Michael Moorcock - ein rastloser Arbeiter

(Erstveröffentlichung SFT 7/85)

Michael Moorcock zählt zu den wenigen europäischen Schriftstellern, deren Werke noch immer von jungen Lesern geschätzt werden - und zwar nicht nur von jenen, die der Science-Fiction-Gemeinde angehören. Daß er den Kontakt zur jungen Generation aufrechterhalten will, bleibt wohl weiterhin gültig. Allerdings gibt Moorcock deutlich zu verstehen, daß er einen breiteren Leserkreis anzusprechen beabsichtigt und vom Science-Fiction-Genre, das ihn berühmt gemacht hat, mehr und mehr abrücken möchte.


Sein rastloses Bestreben, neue Bereiche für sich zu erschließen und Konventionen der Science Fiction auf die Mainstream-Literatur zu übertragen, kam bereits 1965 deutlich zum Ausdruck, als er seinen ersten Jerry Cornelius Roman THE FINAL PROGRAMME 1 in Fortsetzungen publizierte und das Magazin New Worlds herausgab. Doch schon zu Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn traten diese Intentionen, wenn auch nur indirekt, zum Vorschein.
Auch zwanzig Jahre nach der Veröffentlichung seines ersten Romans THE STEALER OF SOULS (1963) schreibt Moorcock immer noch in einer der Jugend zugänglichen Form. Seine jüngsten Auftritte im Britischen Fernsehen als Leiter von Jugendsendungen über Punkmoden und New Wave Rockmusik, die literarische Umsetzung des Sex-Pistols-Films THE GREAT ROCK & ROLL SWINDLE ( 198 1) oder auch die Produktionen von Rock-Singles wie zum Beispiel THE BROTHEL IN ROSENSTRASSE (1982) haben seine Rolle als Sprachrohr der Jugend untermauert.

SPRACHROHR DER JUGEND

Daß sich Moorcock neben dieser Arbeit außerdem noch als Autor von Mainstream-Romanen wie BYZANZ IST ÜBERALL2 betätigt, versetzt ihn in eine einzigartige Position. Auf den ersten Blick scheinen beide Gebiete unvereinbar zu sein. Doch bei näherem Hinsehen wird deutlich, daß Moorcock wie nur wenige imstande ist, die Komplexität des Lebens wahrzunehmen. In dieser Doppelrolle, die unter anderem von seinem großen Enthusiasmus getragen wird, gleicht er zum Beispiel Jorge Luis Borges, der sowohl Populist als auch Künstler ist. Übersetzungen von Moorcocks Werken erscheinen in Südamerika, in Europa, Israel, Japan und anderswo. Nur wenige englische Schriftsteller erfreuen sich einer so weiten Verbreitung (John Fowles Werke sind außerhalb Englands kaum bekannt).
Moorcocks Stellung im eigenen Land ist umstritten. Einerseits gilt er als einer der führenden Schriftsteller, doch andererseits wird ihm die Anerkennung oft versagt - im Gegensatz zur Wertschätzung einiger Schriftstellerkollegen wie zum Beispiel Anthony Burgess. Sowohl Moorcock als auch Burgess sind ungemein produktiv. Burgess' Themen - und darin unterscheidet er sich von Moorcock - sind akademischer Natur und gründen im Wertekanon der britischen Bourgeoisie, was ihm den Zugang zur achtbaren Mittelschicht öffnet - ein Publikum, das im allgemeinen Moorcocks Themen gegenüber abgeneigt ist. Ein Grund für die Schwierigkeit, Moorcock einzuordnen, liegt in seiner ausgeprägten Vielseitigkeit. Um die zahlreichen Anspielungen in seinen Werken schätzen zu können, muß der Leser über einen ungewöhnlich hohen Informationsstand verfügen.
Moorcock hat in seinen Werken stets auf den für so viele Science-Fiction typischen blinden Autoritarismus sowie auf die Art von Propaganda, wie sie bei Robert Heinlein, Larry Niven und Jerry Pournelle zum Ausdruck kommt, verzichtet. Moorcocks Verwendung von Bildern aus dem Science-Fiction-Genre verleitet ihn nicht mehr wie früher zur zügellosen Schwärmerei (wie sie bei vielen "New Wave" Autoren auch heute noch festzustellen ist). Statt dessen dienen ihm diese Bilder als Technik zur Bearbeitung seines Materials. Dies ist auch der Grund dafür, warum immer weniger Science-Fiction-Fans zu seinen Lesern zählen, während der nicht festgelegte Kreis seiner internationalen Leserschaft zunimmt. BYZANZ IST ÜBERALL wird von britischen Kritikern im allgemeinen ernst genommen, doch viele scheinen bei der Beurteilung des Buches verunsichert zu sein ( - eine Unsicherheit, die der gleichen Zunft bei der Einordnung des Werkes von T.S. Eliot zu schaffen machte). Erst in den letzten zehn Jahren hat sich Moorcocks Stellung im amerikanischen Literaturbetrieb verbessern können . Doch der erhoffte Durchbruch bleibt zur Zeit noch aus. Werke von Kurt Vonnegut oder Philip Roth, die den Geschmack der Mittelschicht eher t reffen, erweisen sich als Verkaufsträchtiger.
Vielleicht ist es noch zu früh, um Moorcocks Romane wie BYZANZ als erfolgreich zu bezeichnen. Der Name Moorcock löst bei manchen Kritikern noch häutig Vorurteile aus. Obwohl die Besprechung seiner jüngsten Werke im allgemeinen günstig ausgefallen sind, ist zweifelhaft, ob die Rezensenten Moorcocks Intentionen wirklich verstanden haben.

