Billy Graham, MacCarthy und die Bombe

(Erstveröffentlichung SFT 3/85)

Wenn man sich mit der Science Fiction der 50er Jahre auseinandersetzt, stößt man auf das Phänomen, daß die SF zu einer Zeit einen Höhepunkt an Popularität erreichte, als die amerikanische Gesellschaft der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegensah und lieber zurückblickte. Etwa um 1947 war die Suche nach Sicherheit die Hauptantriebskraft hinter dem größten sozialen Phänomen in Amerika, dem Wiederbekennen zur Religion, der Flucht in die Vororte und dem McCarthyismus.

Die Suche gestaltete sich in vielerlei Formen, aber alle konzentrierten sich auf Billy Grahams Idee von der "Rückkehr zu alten Wegen, zum alten Glauben und alten Werten."1 Es ist jedoch schwierig, diese unterschiedlichen Erscheinungen in eindeutige Kategorien einzuteilen, da sie grundsätzlich voneinander abhängig sind. 1937 z.B. wird der Kommunismus von einer päpstlichen Enzyklika als sündig angeprangert; das verbunden mit Billy Grahams protestantischer Grundhaltung, die besagt: "Der größte Feind, den wir je gekannt haben, (ist) der Kommunismus" 2, führte zu einer ökumenischen Religionsdoktrin. Seit sich die Religion auf den Anti-Kommunismus festgelegt hatte, wurde der Kirchgang zum äußerlich sichtbaren Symbol, die Loyalität jedes Bürgers zu seinem Land zu demonstrieren. Die Kirchen selbst waren jedoch ein integrierter Teil der kleinstädtischen Gemeinden wie Levittown und "für viele … bedeutete die Fluchtbewegung in auswuchernde Vorstädte die essentielle Erfahrung, durch die der eingeengte Ostküstenbewohner sich wie ein Pionier aus der Planwagenepoche fühlen konnte."3 Aber dieser Gemeinschaftspioniergeist, der sich in harter Arbeit und Selbsthilfe verstand, war anti-produktiv in einer wohlhabenden Gesellschaft. Die Werbung wiederholte beharrlich, daß Selbsthingabe und "eine hedonistische Einstellung zum Leben das Optimale sei, wenn doch Moral, Genügsamkeit und die einfache Lebensweise längst überholte puritanische Tugenden darstellen."4 So zum Beispiel Barry Goldwaters Warnung vor der überlegenen kommunistischen Militärstärke, Joe Mc Carthys Attacke gegen angeblich kommunistisch inspirierte innere Unruhen. Und vor allem die Angst, "wenn sich die Vergangenheit wiederholt, ein neuer Krieg alles aufsaugt für den Jüngsten Tag unter gigantischen Atompilzen." 5
Andere Massenkulturen in den 50ern bedienten sich der Ängste des amerikanischen Publikums, um populär zu bleiben.

