Kurd Laßwitz – Prophet des Bürgertums

(Erstveröffentlichung SFT 2/85)

In einer Auflage von zunächst nur 2000 Exemplaren erschien im Oktober 1897 in Weimar der Roman, der inzwischen unumstritten als der bedeutendste Klassiker deutschsprachiger Science Fiction gilt: AUF ZWEI PLANETEN von Kurd Laßwitz. Vor wenigen Monaten ist der Roman in beiden Teilen Deutschlands wieder vorgelegt worden, vom Verlag Das Neue Berlin im Oktober 1984 in der DDR und vom Buchversand 2001 im November in der Bundesrepublik.

Kurd Laßwitz verstand sich nicht nur als "Dichter der Technik" 1 , als der er nach seinem Tod von Wissenschaftlern und Technikern der Weimarer Republik gepriesen wurde. Er wollte nicht nur mögliche tedmische Errungenschaften dichterisch vorwegnehmen, seine Zukunftsprognostik befaßte sich auch mit der Frage der Weiterentwicklung der Gesellschaft vor dem Hintergrund wissenschaftlicher und technischer Veränderungen. Das zeigt sich besonders deutlich in seinem belletristischen Hauptwerk AUF ZWEI PLANETEN, mit dem er den fortschrittsoptimistischen Zukunftserwartungen des Bürgertums im 19. Jaluhundert Ausdruck gab. Im folgenden soll der Roman zeitkritisch eingeordnet und die in ihm enthaltene utopische Perspektive, die weit über das 19. J aluhundert hinausreicht, aufgezeigt werden.

I. Leben und Werk

Kurd Laßwitz - mit vollem Namen Carl Theodor Viktor Kurd Laßwitz - wurde am 20. April 1848 in Breslau geboren. Breslau war die Residenz der preußischen Provinz Schlesien und zählte um die Jahrhundertmitte mit 100.000 Einwohnern zu den größten deutschen Städten.

Einen einheitlichen deutschen Nationalstaat nach dem Vorbild Frankreichs und Englands gab es noch nicht. Das Kaiserreich Österreich, das Königreich Preußen sowie 35 deutsche Kleinstaaten und die freien Städte Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt am Main waren seit dem Wiener Kongreß von 1815, auf dem Europa nach den Befreiungskriegen neu geordnet worden war, im Deutschen Bund zusammengefaßt. Zweck dieses Staatenbundes war die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit seiner Mitgliedsstaaten und der Souveränität der sie regierenden Fürsten.

Während sich das ökonomische Interesse des Adels auf die Landwirtschaft beschränkte, bildete sich allmählich eine handels- und geschäftstreibende bürgerliche Schicht heraus, die nach einer Aufhebung der politischen Zersplitterung Deutschlands, der Entstehung eines durch keine Zollbarrieren behinderten gesamtdeutschen Binnenmarktes und der Liberalisierung der ökonomischen und politischen Bedingungen verlangte. Das Bürgertum drängte auf eine nur noch konstitutionelle Monarchie, eine demokratische Verfassung und die Einheit Deutschlands. Als Eisengroßhändler hatte es Kurd Laßwitz' Vater zu beachtlichem Wohlstand gebracht. Karl Laßwitz war einer der drei Stadtverordneten Breslaus im Preußischen Landtag und soll sich im Revolutionsjahr 1848 "mit feurigem Eifer Gedanken über die Besserung der Gesellschaftsordnung gewidmet haben"1. Die bürgerlich -demokratischen und humanistischen Ideale des Vaters fanden im utopisch-phantastischen Romanwerk Kurd Laßwitz' seinen Niederschlag. Immer wieder sprach er sich darin offen oder verdeckt gegen die Adelsherrschaft aus. Der Revolution selbst fühlte er sich allerdings nicht verbunden.

In der Auseinandersetzung mit dem Adel um die politische Vorherrschaft waren das ausgeprägte Bildungsstreben und der Drang nach wirtschaftlichem Aufstieg die stärksten Waffen des Bürgertums. Das Standesbewußtsein verbot einem Angehörigen der Adelsschicht, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Das angemessene Betätigungsfeld lag traditionsgemäß in der Armee und im Staatsdienst.

ÖKONOMIEDOMÄNE DES BÜRGERTUMS

So blieb der ökonomische Bereich eine Domäne des Bürgertums. Um die eigene Machtposition gegenüber dem Adel behaupten und im kapitalistischen Konkurrenzkampf bestehen zu können, wandte sich das bürgerliche Bildungsinteresse naturgemäß vor allem dem naturwissenschaftlich- technischen Bereich zu.

In seiner Heimatstadt besuchte Kurd Laßwitz das Elisabeth-Gymnasium, das in sehr hohem Ansehen stand. Nach dem Abitur im Jahre 1866 schloß sich der humanistischen Schulbildung dann ein naturwissenschaftlich· technisches Studium an. Ein durchaus standesgemäßer Bildungsweg also. Vom Herbst 1866 bis Ostern 1868 studierte Laßwitz in Breslau Mathematik und Physik. Dann wechselte er für ein Jahr an die Universität Berlin.

Mit einer halben Million Einwohner war Berlin die politische, kulturelle und wirtschaftliche Metropole Preußens. Eine Hauptstadt, eine Weltstadt, und verglichen mit Breslau sogar mehr als das: eine Stadt der Zukunft. Jährlich strömten mehr als 40.000 Menschen in die Stadt. Die Einwohnerzahl wuchs täglich. Handels-, Banken-, Transport und Verwaltungszentren veränderten das Gesicht der alten Residenzstadt. Der Bevölkerungsüberschuß der Landgemeinden drängte in die Städte, um sich in der aufblühenden Industrie als Lohnarbeiter zu verdingen. Es mußte Wohnraum geschaffen werden. Der einsetzende Bauboom ließ die Stadt über ihre alten Grenzen hinauswuchern und die umliegenden Dörfer verschlingen.