DRUCK DES MARKTES

Mit Sicherheit wird er auch in Zukunft mit demselben Engagement ans Werk gehen. Ob es sich um einen gesellschaftlichen oder phantastischen Roman handelt, Moorcock wird immer noch durch den Druck des Marktes zum Schreiben genötigt.
Sein Arbeitseifer (der nicht zuletzt durch den Marktbedarf und finanzielle Erwägungen motiviert wird) ist seinem Leserkreis bekannt. Moorcock kündigt all seine Aktivitäten in Form von Nachrichtenblättern an. Diese Blätter listen Werke in Arbeit auf, bevorstehende Projekte, zur Publikation freigegebene Bücher, Daten von Schallplattenerscheinungen und persönlichen Auftritten (Autogrammstunden oder Auftritte in Rockshows), Auftritte in Fernseh- und Radiosendungen, Arbeiten an Drehbüchern, Besprechungen von Gesellschaftsspielen, die sich an seine Fantasy-Romane anlehnen (Dungeons and Dragons haben eine Reihe von Spielen mit Erfolg auf den Markt gebracht), Hinweise auf Magazine, die Artikel von ihm veröffentlicht haben, Interviewtermine und Daten von Veröffentlichungen seiner Kurzgeschichten und Neuauflagen seiner Romane. Eine so umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit ist selbst bei Künstlergruppen ungewöhnlich. Daß sie von einem einzigen Mann betrieben wird, ist beeindruckend und zeugt von einem erstaunlichen Maß an Selbstdisziplin. Zur Strukturierung und Präsentation eines so vielschichtigen Engagements ist ein sehr ausgeprägter Realitätssinn vonnöten. Man könnte ein solches Vorhaben für den problematischen Versuch der Schaffung einer Papierwirklichkeit halten. Doch Moorcock nutzt sein Material, um die Wirklichkeit so objektiv wie möglich zu spiegeln. indem er die "Hardware" der modernen Welt - Fernsehnachrichten, Zeitungen, Computer (der Stoff moderner Science Fiction) - durch seine hochentwickelte künstlerische Fantasie filtert, gelangen wir zu einem umfassenderen Verständnis von der ironischen Komplexität der Medienerzeugnisse, die uns täglich präsentiert werden.
Das, womit sich Jerry Cornelius in all seinen verschiedenen Inkarnationen eingehend beschäftigt, ist im Grunde die Frage nach der Ausbildung und Wahrung einer Identität, die das Leben in der Großstadt ermöglicht. Der einzelne Städter spielt in einem großangelegten Theaterstück mit. Die Selbstdarstellung im alltäglichen Großstadtleben ist eine Art Schauspiel, in dem jede Person eine Rolle übernimmt und in dieser Eigenschaft den Handlungsablauf mitbestimmt. Jerry Cornelius ist ein typischer Stadtmensch. In seinen Rollen bringt er beispielhaft die erforderlichen Überlebensstrategien zur Darstellung. Seine Bühne ist London (könnte aber auch Berlin sein) . . . In seiner CorneliusChronik3 hat Michael Moorcock zu erzählen versucht, wie man in den sterbenden Großstädten dieser Welt am Leben bleiben kann.
(John Clute, 1977)