NACH ALLEN SEITEN NIEDERMACHEN

Mickey Spillane erschuf eine ungeheuere Sensation, einen Multi-Millionen-Seller mit seiner Detektivfigur ; in ONE LONELY NIGHT löste Mike Hammer sämtliche Probleme Amerikas, indem er sich den Kommunisten stellte und "diese nach allen Seiten niedermacht, um zu zeigen, daß wir eben doch nicht so sanft sind."6 Die SF-Autoren und Filmproduzenten hatten damals vier Hauptthemen, derer sie sich in den meisten ihrer Stories bedienten. Das waren die Rückkehr zur Mannesbewährung, Religion: fremde Invasoren und atomare Vernichtung. Innerhalb dieser Themen wurden Hoffnungen und Ängste der Gesellschaft deutlich - Jugendkriminalität, Kommunismus, Radioaktivität und innere Sicherheit eingeschlossen.
Die Thematik der Wildnis war ein Grundthema in der SF der 50er. Der Gedanke, Raumpioniere sich in unbezähmbarer Natur bewähren zu lassen, erweckte ein Gefühl der Sicherheit und des Déjà vu. In der Wildnis und der Wüste kamen alte Tugenden wie Muskelkraft und moralische Standfestigkeit zu neuen Ehren. Die Bereitwilligkeit, sich darauf zu besinnen, hatte absoluten Vorrang vor Politik und Wissenschaft. Wenn ein Mann dem Unbekannten gegenübersteht, wird der Held zwangsläufig zum John-Wayne-Typ. Er hat ausgesprochen gewalttätig und mutig zu sein, wenn auch etwas beschränkt, und erst recht nicht vom Schlage eines Dean Acheson, dem politischen Führer der frühen 50er, der exakt dem "Image des Kommunisten entsprach, das wieder und wieder in seinen (Mc Carthys) Reden aufgebaut wurde … Ein Ostküstler, in der Regel mit anglikanischem Background, der in solchen Eliteschulen wie Groton oder Harvard ausgebildet wurde ."7
SF-Autoren wie Robert Heinlein und André Norton bedienten sich der Idee der Bewährung, um den Typ des gewalttätigen Helden zu idolisieren. Ebenso beschäftigten sie sich mit der Jugendkriminalität, die die amerikanische Bürgerschaft während der 50er besonders ärgerte. Die junge Generation, die seit je her eine schillernde Zukunft repräsentierte, verstrickte sich immer mehr in Drogen, Sex und Gewalt. In den frühen 50ern sahen sich mehr als eine Million Teenager jährlich mit der Polizei konfrontiert. Berichte von anrüchigen Teenager-Sex-Clubs wurden veröffentlicht, woraufhin Billy Graham die "Jugend-für-Christus"-Bewegung gründete, weil er glaubte, "daß unter den jungen Amerikanern viele eine Antwort auf Jugendkriminalität und Kommunismus dringend nötig hatten."8 In jedem von drei Büchern, BETWEEN PLANEIS (1951) 9 , TUNNEL IN THE SKY (1955)10 und TIME FOR THE STARS (1956)11 , bezieht sich Heinlein auf den Leitgedanken vom verwöhnten Jungen, der in fremder Umgebung rein zufällig die wahre Männlichkeit erlangt. In jeder Story spielt die Wissenschaft eine unglaublich geringe Rolle . Nur eine einzige größere neue naturwissenschaftliche Idee wurde pro Geschichte eingesetzt und diese auch nur, um die Handlung anrollen zu lassen.
In BETWEEN PLANETS findet sich der verwöhnte Junge Don Harvey, der eine Privatschule besucht hat, durch einen dummen Zufall in einen Krieg auf der Venus verwickelt. In der ersten Hälfte des Buches jammert er, daß er nach Hause möchte und ignoriert den Rat des ergrauten alten Sergeant McMasters. Schließlich jedoch tritt er in die Armee ein und "lernt wie ein Guerilla zu kämpfen ... Die, die lernten, überlebten; die, die sich weigerten, starben. Don lebte." 12 Heinlein schließt sein Buch, indem er Don zum wichtigsten Mann im Raumschiff werden läßt, zu dem, der letztendlich die Mächte des Bösen besiegt. In TUNNEL IN THE SKY findet sich Rod Walker zufällig auf · einem Planeten inmitten eines Dschungels voller bösartiger Monster ausgesetzt. Zeit seines Lebens war er ein verhätschelter Stadtjunge gewesen, jetzt lebte er als "nackter Wilder mit gefletschten Zähnen und einem teuflischen Grinsen,"13 um seine kleine Truppe zurück zur Zivilisation zu bringen.

