großen Teil des realen menschlichen Lebens ausfüllt, konsequent unterschlägt – eine unvermeidliche Eigenschaft typischer Ablenkungsliteratur. Die Aufgabe der demokratischen sozialistischen Kräfte in der BRD, das eiserne Schweigen, das die bürgerliche Publizistik über die Produktionssphäre zu bewahren pflegt, zu brechen, muß auch auf der literarischen Ebene der SF angegangen werden. Bei dem Charakter der SF als Massenliteratur ist der Ansatz an der Alltagsrealität so augenfällig, daß jeder, der ihn ignoriert, sich früher oder später einen falschen Propheten nennen lassen muß.

Eine tatsächlich „Neue Welle" in der SF hat die Alltagsrealität zu. Hinterfragen, statt sie zu verdrängen, ehe sie ihr „intellektuelles Unternehmen" (Moorcock ) und andere großmächtige Sprünge vom Stapel läßt, hat die objektiven Interessen der Betroffenen zu artikulieren, bevor sie sich zum Retter der Zukunft aufschwingt. und hat, bevor sie ein technologisch beschränktes oder subjektivistisch verfälschendes „Veränderungsdenken" propagiert, Gedanken zu äußern, die uns die Realität verändern helfen. Daß solche wünschenswerte Ansätze auf der internationalen SF-Bühne bislang kaum embryonal vorhanden sind, steht außer Zweifel, verdeutlicht jedoch nur allzu sehr den gewaltigen Rückstand an theoretischer und literarischer Arbeit, der in dieser Hinsicht noch aufzuarbeiten ist. Ungeachtet dieses Mangels – an gutwilligen Appellen wie dem vorliegenden fehlt es freilich nicht – gilt auch für die Autoren der New Wave die Forderung des brillanten polnischen Aphoristikers Stanislaw Lem: „Faßt euch kurz, die Welt ist übervölkert mit Wörtern."

 

(1) Barmeyer, Eike: SCIENCE FICTION, Hrsg. Wilh.-FinkVerlag, München 1972

( 2) Moorcock, Michael: DER SCHWARZE KORRIDOR, Fischer-Orbit 11, Frankfurt/Main, 1972

(3) Zelazny, Roger : DIE STRASSE DER VERDAMMNIS, Heyne-Tb 3310, München 1972

(4) Ballard, J.G.: DIE TAUSEND TRÄUME VON STELLAVISTA, MvS-Verlag, Düsseldorf 1972

(5) Disch, Thomas M.: JETZT IST DIE EWIGKEIT, Heyne-Tb 3300, München 1972

(6) Matthias, L.L: DIE KEHRSEITE DER USA, Rowohlt Verlag, Reinbek b. Hamburg 1971 (7) Disch, Thomas M.: DIE DUPLIKATE, Heyne-Tb 3294, München 1972

( 8) Delany, Samuel R.: EINSTEIN, ORPHEUS UND ANDERE MvS-Verlag, Düsseldorf 1972

(9) Sladek, John T. : DER MÜLLER-FOKKER-EFFEKT, Verlag Werner Gebühr, Stuttgart 1972

(10) Scheck, F.R.A.: KOITUS 80, Kiepenheuer & Witsch, Köln /Berlin 1970

(11) Rottensteiner, Franz: PFADE INS UNENDLICHE – Insel Almanach f. d. Jahr 1972 – Insel-Verlag, Frankfurt/ Main 1972