Hier brachte der knapp Zwanzigjährige seine erste phantastische Erzählung zu Papier, die heute als die erste deutsche Science Fiction-Erzählung einzuordnen ist: "Bis zum Nullpunkt des Seins. Kulturbildliche Skizze aus dem 24. Jahrhundert". Sie erschien 1871 in mehreren Folgen in der Schlesischen Zeitung. Thema des "modernen Märchens", das eine Vielzahl von Ideen technischer Neuerungen enthält, ist die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Wissenschaft, zwischen Gefühl und Ratio in einer übervölkerten Zukunft, in der riesige Städte den Erdball überziehen und Hochhäuser sich in den Himmel türmen. Stilistisch ist die Erzählung kein besonderes Meisterstück. Die Buchausgabe von 1878 erreichte zwar innerhalb eines Jahres drei Auflagen, wurde dann aber nicht mehr verlegt. Kurd Laßwitz gab später offensichtlich selbst nicht mehr viel auf diese erste Erzählung.

Den politischen Tagesereignissen war Laßwitz gedanklich weit voraus, denn die bedeutende antizipatorische Leistung von "Bis zum Nullpunkt des Seins" ist zweifellos die Vorstellung von einer wirtschaftlich einheitlich organisierten Erde, die Idee vom Weltstaat, vorgebracht zu einer Zeit, da Deutschland in ein fast halbes Hundert kleine und kleinste Königreiche, Fürstentümer und Freistädte zersplittert war.

GRÜNDERJAHRE - WIRTSCHAFTLICHER AUFSCHWUNG

Die "Gründerjahre" zwischen der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848 und der Reichsgründung 1871 waren (abgesehen von einer wirtschaftlichen Flaute 1857) von einem beispiellosen wirtschaft1ichen Aufschwung in ganz Europa geprägt. Besonders Preußen entwickelte sich in großen Schritten. Als industriell am weitesten fortgeschrittener, bevölkerungsreichster und militärisch stärkster deutscher Staat, befand sich das Königreich Preußen in einer ständigen Auseinandersetzung mit dem Kaiserreich Österreich um die politische Vorherrschaft im Deutschen Bund. Die Frage, ob die Vereinigung der deutschen Staaten als "alldeutsche" Lösung (unter Einschluß Österreichs) oder als "kleindeutsche" Lösung (unter Ausschluß Österreichs und Führung Preußens) erfolgen sollte, wurde von Preußen schließlich militärisch entschieden. In einer Serie von Blitzkriegen wurde erst Dänemark aus Schleswig-Holstein gedrängt, dann Österreich vernichtend geschlagen. Gleichzeitig wurde der Deutsche Bund aufgelöst und endlich im Begeisterungstaumel des von Preußen provozierten und gewonnenen Deutsch-Französischen Kriegs im eroberten Versallies im Januar 1871 das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Der preußische König Wilhelm 1. wurde Deutscher Kaiser. Diese "Verpreußung Deutschlands" wurde ermöglicht durch den hohen Stand der Waffentechnologie und nicht zuletzt dadurch, daß die preußischen Truppen durch das Eisenbahnnetz, das Preußen und die norddeutschen Staaten überzog, in kürzester Frist an ihre Einsatzorte geworfen werden konnten. Das Bürgertum konnte mit der Entwicklung zufrieden sein, zumal Elsaß-Lothringen mit seinen Erzlagern als Kriegsbeute annektiert worden war.

Preußische Adlige nahmen aber nach wie vor führende Positionen in Politik, Armee und Verwaltung des im Zentrum Europas entstandenen wirtschaftlich und militärisch starken deutschen Nationalstaates ein.

Wie man es vom Sohn eines städtischen Honoratioren wohl auch nicht anders erwartete, meldete sich Kurd Laßwitz bei Kriegsausbruch im Juli 1870 als einjähriger Freiwilliger zum Militärdienst. An Kampfhandlungen war er nicht beteiligt, er gehörte den Besatzungstruppen in Frankreich an. Die soldatische Begeisterung des 22jährigen hielt sich in Grenzen. Seine Feldpostbriefe berichten von Niedergedrücktheit und Vereinsamung.

Nach der Entlassung aus dem Militär nahm Laßwitz seine Studien wieder auf und promovierte 1873 mit einem Thema der theoretischen Physik zum Doktor der Philosophie. Ein Jahr später legte er das Staatsexanien für das höhere Lehramt ab.

Nach einem Probejahr am Johanneum in Breslau und einer Anstellung als wissenschaftlicher Hilfslehrer am Königlichen Gymnasium von Ratibor wurde er 1876 als Gymnasiallehrer ans Ernestinum nach Gotha in Thüringen berufen, wo er bis zu seiner Pensionierung als Lehrer tätig war. Noch im gleichen Jahr, als er die Anstellung in Gotha sicher hatte, heiratete er seine Jugendfreundin Jenny Landsberg (1854 - 1936). Bereits im folgenden Jahr wurde der Sohn Rudolf (1877 - 1939) geboren, drei Jahre später der Sohn Erich (1880 - 1953).

