Horror-Comics und Jugendschutz

(Erstveröffentlichung: Dezember 1975)

In den 50er und 60er Jahren ist die in Bonn-Bad Godesberg residierende Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften (BPS) von zwei Seiten unter Beschuß genommen worden: zuerst haben sich permanent solche Mitmenschen beschwert, die sich für gute Staatsbürger hielten und deshalb glaubten, ihre eigene verklemmte Sexualität entspreche dem "gesunden Volksempfinden" der großen Mehrheit der Bevölkerung. Diesen Mitmenschen war die damalige Arbeit der BPS viel zu lasch; hätten sie zu entscheiden gehabt, hätte man vor allem Millers "Wendekreis"-Romane und Grass' "Blechtrommel" indiziert. Diese Entrüstung des "gesunden" Volksempfindens entsprach aber durchaus der Arbeit der Prüfstelle: eifrig wurde nach nackten Busen gefahndet und Hefte indiziert, die heute ein pubertierender Vierzehnjähriger keines müden Blicks mehr würdigen würde.

In der kritischen Phase zwischen 1964 und 1970 rückte die BPS in den Mittelpunkt heftiger Angriffe von der anderen Seite. Nun wurde den falschen Saubermännern ihre verklemmte Einstellung zur menschlichen Sexualität vorgeworfen und die Beschränkung auf die Indizierung von pornographischem Schrifttum kritisiert. Die Arbeit der Prüfstelle ist aber in den letzten Jahren aus der öffentlichen Diskussion weitgehend verschwunden. Offensichtlich sieht heute kaum noch ein Kritiker die Gefahr einer indirekten staatlichen Zensur. Dabei ist die Frage des literarischen Jugendschutzes überhaupt nicht entschieden und durch die stürmische Entwicklung der Massenkommunikationsmittel und der -medien in den letzten Jahren wieder erneut aktuell geworden.

In dieser Zeitschrift wird von engagierten Mitarbeitern seit vielen Jahren heftigste Kritik an der spätkapitalistischen, imperialistischen Massenliteratur geübt; die Kritik an verdummender und rassistischer Ideologie endet nicht selten mit der Forderung nach positiven Gegenbildern zu dem bei uns massenhaft verbreiteten Schund.

Eine neue Tendenz zeichnet sich seit einiger Zeit vor allem im Bereich der phantastischen Literatur ab: Horror, Sword & Sorcery, Vampirismus u. ä. füllen immer mehr Roman- und Comic-Reihen. Die auch im Filmgeschäft zunehmende Irrationalismuswelle schwappt gerade über die BRD und verändert den Heft-Roman-Markt entschieden: Wo früher dümmliche Abenteuer-Helden mit viel Faust ihre troglodytenhaften Hirninhalte kaum kaschieren konnten, findet sich heute eine Mischung aus Sado-Sex, Vampirismus, Hexenglauben und weiterer irrationalistischer Ausgeburten kranker Gehirne. Die kapitalistische Verdummungsmaschinerie läuft auf vollen Touren und produziert massenhaft Bestätigungsliteratur, die den in ihren Freizeitbedürfnissen eh schon manipulierten Lesern die Ohnmacht erleichtern, von der sie angesichts der für sie kaum durchschaubaren gesellschaftlichen Strukturen der technisierten und hoch industrialisierten Gesellschaft bedroht sind. Statt die Masse der Bevölkerung auf einen Weg zu leiten, der sie zur kritischen Hinterfragung eben der Bedingungen ihrer Lebensmisere und der Lebensängste führen könnte, wird ihnen durch geschickte Ausnützung von Urängsten, einem gewissen Maß Freude an Grausamkeit und Horror das Denken erst recht vernebelt und die Probleme scheinbar (wenigstens für den Augenblick der Heftlektüre) gelöst. Wenn wir gegen diese Tatsachen mit Aufklärung über gesellschaftliche Strukturen und die Hintergründe des großen Geschäfts mit der Angst und den Frustrationen vorgehen, so frustriert uns die praktische Wirkungslosigkeit dieser Versuche erst recht.

Kleines Beispiel: Welcher Leser von Massenliteratur, der oben beschrieben wird, liest eigentlich SFT? In dieser Situation nach dem Staat rufen, der alles verbieten sollte, ist ebensolcher Unfug; hier braucht nicht näher erläutert werden, warum ich grundsätzliches Mißtrauen gegen jede Art von Zensur hege und daß die Interessen- bzw. Machtverflechtung zwischen Staat und Privatwirtschaft einfach zu groß ist, um einen derartig kapitalkräftigen Wirtschaftszweig ernsthaft zu gefährden.

