Einige Anmerkungen zu E.A.Poe

(Erstveröffentlichung SFT 4/85)

A.

Baudelaire, der Entdecker Edgar Allan Poes, stellt fest, daß es im Leben Menschen gibt, „in deren Stirnfalten mit geheimnisvollen Schriftzeichen das Wort Pech geschrieben steht … Man möchte meinen, ein blinder Sühneengel bemächtigte sich gewisser Menschen und geißelte sie zur Belehrung der anderen.“1

Nun gibt es sicherlich Autoren, die in einer Art schreiben, daß sich mancher ihrer Leser wünschte, die Texte würden von ihm stammen. Gesetzt den Fall aber, man machte solch einem Leser den Vorschlag, daß er in die Rolle des Autors schlüpfen könnte, sofern er nur bereit wäre, alle Nachteile in Kauf zu nehmen, die auch der Autor erleiden mußte - so würden viele Leser vermutlich dankend ablehnen: "Dann lieber doch nicht."

Wenn dies richtig ist, so haben sich im Leben Poes, wie im Leben jedes Genies, Einblicke und Ausblicke ergeben, von denen der "Durchschnittsmensch" nicht einmal zu träumen wagen würde; eine Erhöhung des Bewußtseins, wie sie nur wenigen zuteil wird; eine Qualität des Lebens also, die nur Leute wie Poe beschreiben konnten, da nur sie über die geeigneten Worte verfügen.

Ich möchte an Hand der 10bändigen Taschenbuchausgabe2 der Werke E. A. Poes einmal versuchen, solchen Überlegungen, soweit sie nicht allgemein bekannt sind, nachzuspüren. Davor erscheint allerdings ein Blick auf die bekannten Verdienste Poes sinnvoll.

B.

1. Poe erhebt die Kurzgeschichte in den Rang eines Kunstwerks. Er läßt sich dabei von der Devise leiten, daß Kunst nur dann ihre Wirkung entfaltet, wenn sie auf einmal wirkt, wenn ihr Genuß nicht unterbrochen wird. Dies ist aber nur bei kürzeren Werken, die man " in einem Rutsch" genießen kann, möglich. Es sei hier nur am Rande darauf verwiesen, daß die Science Fiction auch heute noch in wesentlichen Vertretern aus der Kurzgeschichte lebt. Was würden wir ohne E. A. Poe anfangen?

2. Durch Poe hielt der Horror in die Weltliteratur Einzug. Für ihn kam der Schrecken, nach einer bekannten Bemerkung, nicht aus Deutschland, sondern aus der Seele. Auf diesem Gebiet hat er Überragendes geleistet, und es liegt auf der Hand, daß sich zahlreiche Querverbindungen zur Science Fiction ergeben.

 

HORROR ZUR WELTLITERATUR

 

3. Poe ist aber auch ein direkter Vorläufer der Science Fiction. Er hat selbst einschlägige Erzählungen geschrieben: "Hans Pfaall" 3 , "Mellonta Tauta"4 , "Der Ballon-Jux" 5 , "Eiros und Charmion " 6 , um einige zu nennen, die sich mit Ballonflügen über den Atlantik oder zum Mond befassen bzw. die Begegnung der Erde mit einem Kometen zum Thema haben, in der erstere verbrennt.

4. Die Science Fiction leitet sich, wie wir wissen, unter anderem aus dem Reiseroman ab. Hier hat Poe zwei überragende, wenngleich unvollendete Beispiele aufzuweisen: den "Arthur Gordon Pym"7 und "Das Tagebuch des Julius Rodman"8 , deren Lektüre man jedem Autor, dessen Raumschiffe unter den Sternen schweifen, nur dringend ans Herz legen kann (von einschlägigen und bekannten Kurzgeschichten Poes einmal ganz zu schweigen).