Seit dem Staatsexamen strebte Laßwitz die Professur an einer Universität an. Er spezialisierte sich auf die Geschichte der Atomtheorie. Zwischen 1874 und 1890 veröffentlichte er eine Reihe von Aufsätzen zur Geschichte der Korpuskulartheorie in renommierten Fachzeitschriften. Im Laufe der Jahre entstand so - bedenkt man, daß auch die Lehrtätigkeit Arbeitsaufwand erforderte - ein durchaus umfangreich zu nennendes wissenschaftstheoretisches Lebenswerk. 1890 erschien sein wissenschaftliches Hauptwerk, an dem er über 15 Jahre hinweg mit unermüdlicher Ausdauer gearbeitet hatte: DIE GESCHICHTE DER ATOMISTIK VOM MITTELALTER BIS NEWTON. Rudi Schweikert in einem Nachwort zur 2001-Ausgabe von AUF ZWEI PLANETEN: "Die GESCHICHTE DER ATOMISTIK gilt noch heute unter Fachleuten als ein Kompendium, zuverlässig und unübertroffen ... " 3 Doch sein Ziel erreichte Laßwitz damit nicht. Die Enttäuschung darüber findet sich noch in dem sieben Jahre später erschienenen Marsroman AUF ZWEI PLANETEN. Eine der Zentralfiguren, der "Privatgelehte" Friedrich Ell, mit dem Laßwitz sich weitgehend identifizierte, drückt darin seine Verbitterung über den Unverstand der Gelehrten aus, die nicht in der Lage zu sein scheinen, die Bedeutung eines wissenschaftlichen Werkes richtig einzuschätzen (vgl. S. 298 f der 2001-Ausgabe).

UTOPIE UND PHILOSOPIE

Neben den wissenschaftlichen Werken hatte Laßwitz utopisch-phantastische Erzählungen und populärwissen schaftliche Aufsätze zu Fragen der Philosophie verfaßt. Dieser schriftstellerischen Arbeit ging Laßwitz nun verstärkt nach. Die letzten beiden Lebensjahrzehnte wurden Kurd Laßwitz' produktivste Phase. Zahlreiche phantastische Erzählungen erschienen und wurden in zwei Sammelbänden zusammengefaßt: SEIFENBLASEN (1890) und NIE UND IMMER (1902), darin enthalten auch der Roman HOMCHEN. EIN TIERMÄRCHEN AUS DER OBEREN KREIDE. Dazu kamen populärwissenschaftliche Essays und eine Monographie über Gustav Theodor Fechner, den Begründer ·der Psychophysik. Der Einfluß des seinerzeit sehr populären metaphysischen Weltbilds Fechners, der annahm, daß die gesamte Natur von den Pflanzen bis zu den Planeten und Sonnen beseelt ist, zeigt sich besonders deutlich in den nach der Jahrhundertwende entstandenen Romanen ASPIRA, ROMAN EINER WOLKE (1905) und STERNENTAU. DIE PFLANZE VOM NEPTUNSMOND (1909). Die Titel sprechen für sich. Sein dichterisches Hauptwerk AUF ZWEI PLANETEN begann Kurd Laßwitz im November 1895, er schloß das Manuskript am 11. April 1897 ab. Bereits im Oktober des gleichen Jahres erschien die Erstausgabe in zwei Bänden im Felbcr-Verlag, Weimar. Der Roman war für Laßwitz insofern ein Erfolg, als er innerhalb weniger Jahre in mehrere europäische Sprachen übersetzt wurde. Es gab ihn auf dänisch, schwedisch, holländisch, ungarisch, tschechisch, norwegisch, spanisch, italienisch und polnisch. (Die englische Übersetzung folgte erst 1971.)

Die Auflagenzahlen stiegen allerdings nur langsam. Bis 1908 sind fünf Auflagen zu verzeichnen, insgesamt 11.000 Exemplare. Erst nach Laßwitz' Tod zogen die Auflagenzahlen an. 1911 kam mit dem 12. Tausend die erste "Volksausgabe" in einem Band heraus. Sie war billiger als die zweibändige Ausgabe. Jetzt steigerte sich die Auflage rasch. Allein in den Jahren 1920/21 erschienen 14.000 Exemplare. Neben der Volksausgabe wurde weiterhin, allerdings in geringerer Stückzahl, die Ganzleinen gebundene zweibändige Ausgabe angeboten. Bis 1930 erreichten beide Ausgaben eine Auflage von 70.000 Exemplaren.

AUF ZWEI PLANETEN wurde also erst nach Laßwitz' Tod durch die Volksausgabe zu einem Verkaufserfolg. Beigetragen hat dazu sicherlich auch die Verlagswerbung, die den Roman als ein "Geschenkwerk allerersten Ranges" anpries. So berichtet auch Manfred Nagl, "daß acht der elf von mir eingesehenen Exemplare des Romans AUF ZWEI PLANETEN die Schenkungswidmung von Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten trugen"4 .

Den großen Erfolg seines Romans in Deutschland, bzw. seine Vermarktung, hat Kurd Laßwitz nicht mehr erlebt. Nach einem Schlaganfall quittierte er 1908 den Schuldienst und verstarb am 17. Oktober 1910 im Alter von 62 Jahren an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Ein schmuckloser Obelisk kennzeichnet sein Grab in Gotha, die lakonische Inschrift: "Kurd Laßwitz 1848 - 1910". 