STADTJUNGE FLETSCHT ZÄHNE

In TIME FOR THE STARS findet sich Tom Barlett ebenso zufällig in einer gefährlichen Situation wieder. Sein Bruder bringt ihn dazu, einen WeltraumTrip zu unternehmen, um unbekannte und gefährliche Territorien zu erforschen. Auch Tom reift an und in der Gefahr zum Mann.
Andre Nortons Story, THE BEAST MASTER (1959), befaßt sich mit den Tücken des fremden Landes. Ihr junger Held, Hosteen Storm, ein amerikanischer Indianer, wird nach Arzor verbannt, nachdem "Terra im Solsystem" zerstört ist. In Arzor kann er reiten, das Vieh hüten und sich mit Tieren beschäftigen - gleich seinen Vorfahren.
Jede dieser Geschichten war ein Jugendbuch, nicht weit vom Niveau einer Enid Blyton ·entfernt. Sie schildern klar den Weg zum Guten und Bösen, nur gelegentlich etwas extrapoliert. Der interessanteste Aspekt, der jedem dieser Bücher zugrunde liegt, ist, daß der Junge, sobald er zum Mann geworden ist und seine Neigungen zu jugendlichem Leichtsinn abgelegt hat, sich vom städtischen Leben fernhält. Jeder von Heinleins Burschen hat sich in sein Los gefügt, mit neuen Risiken auf neuen Planeten. Die Bedeutung ist offensichtlich: Die Stadt animiert zu Verbrechen, richtige Männer sind einzig für die Bewährung in der Fremde geschaffen. Nach Heinleins Ansicht hatte die Stadt einen schlechten Einfluß, und die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, war, sie zu verlassen. Deshalb wurde die Massenflucht in die Vororte stillschweigend gebilligt. Heinleins und Nortons Stories enthielten Optimistisches von oberflächlichem Niveau, die Torheit der Jugend wurde als vergänglich dargestellt. Etwas tiefsinniger betrachtet wurde der Pessimismus sichtbar, der der jungen Generation nur eine Zukunft in der Fremde verhieß, die sich ihnen in den 50ern noch nicht eröffnet hatte.
In THE MARTIAN CHRONICLES14 befaßt sich Ray Bradbury ebenfalls mit der Flucht-Bewegung. Seine Stories spielen sich in den Jahren 1999 - 2026 ab, zwischen den angenommenen ersten und letzten Expeditionen der Amerikaner zum Mars. Dabei wird die wunderbare und feinsinnige Zivilisation der Marsbewohner zerstört, die Marsstädte werden niedergerissen, die Landschaft geplündert und amerikanisch-kapitalistische Werte dem Planeten auferlegt. Bradbury behandelte wie Heinlein und Norton - jedoch schriftstellerisch ausgereifter - die Reaktionen der Amerikaner auf unbekannte Umgebungen. Er betonte, daß sich Rassenbewußtsein, Zerstörung und Verschwendungssucht der Völker durch die Eroberung fremder Planeten nicht einfach abstellen ließen. Bradbury malte Bilder von 'Würstchenbuden- Expansionismus', der die marsianische Kultur verschüttet und "leere(n) Flaschen … die eine nach der anderen … in das klare blaue Wasser der Marskanäle geworfen wurden." 15 In THE MARTIAN CHRONICLES herrscht tiefster Pessimismus vor. Das Buch endet mit einer schrecklichen Prophezeiung für die moderne Gesellschaft. Die Erde wird nuklearen Selbstmord begehen, weil uns die "Wissenschaft zu weit und zu schnell voraus ist. Die Menschen werden sich in einer mechanisierten Fremde verlieren … Sie konzentrieren sich auf die falschen Werte und arbeiten für ihre Maschinen statt sie für sich arbeiten zu lassen. Die Kriege gewannen immer mehr an Umfang, bis ihnen endlich der Erdball selbst zum Opfer fiel." Bradbury sparte in seinem Buch nicht mit Kritik an der amerikanischen Gesellschaft, trotzdem erschienen allein in den 50er Jahren 15 verschiedene Auflagen und Ausgaben. Sie machten das Buch mit Abstand zum größten SF-Bestseller seiner Zeit.