5. Poe ist der Erfinder der Kriminalgeschichte. In den bekannten Arbeiten zeigt sich einer seiner bestechendsten Züge: die unbezwingliche, unbestechliche Logik, derzufolge sich alles begreifen läßt, sofern man nur klar denkt. Dieselbe Art von Logik treffen wir bekanntlich in Erzählungen wie vom "Sturz in den Malstrom"9 oder "Die Grube und das Pen del" 10 wieder, in denen die Protagonisten sich durch ihre Geisteskraft retten.

6. Neben diesen Arbeiten hat Poe Gedichte, unter ihnen sein berühmtes Poem "The Raven" 11 , ein Dramenfragment, Aufsätze zu den verschiedensten Themen, zahlreiche Rezensionen und Briefe geschrieben, die fast alle die Hand des Meisters verraten (nur einige Erzählungen aus seinen Arabesken und Grotesken sind, da nicht ernsthaft genug, schwächer). Er zeigt sich auch in den Naturwissenschaften bewandert, womit wir wieder bei der Science Fiction wären.

 

c. "Im Leben jedes Menschen gibt es wenigstens einen Abschnitt, darin die Seele für kurze Zeit den Leib zu verlassen scheint und sich gerade so hoch über alles Sterbliche emporschwingt, daß sie einen umfassenden, allgemeinen Überblick gewinnen und dergestalt, so akkurat es die Umstände verstatten, die eigene menschliche Natur abschätzen kann. In solchem Bemühen trennt die Seele sich von all ihrer Eigenart oder Individualität und betrachtet ihr Sein. Doch tut sie dies nicht im Hinblick auf sich selbst, sondern vielmehr in ihrer Eigenschaft als ein Teil des universellen Seins. All die gewichtigen guten Vorsätze, welche wir hegen, all die überraschenden Regenerationen unsres Charakters - sie kommen in solcher Lebens-Krisis an den Tag." (Pawlak 10, S. 759)

Unser "Pechvogel der Weltliteratur" verrät uns also selber, aus welcher Quelle er seine Kraft schöpft, was ihn antreibt, die ungeheuer tiefe und vielfaltige Leistung, die er aufzuweisen hat, zu bringen. Und man wird wohl kaum bestreiten können, daß der Autor weiß, worüber er schreibt, wenn er sich über Lebens-Krisen verbreitet:

 

BERÜHRUNG MIT DER HOHLEN, HERZLOSEN WELT

 

Er hat früh seine Eltern verloren und wird von einem hartherzigen Pflegevater, John Allan, erzogen, der ihn weder mit ausreichend Geld noch mit sonstiger Zuwendung ausstattet und mit dem es demzufolge sehr bald zu einem unheilbaren Bruch kommt. Jedenfalls erfährt unser Autor die Entfremdung sehr früh am eigenen Leibe, und so kennt er zur Genüge das Ergebnis der Berührung "mit der hohlen, herzlosen Welt" (8, 718).

Auf der anderen Seite aber ist er mit hervorragenden Fähigkeiten ausgestattet, die ihn die inneren Zusammenhänge der Welt besser und tiefer als andere erfassen lassen. In diesen Widersprüchen gefangen, von Schicksalsschlägen erschüttert, mit der schändlichsten Armut geschlagen, beginnt der Autor zu trinken, worauf die Welt, die ihn oberflächlich betrachtet, sein Pech auf die Trunksucht zurückführt, so, als könnte jemand, der denkt, diese Welt völlig nüchtern ertragen:

"Vor sechs Jahren erlitt meine Frau, die ich liebte ,wie kein Mann noch je geliebt, beim Singen einen Blutsturz. Man gab ihr Leben verloren. Ich nahm Abschied von ihr auf immer und litt alle Qualen ihres Todeskampfes mit. Dann erholte sie sich zum Teil wieder, und ich hoffte erneut ... Und wieder - wieder - wieder und noch einmal wieder . . . Bei jedem Mal empfand ich alle Qualen ihres Sterbekampfs - und bei jedem Anfall ihres Leidens liebte ich sie inniger und klammerte mich verzweifelter an ihr Leben ... Während dieser Anfälle absoluten Unbewußt-Seins habe ich getrunken - Gott allein weiß, wie oft beziehungsweise wie viel. Natürlich schrieben meine Feinde die geistige Zerrüttung dem Trinken zu - und nicht das Trinken meiner Zerrüttung." (8, 712)