II. AUF ZWEI PLANETEN

AUF ZWEI PLANETEN ist ein sehr umfangreicher Roman. Die Handlung erstreckt sich über vier Jahre und teilt sich auf zwei Bücher auf. Das erste spielt ausschließlich auf der Erde, Handlungsorte sind der Nordpol und die fiktive deutsche Kleinstadt Friedau, die erzählte Zeit umfaßt vier Wochen. Die Handlungsorte des zweiten Buches wechseln häufig, von der Erde wird immer wieder zum Mars umgeblendet. An zwei Stellen werden erst eineinviertel Jahre, dann zwei Jahre übersprungen. Während im ersten Buch die Ereignisse im einzelnen sehr detailliert dargestellt werden, wird der Erzählfluß im zweiten Buch immer wieder durch überblickartig beschreibende und Entwicklungen zusammenfassende Erzältlteile unterbrochen. In populärwissenschaftlichen, historischen Exkursen werden die kulturellen, politischen und technischen Entwicklungen auf dem Mars referiert. Diese berichtenden Erzählteile geben dem zweiten Buch einen uneinheitlichen, diskontinuierlichen Charakter.

Ein zeitgenössischer Leser, der selbst mehrere phantastische Erzählungen verfaßt hat, Wilhelm Bölsche, zeigte sich deswegen vom zweiten Buch enttäuscht: "Erst im zweiten Bande gelangen wirklich Menschen auf den Mars … Nur schade, daß das alles so schnell vorüberzieht. Es ist, als habe der Dichter mit dem Raum geizen müssen"5 Der Handlungsbeginn knüpft an ein Ereignis an, das im gleichen Jahr, als der Roman erschien, in der ganzen Welt große Aufmerksamkeit gefunden hatte. Gemeint ist der Versuch des schwedischen Ingenieurs, Polarforschers und weltbekannten Ballonfahrers Salomon Andre, mit zwei Begleitern in einem Ballon auf dem Luftweg den Nordpol zu erreichen, der gegen Ende des letzten Jahrhunderts noch immer unerforschtes Gebiet, "terra incognita" war. Für die damalige Zeit war das ein ebenso spektakuläres Ereignis, wie sieben Jahrzehnte später der Flug zum Mond. Wäre das Unternehmen gelungen, wäre dies ein neuer Sieg des technischen Fortschritts gewesen, eine eindrucksvolle Demonstration, daß durch den Einsatz neuester Technik alles zu erreichen war - auch der Nordpol. Doch das Unternehmen scheiterte. Andre und seine Begleiter starben an Entkräftung in der Eiswüste der Arktis - im gleichen Monat, in dem der Roman AUF ZWEI PLANETEN erschien, Oktober 1897.

BALLONEXPEDITION

Die Geschichte setzt in der unmittelbaren Zukunft ein: Die schwedische Ballonexpedition ist wohlbehalten zurückgekehrt und gibt an, den Pol erreicht zu haben. Eine deutsche Expedition soll. den Flug wiederholen und prüfen, ob André tatsächlich sein Ziel erreicht hat.

Das erste Kapitel liest sich wie der Anfang einer abenteuerlichen Reisebeschreibung. Das Fluggerät, das die Romanfiguren benutzen, ist kein Phantasiegebilde, bis ins Detail stimmt es mit Andrés Ballon "Adler" überein. So richtig phantastisch wird es erst im zweiten Kapitel, in dem "Das Geheimnis des Pols" enträtselt wird. Inmitten des ewigen Eises stößt die Expedition auf ein Binnenmeer und entdeckt eine kreisrunde Insel, die sich schließlich als künstliches Gebilde erweist, als Station der Marsbewohner.

Die Idee, die unmittelbare Polregion könne eisfrei sein, geht auf den deutschen Geographen August Petermann (1822 - 1878) zurück, der annahm, daß durch den Einfluß eines Golfstromarms rund um den Pol ein Binnenmeer entstanden sein könnte.

Mit dem Germanisten K. G. Just läßt sich feststellen, daß sich "der Roman anfangs strikt innerhalb der Grenzen des Faktischen bewegt", weswegen "der jähe Übergang zum Fiktiven … der Faktizität der gegenwärtigen, technisch determinierten Welt verhaftet" bleibt6 Just nennt den Wendepunkt, an dem bereits im zweiten Kapitel der Reiseroman in einen ·phantastischen Roman umschlägt, den "Sprung ins Utopische"7

Tatsächlich erscheint es berechtigt, hier von einem " Sprung " oder wie Schweikert von einem "Sog ins Rätselhafte" 8 zu sprechen. Denn der Übergang von der bekannten Welt in die rätselhaft andere, vollzieht sich für die Romanfiguren, und damit auch für den Leser, ungeheuer dynamisch. Der Ballon wird von den Marsbewohnern versehentlich zum Absturz gebracht. Zwei der Insassen können gerettet werden, der dritte bleibt verschollen (und taucht erst im zweiten Buch wieder auf). Josef Saltner und der Astronom Grunthe erwachen in der Station der Marsbewohner, in einer verwirrenden Welt voller neuer Eindrücke. Sie sind in das Fremdartige regelrecht hineingeschleudert worden.