FREIZEITBEWÄLTIGUNG: KRIMINALITÄT

Die SF-Filme der 50er waren ähnlich, sie versprachen der Jugendkriminalität Herr zu werden. THE BLOB, mit Steve McQueen in der Hauptrolle, erschien im Jahre 1958 und war ein ernsthafter Versuch, die Jugendkriminalität als normale Freizeitbewältigung darzustellen, und nicht als aus Bösartigkeit geborene Zerstörungswut. McQueen und seine Kameraden spielen Halbstarke mit lärmenden Autos. Einige ihrer Streiche veranlassen sogar den aufgebrachten Sheriff zu der Feststellung: "Alle Gangster waren irgendwann mal Kinder." Als THE BLOB, ein unbekanntes außerirdisches Wesen, zum Amoklauf startet, beweisen die Jungen große Tapferkeit. Obwohl sich die Erwachsenen zu Anfang sträuben, an ein Phantom zu· glauben, kämpfen und besiegen die Halbwüchsigen letztendlich das Ungeheuer, das mit jedem, den es umbrachte, an Größe und Kraft zunahm. Einzig dramatisch im Film war die Anstrengung der jugendlichen "Täter", nicht als Aufschneider betrachtet zu werden. Möglicherweise war dies ein Versuch des Produzenten, festzustellen, .daß Jugendkriminalität zum Teil durch Mißverständnisse von Seiten der Erwachsenen herrühre. Mit nur einer Ausnahme, FORBIDDEN PLANET, verfuhren alle anderen Produzenten in SF-Filmen damals nach dem Motto: "Interessante SF bedingt intellektuellen Anreiz … Die breite Masse aber geht nicht ins Kino, um sich zu bilden, sie möchte nur unterhalten werden."16 Das Kino bot seine Lösung für das Problem der Jugendkriminalität, indem es vorgab, dieses sei von Grund auf harmlos oder eigentlich gar nicht existent.
Das heutzutage unvorstellbare religiöse Wiedererwachen in den 50ern kann als soziales Phänomen jener Zeit nicht hoch genug bewertet werden. Der Grund für diese Rückbesinnung setzt sich aus etlichen Faktoren zusammen. Zuerst ist da der Horror des gerade beendeten II. Weltkriegs zu nennen, verbunden mit der Furcht vor einem III., einem atomaren , die zusammen "das Vertrauen der Menschen in Wissenschaft und Logik als verläßliche Führer im Leben und als einzige Wege zu Erkenntnis erschütterten." 17 Der Glaube, die Wissenschaft sei ein evolutionäres Gut und würde schließlich alle Probleme der Menschheit lösen, wurde plötzlich als deplaziert angesehen, denn "der technologische Fortschritt im 20. Jahrhundert ist nicht nur darin gescheitert, eine Pforte ins nächste Jahrtausend zu schaffen , sondern hat auch das Spektrum des Totalitarismus erweitert und komplexer gemacht." 18 Daher wurde auch der Trend, die Religion als einzige Quelle der Weisheit durch die Naturwissenschaften zu ersetzen, bald in sein Gegenteil verkehrt.
Ein weiterer Hauptfaktor für das Wiedererwachen der Religion war der leidenschaftlich betriebene Antikommunismus. Man verdammte den Kommunismus als atheistisch und als fleischgewordene Sünde, woraus zwei Effekte erwuchsen. Einmal schwächte sich der interkonfessionelle Zank merklich ab, denn "das Element des Antikommunismus rückte so sehr hervor … daß sie (die protestantischen Gemeinden) ihren traditionellen Antikatholizismus aufgaben, um sich in den ökumenischen Antikommunismus einzureihen." 19 Zum anderen führte die Ablehnung des Marxismus/ Leninismus zu einer grundsätzlichen institutionellen Stärkung der verschiedenen Kirchen und Sekten. In den Vorstädten, wo die meisten neuen Kirchen und Glaubensgemeinschaften entstanden, entwickelte sich der Kirchgang bald zur Demonstration der Zusammengehörigkeit der Gemeinde. Der Kirchenbesuch bewahrte die Kinder vor dem atheistischen Kommunismus und der daraus resultierenden Auflehnung gegen die Gesellschaft; der Kirchenbesuch bewies die Loyalität des einzelnen zu seinem Land; der Kirchenbesuch bescherte den Gemeindemitgliedern das sichere Gefühl, einer vereinten Front gegen das allgegenwärtige Böse anzugehören.