Gewinnt er also durch seine zahlreichen Krisen unerhörte Einblicke in die Welt und in die Seele des Menschen, fungiert er also gleichzeitig auch als Werkzeug, so bereitet ihm das Schicksal eine besondere Katastrophe, gleichsam, um ihn instand zu setzen, eines seiner bedeutendsten Werke zu schreiben. Man könnte also auch den Eindruck gewinnen, daß die Welt, indem sie bestimmte Menschen besonders begnadet, zugleich in besonderer Weise foltert, um aus ihnen bestimmte Werke hervorzupressen.

Er, der bei jedem Atemzug, mit dem seine Frau ihr Leben aushaucht, zittert, stürzt folglich mit ihrem Tod (1847) in den tiefsten Abgrund und hat selbst nur noch zwei Jahre voller Spannungen, Schwankungen und Zweifel zu leben. Nun kann er den Becher extremster seelischer Schwankungen an den Mund setzen, und er trinkt ihn bis zur Neige. Im Jahre 1848 entsteht sein Meisterwerk "Heureka"12:

"Ich habe mir zu reden vorgesetzt, von dem Physischen, Metaphysischen, und Mathematischen - von dem Materiellen und Spirituellen Universum: von seinem Wesen, seinem Ursprung, seiner Schöpfung, seinem gegenwärtigen Zustand, und seinem künftigen Geschick." (5, 896 f.)

 

ANTWORTEN AUF DIE LETZTEN DINGE

 

Angesichts des eigenen nahenden Todes, von dem er früher nichts wissen wollte ("Die Wahrheit ist, ich habe noch sehr viel zu tun; und ich bin entschlossen, nicht eher zu sterben, als bis es getan ist! " noch 1846; in 8, 708), macht er nun also den Versuch einer Selbstverständigung. Er geht den "letzten Dingen" auf den Grund, und er glaubt die Antwort auf diese Fragen zu kennen. Für uns muß hierzu gelten: Wenn überhaupt jemand in diesen Bereichen etwas wie Wahrheit erlangen kann, dann nur jemand von Poes Begabung, und auch dieser nur in seiner extremen Lage, denn bekanntlich klärt man alle Dinge wesentlich am Rande, an der Grenze, gleichsam über dem Abgrund balancierend.

Man muß noch eine Voraussetzung machen, bevor man die Gedankengänge des Autors betrachtet. Sie liegt in der Kraft, die der Autor aufbringt. Es ist dies die besondere Kraft, wie Karl Marx sinngemäß schrieb, seine Gedanken auch unter extremen Umständen noch "zusammenzubringen". Nur jemand, der - z. B. auch wie Hegel - aus der absoluten Zerrissenheit kommt, ist imstande, die Welt als Ganzes zusammenzufügen.

Aber aus dieser subjektiven Voraussetzung, die man machen muß, wenn überhaupt etwas von Bedeutung geschrieben werden soll. folgt auch schon die Antwort über die Welt, die uns alle großen Geister geben, daß alles mit allem zusammenhängt, daß alles notwendig ist (und nicht Zufall) und daß alles logisch ist, daß man also alles begreifen könnte.