An dieser Stelle erscheint es angebracht, auf die unterschiedlichen Charaktere der beiden Romanfiguren hinzuweisen. Saltner glaubt sich nach dem Erwachen ins "Geisterreich" (S. 129 der 2001-Ausgabe, nach der im folgenden zitiert wird) versetzt. Die Frauen, die ihn pflegen - die Marsbewohner sind menschenähnlich - scheinen zu schweben (was auf die niedrige Marsgravitation, die in der Station herrscht, zurückzuführen ist), und ihre Köpfe sind von Heiligenscheinen umgeben (zufällige Lichtreflexe). Saltner ist dem Eindruck der Unwirklichkeit ausgeliefert, er glaubt sich von Feen, Zauberern und Engeln umgeben. Der " 'Sog' ins Rätselhafte" ist für Saltner nicht nur räumlichäußerer Natur, sondern auch psychischinnerlicher. Ganz anders dagegen sein Begleiter: "Grunthe suchte seine Gedanken zu sammeln … Er bewegte seine Arme, er beobachtete seine Atmung, seinen Puls, er hörte das Rauschen des Meeres - alle Erscheinungen der Natur waren unverändert, er war auf der Erde ... " (S. 83 f). Grunthe bewertet Situationen rational, er ist ein analysierender Beobachter, der registriert und kommentiert, ohne einzugreifen. Im Verlauf des Romans tritt er deswegen auch bald in den Hintergrund. Saltner dagegen wird zu einer der wesentlichen Hauptfiguren des Romans, er bestimmt das Geschehen weitgehend mit. Während den Astronomen Grunthe eine Sphäre der Rationalität umgibt, ist Saltner der Sphäre der Emotionalität zugehörig.

EMOTIONALITÄT/VERNUNFT

Emotionalität und Vernunft sind zentrale Begriffe des Romans, unter die sich auch die beiden Planeten und ihre Kulturen einordnen lassen: Die Vernunft, der Mars, steht gegen die Emotionalität, die Erde. Am Schluß des Romans wird deutlich, daß beides miteinander vereinbart werden kann.

Doch zurück zur Handlung. Saltner und Grunthe erlernen die Sprache der Marsbewohner, die sich selbst "Nume" (gr.: Geist) nennen. Dabei bedienen sie sich eines Lehrbuchs, das sich in den Trümmern ihres Ballons findet. Wie es dorthin gelangt ist, bleibt zunächst offen. Saltner reist mit einem Versorgungsschiff, das Flugzeuge zur Polstation gebracht hat, zum Mars. Grunthe begleitet eine Delegation der Marsbewohner nach Europa. Er läßt sich nicht wie Saltner von der Hoffnung auf eine glänzende Zukunft blenden, er sieht in den Marsbewohnern, was sie sind oder sein könnten: eine Bedrohung für die Menschheit. Er will dem Kaiser von den Ereignissen berichten.

Man fliegt nach Friedau, wo der Privatgelehrte Friedrich Ell lebt, der die Expedition organisiert hat. Es stellt sich heraus, daß Ell der Sohn eines schiffbrüchigen Marsbewohners ist. Das Wörterbuch hat er selbst der Expedition mit auf den Weg gegeben, weil er gehofft hat, daß sie am Pol auf die Nume stoßen wird und so den Kontakt zwischen Mars und Erde ermöglicht.

Die Marsbewohner treten mit den europäischen Mächten in Verhandlungen ein. Die Erdpole, an denen die Nume Stationen unterhalten, werden als ihr Territorium anerkannt. Das "Polreich der Nume" wird eine irdische Großmacht.

Durch ein Mißverständnis kommt es zu einer Auseinandersetzung mit der englischen Regierung und schließlich zum Krieg. Die Weltmacht England muß kapitulieren und wird zum Protektoratsgebiet der Marsbewohner. Englands Kolonien erklären sich für unabhängig. Ein allgemeiner Weltkrieg zwischen den Mächten Europas um die Aufteilung des englischen Erbes droht. Als er ausbricht, übernehmen die Nume die Macht in ganz Europa. Jeder Widerstand wird gebrochen, die Staaten zur Abrüstung gezwungen.

Die Marsbewohner wollen die Erde kulturell heben. Besonders Ell, der als "Kultor" in Deutschland die Regierungsgewalt im Namen der Nume ausübt, macht sich dafür stark, daß die Lebensweise der Nume sich im öffentlichen Leben durchsetzt. Tatsächlich steigt der materielle Wohlstand, denn die drückenden Rüstungslasten können jetzt anderweitig eingesetzt werden. Auch das Bildungsniveau steigt, da die Kasernen zu "Fortbildungsschulen" umfunktioniert werden. Doch auch die Unzufriedenheit nimmt zu, die Menschen Europas fühlen sich unfrei und bevormundet.

Eine Widerstandsgruppe unter Saltners Führung, der "Menschenbund", plant in Südamerika den Aufstand. Nach Plänen, die Saltner vom Mars mitgebracht hat, wird eine Flotte von Luftschiffen gebaut und den USA zur Verfügung gestellt. Amerikanische Truppen besetzen daraufhin die Polstationen und erzwingen so den Abzug der Nume. Die Regierung des Mars erklärt sich zu Friedensverhandlungen bereit. Der Aufbau einer neuen Ordnung auf der Erde ist gesichert.

 VORBILD UND GEGENBILD

Den Marsbewohnern kommt in AUF ZWEI PLANETEN eine doppelte Funktion zu, darauf hat bereits Rudi Schweikert hingewiesen. Sie sind einerseits Vorbild - worauf noch einzugehen sein wird - und andererseits kritisches Gegenbild. In ihrer Funktion als Gegenbild stehen sie stellvertretend für den europäischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts. Wie die Kolonialmächte geben die Nume vor, den "Wilden" (als die sie die Erdbewohner tatsächlich ansehen) die Zivilisation bringen zu wollen. Es wird aber immer deutlicher, daß es ihnen auch um persönliche Bereicherung geht. Sie errichten auf der Erde Sonnenkraftwerke und erheben Steuern, um den Unterhalt der Besatzungstruppen und der Kraftwerke zu bestreiten. Als sich der Menschenbund dagegen zu wehren beginnt, entsteht auf dem Mars eine menschenfeindliche, rassistische Stimmung. Die reaktionäre Partei der "Antibaten", der Menschenfeinde, kann nach einer Wahl die Regierungsgewalt übernehmen. Erst als bekannt wird, daß die "Antibaten" auch vor der Zerstörung der Erde nicht zurückschrecken - als Antwort auf die Eroberung der Polstationen -, wird die Regierung in einer Neuwahl wieder umgebildet. Letztlich behält die Vernunft die Oberhand.