EINHEITSFRONT IM KIRCHENBESUCH

Die augenfälligste Verkörperung dieser antitechnologischen und antikommunistischen Religion der 50er war natürlich der Evangelismus des Billy Graham. Grahams Predigten basierten auf der alten Verkünder-Vorstellung, daß man einem· Menschen nur genug Angst einpflanzen muß, bis er zu Gott zurück findet. Grahams Erfolg, der seinen Höhepunkt 1957 erreichte, als in New York 2.019.100 Menschen zusammenkamen, um ihn zu hören, gründete sich vor allem darauf, daß er seine religiöse Wiedererweckung in eine moderne Sprache zu kleiden verstand. "Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß der Kommunismus, die Atombombe und ein potentieller III. Weltkrieg in Billy Grahams Predigten an die Stelle von Teufel, Armageddon und Hölle traten - als Hauptelemente seines Anliegens, Furcht in die Herzen der Menschen zu tragen. "2o
Die Frage, welchen Stellenwert Religion in einem technologischen Zeitalter einnimmt, war ein weiteres Hauptthema in der SF der 50er, hier vor allem im Film.
Das einzige gemeinsame Level, auf dem Religion in der SF der 50er stattfand war, "daß ein stillschweigendes Übereinkommen getroffen zu sein schien, Religiöses dann zur Erde zurückfinden zu lassen, wenn die Menschheit auf ein galaktisches Niveau hinaufgestiegen war."21 Aber gerade auch beim Film fanden sich viele, die in der Gegenwart spielten und religiöse Themen behandelten. Ein oft wiederkehrendes Grundmotiv war die Einigung der Menschheit in ihrer/n Kirche(n), um einer gemeinsamen Gefahr zu begegnen - wie in DER KRIEG DER WELTEN (1952) - oder die Wiederkehr des Herrn -wie in ENDSTATION MARS (1952). Stets wurde so die Gefahr vernichtet, Gott jubelnd empfangen, und die Menschheit blieb auch fürderhin in einer Gesellschaftsform vereint, die man nur als Theokratie bezeichnen kann.
Die Mehrheit der SF-Romane und -Stories aus jener Periode spielt in der Zukunft, und da fand Religion höchstens am Rande statt. Autoren wie Isaac Asimov entwarfen Religionen, die auf den Naturwissenschaften basieren, wo z.B. die Mathematik die oberste Macht darstellt. Andere, wie Ray Bradbury, deren Werk sich eher mit den sozialen Fragen der Zeit auseinandersetzte, bedienten sich allegorischer christlicher Themen. Zwei der herausragendsten Werke der 50er, Walter M. Millers A CANTICLE FOR LEIBOWITZ22 aus dem Jahr 1959 und Kurt Vonneguts THE SIRENS OF TITAN23 aus dem gleichen Jahr, arbeiten mit einer theologischen Thematik, unterscheiden sich darin aber radikal von ihren zeitgenössischen Kollegen. Während die meiste SF der 50er ein optimistisches religiöses Ende hatte , betonten Miller und Vonnegut die Flüchtigkeit religiöser Dogmen und die pessimistische· und existentielle Natur des Lebens selbst.

NIEDERLAGE DES BOWLING-TEAMS

Das Konzept der Wiederkehr des Herrn war das Thema zweier besserer SF-Filme der 50er Jahre: ENDSTATION MARS und THE NEXT VOICE YOU HEAR24 . Die beiden Filme variierten exakt in den Problemen, die der wiedergekehrte Christus möglicherweise selbst als die wichtigsten ansehen würde. In ENDSTATION MARS waren das hauptsächlich internationale Probleme, kurz gesagt, die kommunistische Gefahr. THE NEXT VOICE YOU HEAR hingegen portraitierte eine typische amerikanische Arbeiterfamilie in einem kleinen Vorort in Südkalifornien. Gemäß diesem Streifen war das Leben in der Zeit des Präsidenten Truman von ·allerlei kleineren Kopfschmerzen bestimmt, als da wären: Verkehrskontrollen, immer wiederkehrende Stromausfälle, die Trägheit des ältesten Sohnes, von zu Hause auszuziehen und eine eigene Familie zu gründen, und die unausweichliche Niederlage des väterlichen Bowling-Teams. Wichtiger noch ist in diesem Film die Darstellung des Verhältnisses von Arbeitnehmer zu Arbeitgeber, nämlich als durch und durch entwürdigend und klassenbestimmt Kein Wunder, daß James Whitmore, der Vater, vom Leben tief enttäuscht ist. Er sieht sein Dasein als nichtswürdig an und ruft an einer Stelle aus: "Ich rackere mich Tag für Tag ab, um ein Loch zu stopfen und reiße dafür zwei neue auf!" In diese tiefe Verzweiflung ertönt plötzlich die Stimme Gottes aus dem Radio. Sie wird gleichzeitig an jedem Ort der Erde in der jeweiligen Landessprache übertragen - außer "hinter dem eisernen Vorhang". Die Reaktion der Menschen darauf ist natürlich ganz im Stil der 50er: man empfindet Furcht und Zweifel. Die meisten Leute glauben sofort, dahinter stecke "eine kommunistische Verschwörung" oder ein "dummer Jungenstreich". Nachdem die Stimme noch ein paarmal zu hören ist, fangen die Menschen jedoch wirklich an, sie für die von Gott zu halten. Dann ereignen sich an verschiedenen Orten kleinere Wunder: das Auto springt schon beim ersten Versuch an, Whitmores Chef stellt sich doch als patenter Bursche heraus usw. Aber es wird klar (der Film betont das sogar recht aufdringlich), daß diese "Wunder" nicht auf göttliche Einwirkung zurückzuführen sind, sondern darauf, daß die Menschen beginnen, die biblischen Lehren von "Liebe, Glauben, Freiheit und Frieden" zu befolgen. Die Botschaft dieses Films harmoniert also perfekt mit den Ängsten jener Zeit. Die Moral von der (Film-)Geschichte ist natürlich durch und durch konservativ, indem sie darauf abhebt, daß Amerika nur durch den Glauben an sich selbst zu sich selbst zurückfindet. Er warnt vor Klassenauseinandersetzungen und der Unzufriedenheit mit der eigenen Existenz. Im Grunde scheint Billy Graham bei der Entstehung des Films Pate gestanden zu haben, denn seine Botschaft lautete ja gerade, daß eine moralische Reform die Lösung aller sozialen und gesellschaftlichen Probleme mit sich bringen würde. Dennoch steckt mehr in diesem Film, nämlich eine unterschwellige Anti-Haltung zum McCarthyismus. Das wird vor allem deutlich in seinen Warnungen vor übertriebener Furcht, vor allgemeinem gegenseitigen Mißtrauen und vor der Zersplittertheit der amerikanischen Gesellschaft in jener Zeit.