"Welche Vorstellung können wir denn überhaupt von (möglicher Zufälligkeit) hegen ... Derjenige, der, indem er sich von allen Vorurteilen frei macht, sich den seltenen Mut erwirbt, selbständig zu denken, wird am Ende nicht umhin können, bei der Zusammenfassung von Gesetzen in das GESETZ zu landen - wird nicht umhin können, zu dem Ergebnis zu gelangen, daß jegliches Naturgesetz in jeglicher Hinsicht mit allen übrigen Gesetzen untrennbar zusammenhänge . .. "(5, 984)

Zunächst wäre also die Frage zu klären, wie der Autor den Zusammenhang von allem mit allem, "der größtmöglichen Vielheit verschränktester Beziehungen" (5 , 929) begründet. Die Antwort ist außerordentlich "modern" und denkbar einfach. Er präsentiert uns die Theorie vom "Urknall": "Ich fühle mich bevollmächtigt zu proklamieren, wie das Gesetz, das Gravitation zu nennen unter uns im Schwange gewesen ist, deswegen existiert, weil die Materie, als sie entstand, in Atomgestalt in einen begrenzten Kugelraum hineingestrahlt worden ist, aus einer individuellen, unbedingten, beziehungslosen und absoluten Urpartikel heraus ... " ( 5, 969)

In dieser ursprünglichen Einheitlichkeit der Welt ist demnach aber auch jegliches Gesetz, das die Welt regiert, und jeder Zustand, den sie demzufolge erreichen könnte, beschlossen: " Mein zugrundegelegter Lehrsatz also, ist dieser:  In der ursprünglichen Einheitlichkeit des Ersten Dinges, liegt beschlossen die Ursache aller sekundären Dinge, sowie der Keim zu deren unvermeidlicher Auf71ebung." (5, 897)

Wenn damit aber klar ist, warum sich die Welt im Zusammenhang befindet, so stellt sich als nächste Frage, welche Gesetze es sind, die die Welt regieren. Die Gesetzmäßigkeiten, die die Naturwissenschaftler finden , wie richtig sie auch immer sein mögen, sind schal und öde, da es sich bei den Forschern um auf ihre Fachgebiete reduzierte Spezialisten handelt : "Der große Geist eines Newton - während er sich kühnlich des Gesetzes selbst bemächtigte - scheute doch zurück vor dem jenem Gesetz zugrundeliegenden Prinzip. Der integrierendere, und zumindest umfassendere ... Scharfsinn eines LaPlace, verfügte nicht über den Mut, es entschlossen anzugehen." (5, 945)

 

WAS BEFINDET SICH HINTER DEN NATURGESETZEN?

 

Aber was ist das, das sich "hinter" den Naturgesetzen befindet? Welches größere Prinzip gibt es, das die Welt im innersten zusammenbindet und dem sich die Menschheit im wissenschaftlichen Fortschritt Zug um Zug, Baustein für Baustein nähert? "... weil ich die Aufmerksamkeit auf den Tatbestand hinlenken wollte, ... daß hinter dem Gravitationsgesetz eigentlich noch irgend ein anderes Prinzip dasein müsse ... " (5, 945)

Aber woher weiß er eigentlich, daß noch etwas anderes hinter den Dingen "dasein muß"? Wer sagt ihm das? Aus welcher Quelle bezieht er seine Kenntnis? Wir sind wieder an einem Kreuzpunkt, wo das Subjektive und das Objektive verschmelzen (wie weiter oben, wo nur jemand von ungeheurer Denkkraft, subjektiv, den inneren Zusammenhang des Universums, objektiv, findet; so daß also die Geschlossenheit des Universums sich in der Geschlossenheit des individuellen Denkens spiegelt).

"Wir sind an einem Punkt angelangt, wo nur Intuition uns noch weiter helfen kann ... " (5, 923) Das heißt, wir haben Dinge bewußt und unbewußt in uns aufgenommen, in denen sich das Prinzip des Universums spiegelt. Wir sind unsere eigenen Seismographen, um die Wahrheit zu finden. Wir brauchen nur gewissenhaft genug in uns hineinzuhören, um in uns, der wir auch ein Teil der Welt sind, den letzten Grund zu spüren.