Die zeitkritische Stoßrichtung Kurd Laßwitz', der sich damit deutlich gegen den Kolonialismus aussprach, zu einer Zeit, da sich das Deutsche Reich gerade anschickte, sich als Kolonialmacht seinen "Platz an der Sonne" (so das damalige Schlagwort) zu erkämpfen, wurde selbst von wohlmeinenden Kritikern, wie dem bereits erwähnten Wilhelm Bölsche, verärgert zur Kenntnis genommen: "Und er gerät aus der reinen Schilderung einer glänzenden Überwelt damit heraus in ein ganz anderes Fahrwasser: in die Zeitsatire. Man fühlt den kühlen Atem von Tendenz"9• Daß die Marsbewohner nicht die liebenswerten Übermenschen bleiben, die sie zu Beginn des Romans waren, wird kopfschüttelnd kritisiert: "Die Martier, anfangs ganz ins Große gemalt und wesentlich dadurch interessant, fallen, je weiter das Buch rückt, immer mehr ab, so daß man das Gefühl bekommt, daß man sich anfangs getäuscht haben müsse" 10 .

Gerade die im Roman enthaltene Zeitkritik, die den Kolonialismus einmal aus einer anderen Perspektive, nämlich der der Betroffenen, darstellen will, wird von zeitgenössischen Lesern entweder ignoriert oder in Frage gestellt. Vielleicht ist AUF ZWEI PLANETEN deswegen erst nach Laßwitz' Tod, und besonders erst nach dem Ersten Weltkrieg, zu einem Erfolg geworden. Der Roman war ·seiner Zeit voraus.

Das zeigt sich auch in der Kritik, die Kurd Laßwitz an der Monarchie übt. Natürlich erfolgt sie nur sehr verhalten, schließlich war Laßwitz Staatsbeamter. Aber sie war deutlich genug, um ihm die verbitterte Kritik monarchistischer Kreise einzutragen: "Die erhabenen Nume sind nichts als Typen der internationalen Friedensapostel, nach dem Vorbild der Frau von Suttner, Vertreter des doktrinären Verstandeshochmuts, der auf alle Regungen des Herzens mit lächelnder Geringschätzung herabsieht, Übersetzungen und zwar schlechte Übersetzungen von Originalen, die wir nur zu wohl kennen .... Durch den ganzen Roman geht die kalte Überhebung einer Gruppe von Vernunftsfanatikern ... soldatenhassende Phantasie ... einfache Sensationserregung ... anmaßliche Tendenz ... hohles Pathos ... "11 Der anonyme Verfasser beschimpft den armen Autor von AUF ZWEI PLANETEN aufs übelste. Man kann sich allerdings die Betroffenheit monarchistisch gesinnter Deutschnationaler bei der Lektüre folgender Äußerung Ells zum Patriotismus, mithin einer "Regung des Herzens", vorstellen: "Die Sache ist doch so - Deutschland oder Frankreich oder England, irgend eine Nation oder ein Staat ist ja kein Selbstzweck; Selbstzweck kann nur die Menschheit als Ganzes sein. Die einzelnen Völker und Staaten sind Mittel, im gegenseitigen Wettbewerb die Idee der Menschheit zu erfüllen" (S. 301). Die "Idee der Menschheit", für die die Staaten nur "Mittel zum Zweck" sind, ist eine entmilitarisierte, demokratische Gesellschaft.

Nur an einer Stelle des Romans tritt der Kaiser in Erscheinung - und prompt kommt es zu einer turbulent-burlesken Szene, in der der Monarch und die Generalität zu lächerlichen Figuren werden. Als Rückblende wird geschildert, wie die zur Verteidigung gegen die Marsbewohner in Berlin zusammengezogenen Truppenteile während einer Parade von einem Flugschiff der Nume, an dem ein riesiger· Magnet hängt, entwaffnet werden. Der Kaiser, die Offiziere, die Soldaten und ihre Pferde purzeln wild durcheinander. Laßwitz war sehr vorsichtig beim Abfassen dieser Passage. Um der zu erwartenden Kritik eine möglichst geringe Angriffsfläche zu bieten, läßt er eine der Romanfiguren eine Broschüre verlesen, in der "Das Unglück des Vaterlands" - so der sarkastische Titel des Kapitels - von einem kaisertreuen Deutschen bitter beklagt wird: "Ihr sollt es einst wissen, Kinder und Enkel, ... was uns geschehen ist, damit ihr weinen könnt und zürnen wie wir. Darum schreiben wir das Traurige auf, obwohl die Hand unwillig sich sträubt" (S. 649). Dem anonymen Kritiker sträubten sich die Haare: Daß "die deutschen Fürsten und ihre Generale samt ihren tapfern Reitern" derart verspottet werden, "offenbart freilich keine Prophetengabe für die Zukunft, aber die geheimsten Wünsche der Kreise, denen dieser Roman entstammt" 12.