Die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten sollten aber ausgeschöpft werden; da gibt es seit Jahren ein "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" (GjS), in ·dem es heißt:

Schriften, die geeignet sind, Kinder oder Jugendliche sittlich zu gefährden, sind in eine Liste aufzunehmen. Dazu zählen vor allem sämtliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhaß anreizende sowie den Krieg verherrlichende Schriften. (§ l, Abs. 1)

In den 50er Jahren hat die BPS vor allem "unsittliche" Schriften, also sogenannte Pornographie, indiziert; diese lndizierung bewirkt, daß ein beanstandetes Druckerzeugnis für eine befristete Zeit nicht in Kiosken verkauft werden darf (also nur noch unter dem berühmten Ladentisch, da es sonst für Kinder und Jugendliche leicht zugänglich wäre). In der Praxis bedeutet das aber: der Verleger erleidet große finanzielle Verluste, eine Heftreihe muß oft sogar eingestellt werden, weil nämlich ca. 85% aller Heftromane und Zeitschriften über Kioske verkauft werden. Die sind aber so definiert: Verkaufsraum, den der Käufer nicht betreten kann. Man fürchtet also die Indizierung durch die BPS!

Die oben erwähnte Busensuche, die die Prüfstelle in den Augen ihrer Kritiker diskreditiert hat, ist nach dem Wortlaut des zitierten Abschnitts aus dem GjS nur ein kleiner Teilbereich, für den sich die Prüfer interessieren sollen. Das Verbot von Grausamkeit, Gewalt oder Rassenhaß bzw. die Verherrlichung von Krieg entspricht den in unserer Zeitschrift seit längerem verbreiteten Vorstellungen; in diese Richtung hat sich die Kritik immer wieder bewegt. Das Gesetz stimmt in diesen Punkten durchaus auch mit den Richtlinien überein, an die sich zu halten die Redakteure und Mitarbeiter von SFT beschließen wollen.

Da eine Reihe von Roman-Produkten und Comics unter die Bestimmungen fallen, die im Gesetz zu einer Indizierung führen können, sollten wir die Arbeit der BPS aufmerksam verfolgen. Seit der neue Vorsitzende, Rudolf Stefen, die Arbeit übernommen hat, wurde versucht, vor allem gegen die Darstellung von sexuellen Perversitäten, Brutalität, Grausamkeit und Rassismus vorzugehen, was sich aber als äußerst schwierig erweist, weil im Bewußtsein der meisten Mitarbeiter Jugendschutz "Schutz vor Sexualität“ heißt.

Am Beispiel der Comics kann das exemplarisch belegt werden; in den 50er Jahren wurden vor allem die heute von Sammlern geschätzten Produkte des Lehning-Verlags auf die Liste gesetzt. Da Comic-Verlage immer schon Monate im Voraus drucken lassen, hat dieser permanente Angriff auch mit zum Niedergang des Unternehmens beigetragen. Der Grund für die Indizierungsmaßnahmen war aber nicht der oben zitierte Wortlaut des GjS , sondern die Aversion damaliger Prüfer und Pädagogen gegen das Medium Comic schlechthin. Diese Anti-Comic-Kampagne, die in verschiedenen kritischen Beiträgen über "Comics in der Pädagogik" genauer untersucht worden ist, war Ausgeburt einer bildungsbürgerlichen Buchideologie, die bis heute nicht wahrhaben will, daß man den Kindern beim Tausch Hefte gegen "gute" Bücher den gleichen, nur jetzt viel langweiligeren Mist in die Hand gedrückt hat. Daß es auf die Inhalte der Jugendlektüre, nicht auf ihren medialen Charakter ankommt, dämmert auch heute vielen Pädagogen erst langsam.

Durch die Comic-Forschung ist jetzt auch klar geworden, daß das Medium Comic als spezifische Wort-Bild-Kombination im Massenkommunikationsprozeß durchaus hohe Ansprüche an die Lese- und Sehfähigkeit der Konsumenten stellt; heute wird daher niemand mehr ernsthaft behaupten können, daß Comics von ihrer Struktur her schon unter die Bestimmungen des GjS fielen.

Im August hat die BPS zwei Hefte der Comic-Zeitschrift VAMPIRELLA indiziert; die Begründung für diese Entscheidung, durch die erstmals ein Horror-Comic betroffen ist, unterscheidet sich erheblich von Indizierungen früherer Jahre und charakterisiert die neue Tendenz in der Arbeit der Prüfstelle. (Entscheidung Nr. 2503)

Nicht mehr die Darstellung von unbekleideten Menschen oder sexueller Akte ist für die Entscheidung maßgebend gewesen, sondern die "Verherrlichung von Brutalität und Grausamkeit", die im höchsten Maße jugendgefährdend seien. Zum Begriff der "sittlichen Gefährdung" führen die Prüfer aus, "daß das GjS die sittliche Jugendgefährdung nicht auf die Sexualethik begrenzen, sondern auch und insbesondere auf die Sozialethik ausgedehnt wissen will. " Folgerichtig werden als Gründe für die Indizierung von VAMPIRELLA angeführt,