Dies setzt voraus absolute Wahrheit, Ehrlichkeit, Redlichkeit mit sich selber. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, hat den Maßstab an sich selber, die Wahrheit zu ergründen: "Beiläufig bemerkt, lieber Freund, ist's nicht ein Beleg der jenem bigotten Volk … auferlegten geistigen Sklaverei, daß, dem unaufhörlichen Gepriestere ihrer Gelehrten über Wege zur Wahrheit hin zum Trotz, nicht einer von ihnen . . . auf das verfiel, was wir heutzutage so klar als den breitesten, den geradesten, den gangbarsten ... Weg einsehen - die Große Schnellbahn - die majestätische Hochstraße des Mit-sich-selbst- Harmonierenden … "(5, 910)

Also nur jemand, der die Kraft hat, unbeeinflußt von den Gebrechen dieser Welt , selbständig zu denken ("Wir wenden uns ja an den denkenden Leser und sind einzig auf seine Zustimmung aus. Entsprechen unsre Anregungen der Wahrheit, so werden sie (eines fernen Tages) als wahr erkannt und verstanden sein ... Sind sie aber irrig - wer, wenn nicht wir selber, sollte als erster ihre Vergessenheit wünschen?" 7, 442), hat an sich die "Reinheit", Erkenntnisse zu gewinnen.

Darum ist es wichtig festzustellen, daß die intuitive Methode nicht nur die Methode von Edgar Allan Poe ist, sondern daß alle großen Geister der Geschichte ihre wesentlichen Erkenntnisse auf diesem Weg fanden: "Und, ganz speziell: würde es jenen blinden Eiferern nicht einige Mühe bereitet haben, festzulegen, auf welchem ihrer ... Wege die folgenreichste und sublimste aller ihrer Wahrheiten - die Wahrheit - das Faktum der Gravitation gefunden worden sei? Newton leitete sie aus den Kepler’schen Gesetzen ab. Kepler gab an, daß er diese Gesetze erraten habe . .. Ja! diese allwesentlichen Gesetze erriet Kepler - d. h. er imaginierte sie. Hätte man ihn aufgefordert, ... die ... Route anzugeben, auf der er ihrer habhaft geworden sei, seine Antwort möchte gelautet haben: Ich weiß nichts von Routen - aber wovon ich etwas weiß, das ist das Räderwerk des Universums. Hier ist es. Ich begriff es mit meiner Seele - ich erfaßte es bloß vermittelst der Intuition." (5, 911 f.)

Es erscheint angebracht, hier den bedeutendsten Physiker dieses Jahrhunderts, Albert Einstein, von dem Poe natürlich nichts wissen konnte , anzuführen. Einerseits hinsichtlich seiner Bemerkung gegen diejenigen, die den zwingenden Zusammenhang der Natur auflösen wollen, nämlich, daß Gott nicht würfelt. Zum anderen aber, da auch Einstein mit der intuitiven Methode (als ganzer Mensch) arbeitet: "Den Prozeß des Werdens einer Erfahrungswissenschaft denkt man sich bei schematisch erkenntnistheoretischer Betrachtungsweise als einen fortgesetzten lnduktionsprozeß ... Die Entwicklung der Wissenschaft erscheint von diesem Standpunkt aus ähnlich einem Katalogisierungswerk, als ein Werk der bloßen Empirie . . . Diese Auffassung erschöpft aber den wirklichen Prozeß keineswegs. Sie übersieht nämlich die wichtige Rolle, welche Intuition und deduktives Denken in der Entwicklung der exakten Wissenschaften spielen ... " 13

Die Methode der Intuition, des In-sich- selbst-Hineinhorchens, des "Zufalls", des Vertrauens auf die eigene Wahrheit (" ... ein unbesiegbares Vertrauen auf meine Wahrheiten . .. " 5, 952) ist somit gesichert. Es gibt also keine Wahrheiten, die dem Denken Poes prinzipiell widersprechen könnten. Da er selbst widerspruchsfrei ist, muß alles, was "Wahrheit" sein will, zu seinem Denken passen. Darum kann aber auch nichts schief und verquer in seinem Kopfe hängen, denn:

"Und tatsächlich ist der Sinn für Symmetrie ein Instinkt, auf den man sich nahezu blindlings verlassen darf. Er ist das poetische Grundelement des Universums ... Nun sind Symmetrie und innerer Zusammenhang vertauschbare Ausdrücke: ergo sind Poesie und Wahrheit ein- und dasselbe. Eine Sache ist in sich zusammenhängend, in dem Grade, wie sie wahr ist - wahr, in dem Grade ihres inneren Zusammenhanges. Ein perfekter innerer Zusammenhang kann, ich wiederhole es, gar nichts anderes sein, als eine absolute Wahrheit. Folglich dürfen wir es als ausgemacht annehmen, daß ein Mensch nie sehr weit oder sehr lange irren kann, wenn er sich nur immer leiten läßt von seinem poetischen Instinkt, von dem ich behauptet habe, er sei identisch mit dem für Wahrheit, da er der für Symmetrie ist." ( 5, 1 044f.)

Wenn dies aber stimmt, was ist dann das Wahre anderes als das Schöne: " Ich habe im Vorstehenden ... eine Übersicht über die Nebularhypothese gegeben . . . Von welchem Punkt her wir sie auch immer betrachten: wir finden sie wahr vor lauter Schönheit. Sie ist in der Tat viel zu schön, um nicht als wesentliches Merkmal Wahrheit zu besitzen ... " (5, 982)

Aber es gibt natürlich Fragen, die wir wohl mit dem Herzen spüren, die wir aber mit dem Verstand nicht lösen können, die sich - vorläufig - allenfalls in mathematische Gleichungen fassen lassen. Hierzu gehört vor allem die Überlegung, daß etwas da sein muß, das die Dinge "zusammenbindet", etwas Vermittelndes, der Urgrund von allem, oder auch nur die Antwort auf die Frage, wo eigentlich die Materie herkommt (sofern man diese Frage überhaupt als zulässig betrachtet). Poe gibt die klassische, ratlose Antwort auf diese Frage, über die sich heut· zutage die Naturwissenschaftler beraten: Gott steht am Anfang: "... durch Ihn, damals als Geist existierend, sei ... aus Nichts gemacht worden - auf irgend einem Raumpunkt ... zu irgendeiner Zeit ... die . . . auf jeden Fall enorm weit zurückliegt - durch Ihn … sei geschaffen worden: Was?! ... nichts anderes … als Materie in einem Zustand von alleräußerster … Einfachheit!" (5, 923)

Doch dieser Gott hat auch menschliche, vielleicht Poes eigene Züge: "Ich habe keine anhaltende Ausstrahlung" (der Urmaterie) "angenommen; und zwar aus dem einfachen Grunde … , daß kein Mensch sie psychisch unterhalten kann ... " (5 ,953) Die Erschaffung der Welt durch Gott ist also mit der Schöpfung eines Kunstwerks durch einen Künstler zu vergleichen; beide sind nicht in der Lage, über längere Zeiten hinweg Höchstleistungen dieser Art zu erbringen.

Der Gott aber, der die Welt schuf, ist vorhanden: "Die ungeteilte Materie, die alle Dinge durchdringt und antreibt, ist Gott ... Der Mensch existiert als (Person) dadurch, daß er mit Materie um· kleidet ist ... , die ihn individualisiert … Was wir (Tod) nennen, ist die schmerzvolle Metamorphose." (8, 685)

 

TOD IST METAMORPHOSE

 