Auch auf dem Mars gibt es einige kleine monarchistische Staaten. Die Begründung dafür ist eine sehr fein gesponnene Majestätsbeleidigung: "Die reiche Entwicklung, welche die Verfeinerung des Lebens durch die Hofhaltung eines intelligenten Fürsten erfahren konnte, und der Einfluß, den eine hochsinnige Persönlichkeit hier zu entfalten vermochte, sollte auch auf dem Mars nicht verloren gehen" (S. 523). Die Ironie spielt an auf das leicht erregbare Temperament Kaiser Wilhelms II und die zahlreichen Anekdoten, die deswegen über ihn in Umlauf waren.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen, daß Laßwitz "die Übermacht der reaktionären Parteien" und der "oligarchischen Traditionen" (S. 825), die "überlebten Formen" (S. 473) - gemeint ist das Duell - und die Existenz des "hochmütigen Elegant" (S. 771) beklagt. Deutlicher wird die Kritik nicht. Doch welche Kreise damit angesprochen waren, der preußische Adel und seine bürgerlichen Lakaien, war den Zeitgenossen natürlich bewußt.

Neben der Zeitkritik enthält AUF ZWEI PLANETEN auch eine utopische Perspektive, denn wie bereits erwähnt, sind die Marsbewohner nicht bloß satirisches Negativbild, sondern auch positives Vorbild. Warum überhaupt die Dichtung sich mit dem Leben auf einem anderen Stern befassen sollte, führt Laßwitz in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel "Unser Recht auf Bewohner anderer Welten" aus: "Wir träumen von einer höheren Kultur, aber wir möchten sie auch kennenlernen nicht bloß als eine Hoffnung auf ferne Zukunft. Wir sagen uns, was einst die Zukunft der Erde bringen kamt, das muß bei der Unendlichkeit der Zeit und des Raumes auch jetzt schon irgendwo verwirklicht sein. Wo sollen wir solche überlegene Kulturwesen anders finden, als auf einem begünstigteren Planeten?" 13. Die höhere Kultur des Mars ist also eine Antizipation der menschlichen Gesellschaft der Zukunft. In ihr spiegeln sich die fortschrittsoptimistischen Hoffnungen des Bürgertums wider. Wie sahen diese Zukunftserwartungen im 19. Jahrhundert aus?

Subjektiv gesehen schrumpfte die Welt im letzten Jahrhundert in dem Maße zusammen, in dem durch die neuen Techniken der Raum erschlossen wurde. Sie wurde kleiner. Selbst entlegene Weltgegenden machte die Eisenbahn erreichbar. Orte, die zuvor Tagesreisen voneinander entfernt waren, trennten jetzt nur noch Stunden. Nachrichten sausten schneller um den Erdball als je zuvor. Eisenbahn, Dampfschifffahrt und Telegraf vernichteten die herkömmlichen Begriffe von Zeit und Raum. Sie schlossen die Welt enger zusammen. Standardisierungen wurden notwendig. 1865 wurde der Internationale Fernmeldeverein gegründet, 1875 der Weltpostverein, 1878 einigte man sich auf Internationale Richtlinien für den Wetterdienst, 1884 über Internationale Zeitzonen. Die Idee der Weltsprache kam auf, Votapik (Welt-Sprech) und Esperanto sind Erfindungen der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts.

Die Ansätze zu einer Weltwirtschaft ließ die Zeitgenossen zu der Überzeugung gelangen, daß die Nationalstaaten sich allmählich auflösen werden und eine neue Welt, eine wirtschaftliche, kulturelle und politische Einheit entstehen werde: der Weltstaat. Diese bürgerliche Zukunftsperspektive findet der Leser in AUF ZWEI PLANETEN verwirklicht. Die "Vereinigten Staaten des Mars" bestehen aus 154 Staaten, darunter republikanische, demokratische, monarchistische und sogar sozialistische und kommunistische. Zwischen den Staaten besteht völlige Freizügigkeit, weswegen "kein Staat seine Machtbefugnis mißbrauchte, denn er riskierte sonst, sehr bald seine Einwohner zu verlieren" (S·. 524). Das mutet naiv an, ist aber gut gemeint. Einen Machtkampf zwischen den Staaten gibt es nicht mehr, das Militär ist abgeschafft, die Regierungen wirken, ganz im rousseauschen Sinne, zum Wohl des Ganzen und als Vollstrecker des "allgemeinen Willens". Dem Planetenbund stehen als oberste Instanzen das " Bundesparlament" und der "Zentralrat" vor, zwei demokratisch gewählte Organe. Die "technische Verwaltung" regelt internationale Angelegenheiten, das Verkehrs- und Bewässerungswesen, die Raumschiffahrt. Es gibt eine Einheitssprache und eine Unzahl von Regionalsprachen.

Die Besitzverhältnisse bleiben auch auf dem Mars unangetastet, womit Laßwitz dem Bürgertum aus dem Herzen gesprochen hat. Grundlage der Gesellschaft bleibt die private Initiative zum "gewerblichen Gewinn" (S. 524), daß es verschiedene Gesellschaftsschichten gibt, wird nicht kritisiert. Im Gegenteil, die Ungleichheit ist Grundlage der Gesellschaft. Ell, der "die Weltanschauung und das Ethos des Dichters zur Darstellung brachte"14 , formuliert liberale Vorstellungen, wenn er von den Menschen sagt: "Sie werden erkennen, daß es eine Utopie ist, die Gleichheit der Lebensbedingungen anzustreben, daß die Gleichheit nur besteht in der Freiheit der Persönlichkeit, mit der ein jeder sich selbst bestimmt, und daß diese Freiheit gerade die Ungleichheit der Individuen in der sozialen Gemeinschaft voraussetzt. … Diese Not der Massen können wir abstellen, ohne jene Utopie der Nivellierung des Vermögens. Wir können ihnen zeigen, daß das Hin- und Herschwanken des individuellen Besitzes sich nicht ändern läßt und auch nicht geändert zu werden braucht, daß aber jedem, der arbeitet, ein befriedigendes, seinen Fähigkeiten angemessenes Auskommen gewährleistet werden kann, und daß niemand Not zu leiden braucht" (S. 480 f).