 

daß das Heft Angsterregung beim Leser bzw. Betrachter erreichen will und diesen Effekt auch schon allein durch die Bildgestaltung erreicht. Der Verlag kann mit seinem Hinweis, Gewalt und Grausamkeit gebe es auch in Märchen und Mythen, die Verbreitung des Magazins nicht mit Erfolg rechtfertigen. Denn in diesem Magazin stellt die Gewalt und Grausamkeit das treibende Element einer linear verlaufenden Handlung dar, die keine Reflexion des Lesers oder Betrachters erforderlich macht, während in Märchen und Mythen Gewalt und Grausamkeit in ein Bezugssystem gestellt ist und vor allem Ablösungskonflikte von Heranwachsenden verbalisiert und visualisiert.

 

Hier muß zwar ergänzt werden, daß in Märchen und Mythen auch und vor allem Herrschaftsstrukturen dargestellt und oft aus der Sicht der Beherrschten als veränderbar erlebt werden, doch ist die deutliche Akzentverschiebung in dieser Begründung bemerkenswert. Weiter heißt es in der Begründung:

 

Inhalt und Aufmachung des Hefts fördern Intoleranz, Haß und Vernichtungswillen gegenüber dem Gegner, sowie das weithin vorhandene Vorurteil, gesellschaftliche, politische und persönliche Entwicklungen und Krisen seien das Werk dunkler Mächte, deren erbarmungsloser Ausrottung es bedürfe, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen.

 

Das letzte Zitat könnte wörtlich aus einer Rezension in SFT stammen; es zeigt deutlich, wie sehr sich die politischen Implikationen der Arbeit der Prüfstelle verändert haben. In der Begründung wird weiter an den Horror-Comics kritisiert, daß die Schilderung von Kämpfen zwischen Menschen und dämonischen fremden Wesen auf ein primitives Freund-Feind-Schema reduziert werde,

 

daß auch die große Zahl der Passiven unter den Lesern angesprochen wird, die aufgrund ihrer echten oder vermeintlichen Hilflosigkeit, auf das Erscheinen des übermenschlichen Retters aus aller Not vertrauen und ihm die Ordnung der Welt, einerlei mit welchen Mitteln, überlassen.

 

Am Beispiel dieses Heftes von VAMPIRELLA wird vor allem kritisiert, daß man aus der These, der Gegner wolle unsere Kultur vernichte n, einen Tötungsauftrag ableitet. Hierzu wird auf die Parallele verwiesen, die in den Nachkriegsprozessen gegen Handlanger der Faschisten deutlich wurde , die sich zur Rechtfertigung für ihre Taten auf eben diese These berufen haben.

Diese Entscheidungsgründe habe ich deshalb so gründlich referiert, weil sie Konsequenzen für den SF-Markt und vor allem für die imperialistischen Massenprodukte a la PERRY RHODAN haben können. Niemand von den Kennern der Massen-SF und vor allem der neuen Horror-Welle (Vampirromane etc.) wird bestreiten, daß man mit obiger Begründung gegen viele Produkte dieser Verdummungsindustrie vorgehen könnte. Ich meine, wir sollten die jetzigen Tendenzen innerhalb der BPS ausnützen und dazu beitragen, daß man den schamlos an den durch ihre eigenen Produkte unmündig gehaltenen Massen Verdienenden die Suppe gründlich versalzt. Wenn es der Prüfstelle gelingt, noch mehr Exemplare der neuen Horror- und Brutal-Welle zu indizieren, kann damit auf dem Markt der massenhaft verbreiteten Lesestoffe manchem Verleger das Konzept verdorben werden . Ob sich da - mit auf dem Markt entscheidend etwas verändert, sei dahingestellt. Andererseits ist es ein Zeichen intellektueller Frustration, dazusitzen und nach gründlicher Analyse des Marktes nichts zu tun, weil es einem ausweglos erscheint oder gar auf die Weltrevolution zu warten, Wenn uns die Gesetze des bürgerlichen Staates und seine Behörden durch eine politische Auslegung der Bestimmungen Möglichkeiten eröffnen, mit zur immer wieder geforderten Demokratisierung und Humanisierung des öffentlichen Lebens beizutragen, sollte man hier einen Anfang machen. Wir müssen uns vor den falschen Saubermännern wie Strauß und Dregger hüten; wir dürfen aber nicht tatenlos zusehen, wie die imperialistische Manipulationsindustrie durch die Kolportage faschistischen und irrational- spiritistischen Gedankenguts den Weg für einen Erfolg der Rechtskräfte bei breiten Wählerschichten ebnet. Wer also an dieser Arbeit mitwirken will, sollte entsprechendes Material an mich schicken; ich werde es dann an solche Stellen weiter leiten, die berechtigt sind, bei der BPS einen Antrag auf Indizierung zu stellen.