Nun sind aber unsere stärksten Antriebskräfte die Menschen, mit denen wir zu tun haben. Stirbt einer, so können wir selber sterben. So sind auch die flehentlichen Rufe des Autors, nachdem seine Frau tot war, zu verstehen, die er an andere Frauen richtete, ja, in denen er sogar so weit ging, die Beziehung zu seiner Frau zu bagatellisieren: "Ist es nicht etwas, in dieser kalten, öden Welt geliebt zu werden? Oh, könnte ich Ihrem Geiste nur die tiefe - die wahre Bedeutung einbrennen, welche ich jenen drei unterstrichenen Worten beimesse!" (8, 721) Oder an anderer Stelle: "Mr. Kennedy ist zu allen Zeiten ein wahrer Freund für mich gewesen - er war der erste wahre Freund, den ich überhaupt hatte - ja, ich verdanke ihm mein Leben selbst." (8, 662)

Wenn aber die Wucht der Gesellschaft mit einer solchen Macht auf einen Autor wie Poe zugreift, dessen Sensibilität bis zur Nervenkrankheit gesteigert erscheint, so kann es nicht wundern, daß ihn manche, die keinen Zugang zu seinen Gedanken haben, für wahnsinnig halten: "Wie kann ich an die Vorsehung glauben, wenn Sie mit Kälte auf mich blicken! Waren nicht Sie· es, die mir Hoffnung und Glauben an Gott erneuerten? und an die Menschheit? Louise, ich hörte Ihre Stimme, als Sie meinen Blicken entschwanden, mich mit dem Pfaffen verlassend . . . Er stand lächelnd da und verbeugte sich vor Poe, dem Verrückten!" (8, 718 f.)

 

UM ABNORMER STÄRKE WILLEN ABNORMER SCHWÄCHE BEZICHTIGT WERDEN

 

Tatsächlich ist es nicht Schwäche, sondern Stärke, wenn man sich gegen eine gleichgültige und feindselige Umwelt behauptet: "Ab und an hab' ich mich über dem Versuch ergötzt, mir vor· zustellen, was wohl das Los eines Menschen sein möchte, der begabt - oder vielmehr geschlagen - wäre mit einem sämtlichen Artgenossen bei weitem überlegenen Geist. Natürlich wär' solch ein Mensch sich seiner Überlegenheit durchaus bewußt und könnte auch gar nicht anders ... , als dies Bewußtsein an den Tag zu legen. Dergestalt aber würd' er sich an allen Ecken und Enden nichts denn Feinde machen, und da überdies seine Ansichten und Spekulationen von denjenigen der gesamten Menschheit ganz erheblich differieren müßten, liegt's auf der Hand, daß man ihn für einen Tollhäusler ansehen würde. Welch entsetzlich qualvolles Los! Nicht einmal die Hölle könnt' eine ärgere Tortur aussinnen, als derjenige sie empfinden muß, welcher sich um seiner abnormen Stärke willen einer abnormen Schwäche bezichtigt sieht." (10, 757)

Darum auch, wenn man wirkliche Größe sucht, empfiehlt es sich, die "Guten und Großen" beiseite zu schieben und "mit aller Sorgfalt den vagen Berichten über jene Elenden" nachzugehn, "welche in den Gefängnissen, in Bedlam und am Galgen ihr Leben ausgehaucht" haben.(l0, 758)

Aber das Genie wird nicht nur als im Zustand des "Wahnsinns" befindlich betrachtet, sondern es übt auch wegen seiner Geschlossenheit im Auftreten und Denken eine unerhörte Wirkung: " ... einfach, daß der höchste Genius - jener Genius, welchen jedermann im Augenblick als solchen anerkennt, jener, der sowohl auf den einzelnen als auch auf die Gesamtheit wirkt vermöge eines speziellen Magnetismus, welcher so unverständlich, so unwiderstehlich ist, daß man an Widerstand gar nicht erst denkt ... " (10.772)