Eine moderne Sozialpolitik soll die Gegensätze zwischen Arm und Reich lindern. Nahrungsmittel werden künstlich hergestellt: "Steine in Brot!" (S. 412). Das setzt viele Arbeitskräfte frei. Aber: "Ein Notleiden aus Mangel an Nahrung, Wohnung und Kleidung konnte nicht eintreten, da hierfür durch öffentliche Verpflegungsanstalten gesorgt war" (S. 526). Die Einkommen werden besteuert und die Einnahmen unter denen verteilt, die keine Arbeit haben oder ein zu geringes Einkommen. Dieses System entspricht der Arbeitslosenversicherung, die erst 1927 eingeführt wurde. Zu Laßwitz Lebzeiten waren nur drei ökonomische Lebensrisiken versichert: Krankheit, Unfall, Alter. Die Gesetze entstanden in den 80er Jahren und sollten die Arbeiter an den Staat binden. Reichskanzler Bismarck sprach deswegen vom "Staatssozialismus".

Grundlage des Wohlstands der Zukunftsgesellschaft auf dem Mars ist die überlegene Technik. Sie hebt den Lebensstandard aller und beseitigt das Elend. Diese optimistische Einschätzung des technischen Fortschritts ist heute nicht mehr zeitgemäß, obwohl - nein, gerade weil vieles von dem, was Kurd Laßwitz und seine Zeitgenossen sich vom 20. Jahrhundert erhofften, Wirklichkeit geworden ist.

III. Die Neuausgaben

Die DDR-Ausgabe von AUF ZWEI PLANETEN (Das Neue Berlin 1984, 646 S., 15 ,80 M) ist identisch mit der einbändigen Volksausgabe, die nach Laßwitz' Tod erschien. Der Text unterscheidet sich deswegen geringfügig von dem der Erstausgabe, denn in späteren Auflagen wurden kleine Änderungen vorgenommen, um fehlerhafte technische Angaben zu verbessern. Leider enthält der Band weder ein Nachwort noch einen Anmerkungsapparat. Diese Ansprüche erfüllt dafür die bundesdeutsche Ausgabe (Zweitausendeins 1984, 1104 S.). Es wird der Text der Erstausgabe von 1897 wiedergegeben, der Anmerkungsapparat verzeichnet spätere Abweichungen und gibt erläuternde Hinweise, zwei Essays von Rudi Schweikert, die allein 170 Seiten des Buches beanspruchen, informieren kenntnisreich über Leben und Werk des Autors. Lebensdaten und eine Bibliographie der wesentlichen Primär- und Sekundärliteratur runden die Ausgabe ab. Der einzige Nachteil: Das Paperback - 1979 bereits einmal in einer gebundenen Ausgabe erschienen - ist in der Reihe "Haidnischer Alterthümer" (Werke, die Arno Schmidt besonders gefallen haben) herausgekommen und kann einzeln nicht bestellt werden.

 

Anmerkungen

1 vgl. z. B. Erich Laßwitz: Kurd Laßwitz als Dichter der Technik. - In: Technik und Kultur 19 (1928) H. 7, S. lOS ff.

2 Hans Lindau: Kurd Laßwitz. - in: Kurd Laßwitz: Empfundenes und Erkanntes. Aus dem Nachlasse. - Leipzig: Elischer o. J. (1919), s. 5 f.

3 Rudi Schweikert: Von geraden und von schiefen Gedanken. Kurd Laßwitz – Gelehrter und Poet dazu. - In: Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten. Roman in zwei Büchern. Mit Anmerkungen, Nachwort, Werkgeschichte und Bibliographie von Rudi Schweikert. - Frankfurt a. M.: Zweitausendeins 1979 (Haidnische Alterthümer), S. 1009.

4 Manfred Nagl: Science Fiction in Deutschland. Untersuchungen zur Genese, Soziographie und Ideologie der phantastischen Massenliteratur. - Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 1972 (Untersuchungen des Ludwig-Uhland-lnstituts der Universität Tübingen 30), S. 87, Anmerkung 120.

5 Wilhelm Bölsche: Das Märchen vom Mars. - In: ders.: Vorn Bazillus Zum Affenmenschen. Naturwissenschaftliche Plaudereien. - Leipzig: Diederichs 1900, S. 336.

6 K. G. Just: Über Kurd Laßwitz. - ln: ders.: Marginalien. Probleme und Gestalten der Literatur. - Bern (usw.): Prancke 1976, s. 183 f.

7 a. a. 0., S. 184

8 Rudi Schweikert: Von Martiern und Menschen oder Die Welt durch Vernunft dividiert, geht nicht auf. - In: Kurd Laßwitz: Auf zwei Planeten. - Frankfurt u. M. 1979, s. 910.

9 Wilhelm Bölsche a. a. 0., S. l37.

10 ebd.

11 Anonym: Der technische Chiliasmus in der neuern Dichtung. - In: Die Grenzboten 57 (1898), s. 507 ff.

12 a. a. 0., S. 508

13 Kurd Laßwitz: Unser Recht auf Bewohner anderer Welten. - In: ders.: Empfundenes und Erkanntes. - Leipzig (1919), S. 163.

14 Erich Laßwitz: Kurd Laßwitz und die Weltraumfahrt - In: Weltraumfahrt 3

(1952) H. 3, S. 80.