CHRISTUS AUF DEM MARS

ENDSTATION MARS hebt auf der Vorstellung ab, daß die Wiederkehr des Herrn die endgültige Lösung für das Problem des Kommunismus mit sich bringt. Peter Graves und Andrea King spielen in diesem Streifen ein verheiratetes Paar. Beide sind Wissenschaftler, die eines Tages merkwürdige Funksignale vom Mars empfangen. Bald haben sie diese entziffert. Es handelt sich dabei um Bibelstellen. Als sie diese Entdeckung bekanntgeben, nimmt alle Welt an, Christus säße auf dem Mars. Eine große religiöse Erweckungswelle fegt um den Erdball, und man sieht einige Szenen, in denen russische Bauern ihre Hacken fortwerfen, die orthodoxen Kirchen zuhauf besuchen und sich schließlich zu einem gewaltigen Marsch auf Moskau sammeln. Die sowjetischen Soldaten lassen ihre Gewehre fallen, und überall stürzen die kommunistischen Regimes im Angesicht der religiösen Macht. Aber gerade, als die Menschheit vor ihrer Vereinigung steht, enthüllt ein diabolischer deutscher Wissenschaftler, daß es sich bei diesen Botschaften um einen Schwindel gehandelt habe. Er selbst habe in den Bergen zwischen Chile und Argentinien eine Sendestation errichtet und Funksignale in die Ionosphäre gesandt, damit es so aussähe, als kämen sie aus dem All.
Nach dieser Enthüllung verfällt die Welt in Hoffnungslosigkeit, und es hat ganz den Eindruck, als hätten die Mächte des Bösen wieder einmal einen Triumph errungen. Aber noch während der diabolische Wissenschaftler seine Schurkerei bekanntgibt, trifft ein echtes Funksignal aus dem All ein. Dieses beweist hieb- und stichfest, daß Christus wirklich auf dem Mars sitzt und dort über seine Kinder auf der Erde wacht. Dieses Konzept von einer in der Religion vereinten Menschheit, die dadurch in der Lage ist, den atheistischen Kommunismus zu besiegen, gehörte in den 50ern in den USA zu den großen Fragen der Zeit. Die Kombination von der päpstlichen Enzyklopädie gegen den Kommunismus (1937), Billy Grahams Kreuzzug für den fundamentalen Protestantismus als wirksamste antikommunistische Waffe und Reinhold Niehuhns Mahnung, die "Kinder des Lichts" sollten einen festen Stand gegen die "Kinder der Finsternis" einnehmen25 , führte zum "herausragendsten und wichtigsten Anliegen des Nachkriegs- Christentums, führte zu einer bis dahin nie gekannten Ökumene und führte zur Unterdrückung wesentlicher Bestandteile der christlichen Lehre - wie Nächstenliebe oder die Vergebung für den Feind. " 26
Die Filmfassung vom KRIEG DER WELTEN hat nur noch auf sehr oberflächliche Weise etwas mit dem Originalroman von H. G. Wells zu tun. Im Film landen überall auf der Welt marsianische Raumschiffe - nur (wieder einmal) hinter dem eisernen Vorhang nicht -, während im Buch nur England von ihnen heimgesucht wird. Der Film führt brandneueste Waffentechnik vor und spricht an einer Stelle (in typischer 50er Jahre-Manier) von den "gut ausgebildeten Armeen in Finnland und in der Türkei" - Staaten eben, die auch eine gemeinsame Grenze mit der Sowjetunion haben. Alle Armeen werden von den Invasoren vernichtet, aber allgemein wird als der größte psychologische Schock angesehen, daß sogar die Atombombe, die bis dato ultimate Waffenentwicklung, sich gegen die Marsianer als ineffektiv erweist. Daraus ergeben sich Anarchie und Barbarei, woraus man dann die Message des Films ableitet. Der Mensch wird dafür bestraft, der Technik zuviel und Gott zu wenig Glauben geschenkt zu haben. Schließlich fliehen weltweit die Menschen in die Kirchen, und dann finden die Marsianer plötzlich wie durch ein Wunder ihr Ende durch einen irdischen Bazillus. Die Schlußszenen des Films zeigen eine in Glauben und Andacht geeinte Menschheit, die Gott, und nicht Technik und Wissenschaft, für ihre Errettung dankt.