Er äußert an einer Stelle, daß man nicht leben könne , ohne zugleich an die Zukunft zu denken. Zugleich ist ihm aber, als ob Erinnerungen an frühere Existenzen aufsteigen würden, "die in unserer Jugend besonders klar" sind (5, 1056 f.). Nichts ist zufällig, alles hängt mit allem zusammen. Sein eigenes Leben aber bezeichnet er, befragt, als "Grille"; was sei es gewesen? "Impuls Leidenschaft - Sehnsucht nach Einsamkeit - Verachtung aller gegenwärtigen Dinge, bei ernsthaftestem Verlangen nach der Zukunft." (8, 686)

Aus dem harten und entbehrungsreichen, aber auch schönen Leben des Autors, das er ganz sicher mit keinem "Glücklicheren" eingetauscht hätte, folgt, wie oben dargestellt, eine Fülle von Texten, die diesen Autor wahrhaftig der Zukunft anheimgegeben haben. Poes Wirkung ist ungeheuer; die Lektüre fast aller seiner Texte lohnt sich. Denn klar ist auch: das, was an ihm fasziniert, ist sein Bewußtsein. Er benutzte die Sprache seiner Zeitgenossen; einmalig war also der Filter, durch den sie hindurchging. Das zeigt auch gerade an Hand dieses Autors: wenn jemand eine Sache wirklich kann, dann kann er auf allen Gebieten etwas leisten.

Er hat uns auch, wie ich oben zu zeigen versuchte, die Bedingungen angegeben, unter denen neue Dinge gelingen. Wer darüber lachen wollte, verurteilt sich zum Scheitern. Darum möchte ich diese kurze Betrachtung über den (unbekannten) Edgar Allan Poe mit einem letzten Zitat, das sich an seine Schriftstellerkollegen richtet, beschließen:

„Sollte irgend einem Mann von Ambitionen der Sinn danach stehen, mit einem einzigen Gewaltstreich die gesamte Welt menschlichen Denkens, menschlichen Meinens und menschlichen Empfindens zu revolutionieren, so steht ihm solche Gelegenheit jederzeit zu Gebote - so liegt die Straße zum unsterblichen Ruhm schnurgerade, offen und ohne jegliche Hindernisse vor ihm. Was er zu tun hat, ist lediglich , ein ganz kleines Buch zu schreiben und zu publizieren. Der Titel sollte recht einfach sein - dürfte bloß wenige, schlichte Worte umfassen: (Mein bloßgelegtes Herz). Allein, dies kleine Buch mü.te halten, was sein Titel verspricht. " (10, 750)

 

ANMERKUNGEN

1 Charles Baudelaire, aus seinem Vorwort zu E.A. Poe (E.A. Poe, Der Doppelmord, Emil Vollmer Verlag, Wiesbaden)

2 E.A. Poe - Das gesamte Werk in zehn Bänden: Herrsching 1979. Manfred Pawlak (ungekürzte Lizenzausgabe der 4bändigen Poe-Gesamtausgabe im Waller-Verlag; Ollen 1966); i. V. Pawlak

3 ''Das unvergleichliche Abenteuer eines gewissen Hans Pfaal" (The Unparalleled Adventures of One Hans Pfaal); Pawlak 3

4 "Mellonta Tauta" (Mellonta Tauta); Pawlak 3

5 "Der Ballon-Jux" (The Balloon Hoax); Pawlak 3

6 ·"Die Unterredung zwischen Eiros und Charmion" (The Conversation of Eiros and Charmion); Pawlak 5

7 UMSTÄNDLICHER BERICHT DES ARTHUR GORDON PYM VON NANTUCKET (The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket); Pawlak 3

8 DAS TAGEBUCH DES JULIUS RODMAN (The Journal of Julius Rodman) Pawlak 4

9 "Ein Sturz in den Malstrom" (A Descent into the Maelström) Pawlak 4

10 "Grube und Pendel" (The Pit and the Pendulum); Pawlak 4

11 "Der Rabe" (The Raven); Pawlak 9

12 "Heureka" (Eureka); Pawlak 5

13 Albert Einstein : Über die spezielle und allgemeine Relativitätstheorie; Wiss. Taschenbücher 59. S. 97