AUFSTIEG UND FALL GALAKTISCHER IMPERIEN

Isaac Asimov schreibt in seiner FOUNDATION-Trilogie 27 , die in den Jahren 1951-53 entstand, vom Aufstieg und Fall galaktischer Imperien. Asimov ist durchaus von einem zyklischen Ablauf der Historie überzeugt und hat zugegeben, daß seine galaktischen Geschichten "lediglich die Verlagerung des römischen Reiches und des britischen Kolonialreiches ins All sind."28 In diesen Rahmen baute Asimov zwei zwar theologische , gleichwohl aber nicht christliche Ideen ein. Die erste besagt, daß die Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Religion im Grunde unsichtbar ist. Die zweite beschäftigt sich mit der wahren Stellung von Wissenschaft und Religion in einer technologischen Welt und ihr dortiges Nebeneinander.
Der Aufstieg der Foundation zur galaktischen Macht wird in der Lehre von der Psychohistorie vorausgesagt. Bei dieser handelt es sich um "den Zweig der Mathematik, der die Reaktionen menschlicher Konglomerate auf gegebene soziale und ökonomische Stimuli berechnet." 29 Dahinter steckt die Vorstellung, daß menschliche Reaktionen sich proportional besser und genauer vorhersagen lassen, wie die Anzahl der beteiligten Menschen ansteigt. Wenn dann schon eine ganze Galaxis beteiligt ist, mit "fünfhundert Quadrillionen Menschen", kann man die Zukunft mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 %vorhersagen. Ein großer Psychohistoriker, Hari Seldon, entwirft den Verlauf der weiteren Geschichte und sagt voraus, daß das galaktische Imperium fällt und danach die Bewohner des Planeten Terminus die Kontrolle über die Galaxis erringen. Die Bewohner des Planeten Terminus werden über ihren besonderen Status informiert und leben fortan unter der Vorstellung von ihrem "feststehenden Schicksal". Aber keiner auf Terminus hat den Seldon-Plan wirklich verstanden. Man akzeptiert lediglich den Umstand, daß es in der Galaxis irgendeine Macht geben muß, die die Bahnen der Zukunft schon festgelegt hat. Seldon beweist ihnen, daß diese "Macht" die Mathematik ist, aber die meisten Terminus- Bewohner glauben weiterhin nur daran. Und dieser Glaube ist so etwas wie eine Vorstufe zum Glauben an ein gottähnliches Wesen.
Asimovs zweite theologische Idee besagt, daß es alleinige Aufgabe der Religion sein kann, das Unbekannte zu erklären. Und je mehr die Wissenschaft erklären kann, desto mehr verdrängt und ersetzt sie die Religion. Daher wird es den Leuten auf Terminus möglich, ihre mächtigeren Nachbarn auf recht friedvolle Weise zu erobern; nämlich durch die Erschaffung und durch den Export einer neuen und geradezu phantastischen Religion, die auf den Wundern der Atomkraft basiert. Terminus ist weit und breit die einzige Welt, die über Atomkraft verfügt, und die war für alle anderen dann bald eine mysteriöse und unerklärliche göttliche Macht. Anscheinend ging Asimov hier direkt auf die plötzliche religiöse Wiedererweckung in den Vereinigten Staaten ein, die bald nach der Explosion der Atombombe einsetzte. Asimov verdammt die Religion nicht, er hält sie für "einen der großen zivilisatorischen Einflüsse auf die Geschichte"30 . Aber er warnt vor den Gefahren, die Gesinnungen wie die von Billy Graham mit sich bringen, wenn dieser nämlich behauptete, Atomwaffen seien das Instrument von Gottes Rache und daß er sich "nicht darum kümmert, wie die Wissenschaftler das sehen. Das Wort Gottes reicht mir. " 31
(Wird fortgesetzt)
aus: Foundation 7/8; 1975 Deutsch von Marcel Bieger und Kornelia Tewes

Anmerkungen

1 William G. McLoughlin BILL Y GRAHAM; Ronald Press, New York, 1960; S. 209.
2 Ibid, s. 111.
3 William L. O'Neill (Hrsg.) AMERICAN SOCIETY SINCE 1945; Quadrangle Books, New York, 1969; S. 18.
4 Ibid, s. 46.
5 Eric Goldman THE CRUCIAL DECADE AND AFTER; Vintage books, New York, 1960; s. 15.
6 Mickey Spillane ONE LONELY NICHT; E. P. Outton & Co., New York, 1951, S.
102.
7 Seymour Martin Lipsit "The Sources of the Radical Right"; in: Daniel Bell (Hrsg.) THE RADICAL RIGHT; Anchor Books, 1964; s. 362.
8 William G. McLoughlin, a. a. 0., S. 37.
9, Deutsch zuletzt als: ZWISCHEN DEN PLANETEN; Heyne SF 3896; München, 1982.
10 Deutsch zuletzt als: TUNNEL ZU DEN STERNEN; Heyne SF 3883; München, 1982.
11 Deutsch zuletzt als: VON STERN ZU STERN; Heyne SF 4046; München, 1984.
12 Aus: R.A. Heinlein ZWISCHEN DEN PLANETEN; a. a. 0. Übersetzung dieser wie auch aller folgenden Textzitate durch die Übersetzer dieser Arbeit.
13 Aus: R.A. Heinlein TUNNEL ZU DEN STERNEN; a. a. 0.
14 Deutsch zuletzt als: DIE MARS-CHRONIKEN; Diogenes 20863; Zürich, 1981.
15 Aus: R. Bradbury DIE MARS-CHRONIKEN; a. a. 0.
16 Anthony Boucher "The Publishing of Science Fiction"; in: Reginald Bretnor (Hrsg.) MODERN SCIENCE FICTION; Coward-McCann; New York 1953, S. 54.
17 Vance Packard "Resurvey of 'Hidden Persuaders'"; in: William O'Neill; a. a. 0.; s. 18.
18 Angus M. Taylor "Science Fiction: The Evolutionary Context"; in: The Journal of Popular Culture; Spring 1972; S. 860.
19 Richard Hofstädter THE PARANOID STYLE IN AMERICAN POLITICS; Random House, New York, 1967; S. 70.
20 William G. McLoughlin; a.a.O.; S. 139.
21 Kingsley Amis NEW MAPS OF HELL; Harcourt .Brace & Co.; New York, 1960; s. 83.
22 Zuletzt deutsch als: LOBGESANG AUF LEIBOWITZ; Heyne SF 3342; München,1973.
23 Deutsch als: DIE SIRENEN DES TITAN; Piper; München, 1979.
24 Nach Hahn/Jansen LEXIKON DES SCIENCEFICTION FILMS (Heyne 7236 ; München, 1983) nicht in Deutschland angelaufen.
25 Chester E. Eisinger THE 1940's: PROFILE OF A NATION IN CRISIS; Doubleday & Co.; New York, 1969, S. 431.
26 William O'Neill; a.a.O.; S. 18.
27 Zuletzt deutsch als: DIE PSYCHOHISTORIKER; Bastei Lübbe Paperback 28108; Bergisch Gladbach, 1983.
28 Anthony Boucher; a.a.O.; S. 179.
29 Aus: I. Asimov DIE PSYCHOHISTORIKER; a.a.O.
30 Ibid.
31 William G. McLoughlin; a.a.O.; S. 212.