Was können Moorcocks Leser mit einer so großen Unterschiedlichkeit von Thematik und Stil anfangen? Gewiß verschließt er sich durch seine Neigung für ausgefallene Themen und Formen (bei prätentiöseren Schriftstellern würden vergleichbare Neigungen vielleicht als elitär gelten) den Zugang zu einem breiteren Publikum. Daß er dennoch einen großen Leserkreis für sich gewinnen konnte, liegt sowohl an zeitgeschichtlichen Ursachen als auch an seiner Fähigkeit, die Zeichen der Zeit in einer für seine Leser verständlichen Form auszudrücken. Seine Leser, und dazu zählten zunächst vor allem die enttäuschten Jugendlichen, fanden durch ihn die eigenen Frustrationen und Hoffnungen zum Ausdruck gebracht. Die akademische Welt dagegen hat das ernste literarische Anliegen, das sich hinter Moorcocks frühen Themen verbarg, kaum zur Kenntnis genommen. Die Befangenheit der Science-Fiction-Literatur gegenüber ist immer noch weit verbreitet. Allzu oft wird das, was dieses Genre anzubieten hat, mit der Qualität von Perry Rhodan Geschichten gleichgesetzt.
Michael Moorcock wurde am 18. Dezember 1939 geboren, und wie so viele Schriftsteller dieser Generation ist auch er von der Nachkriegszeit geprägt. Brixton, Clapham oder Streatham, die vertrauten Londoner Stadtteile seiner Jugend, trugen bis in die späten fünfziger Jahre hinein die Narben des Krieges. Das zerstörte London war für Moorcock auch noch in den Sechziger Jahren das bestimmende Thema (in den Cornelius-Büchern, in dem Roman BREAKFAST IN THE RUINS oder anderen Werken).
Seine Eltern Arthur, ein Ingenieur, und June, eine Buchhalterin, entstammten der unteren Mittelschicht von Südlondon. Ihre Ehe war nicht erfolgreich. Michael besuchte bis zum Alter von fünfzehn Jahren mehrere Schulen. Zu dieser Zeit betätigte er sich bereits als Herausgeber. Outlaw’s Own, ein mit Klassenkameraden verfaßtes Blättchen, erschien 1949. 1954 wirkte Moorcock an der Burroughsiana mit, einem Fanzine über Edgar Rice Burroughs und anderen Fantasy-Autoren, das etwa achtzehn Ausgaben veröffentlichte. Außerdem gab Moorcock mehrere Magazine heraus, die nur einmal erschienen, zum Beispiel Ergo Ego (1962), ein Literaturmagazin, das Einflüsse von Mervyn Peake, Aubrey Beardsley, Oscar Wilde und anderen erkennen ließ. Durch seine Arbeit an der Burroughsiana kam er zu seiner ersten professionellen Einstellung als Redakteur bei der wöchentlich erscheinenden Jugendzeitschrift Tarzan Adventures. Seine frühen Erzählungen (SOJAN THE SWORDSMAN und andere Geschichten) wurden in diesem Magazin abgedruckt. Als Redakteur bei der Tarzan Adventures bewies er ein nicht geringes Maß an künstlerischem Sachverstand und stellte eine Reihe von bedeutenden Schriftstellern und Künstlern vor, unter anderem Burne Hogarth und Harold Foster.
Während der späten fünfziger Jahre spielte und sang Moorcock in mehreren Rock & Roll- und Skiffle-Bands. 1960 tourte er durch Skandinavien und Deutschland, wo er in Nachtclubs und Bars Soloauftritte bekam. Er kehrte nach England zu rück, um einen Job als Pamphletist für die Liberale Partei anzunehmen und um seine schriftstellerische Laufbahn fortzusetzen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Reihe von Büchern geschrieben, die noch nicht veröffentlicht worden waren (THE HUNGRY DREAMERS und THE GOLDEN BARGE4 - letzteres wurde 1979 herausgegeben). Der 1958 fertiggestellte Roman THE GOLDEN BARGE ist stark beeinflußt von Brecht und Mervyn Peake. Doch Moorcock sah sich gezwungen, diese Richtung zugunsten einer kommerzielleren Literatur aufzugeben.
1961 begann Moorcock seine bilderstürmenden Elric-Stories zu veröffentlichen. Sie erschienen als Fortsetzungen in dem britischen Magazin Science Fantasy. Damals wurde Science Fantasy wie auch ihr Schwestermagazin New Worlds von John Carnell herausgegeben, einem experimentierfreudigen Redakteur, der maßgeblich beteiligt war an der Wiederbelebung der britischen Science Fiction in den fünfziger Jahren. Er schuf eine Plattform für unkonventionelle Werke amerikanischer Schriftsteller wie Thomas Burnett Swann (der in den Staaten keinen Verleger für seine Arbeit finden konnte) und publizierte die besten frühen Werke von Brian W. Aldiss und die innovativen Erzählungen von J. G. Ballard (zum Beispiel Ballards Terminal Beach, was zu jener Zeit ein recht gewagtes Unternehmen war). Carnell war von Moorcocks ungewöhnlichem Helden angetan. Die Figur des Elric von Melnibone kam zur rechten Zeit, denn sie war die letzte Heldengestalt der zu Ende gehenden Ära englischer "Groschenhefte".
Im Oktober 1962 heiratete Moorcock die Schriftstellerin Hilary Bailey. Sophie, ihre erste Tochter, wurde im September 1963 geboren. lm gleichen Jahr kam das erste Elric-Buch, THE STEALER OF SOULS, in gebundener Form heraus. 1964 übernahm Moorcock von John Carnell die Redaktion der New Worlds. In dieser Eigenschaft beschleunigte er den Fortschritt, der von Carnell eingeleitet worden war, und begann, die Mauern zwischen der Avantgarde- und Populärliteratur einzureißen - nicht nur in der Science-Fiction, sondern auch in anderen Genres. Seine zweite Tochter, Katherine, wurde im September 1964 geboren.
1965 schrieb Moorcock MISS BRUNNERS LETZTES PROGRAMM. Nach eigener Einschätzung war dieser Roman in gestalterischer Hinsicht bahnbrechend für seine Laufbahn als Schriftsteller. Jerry Cornelius ist der personifizierte Vorläufer der "Swinging Sixties" in England, der gemeinsam mit den Beatles, James Bond und den Rolling Stones das Bild der "Hip" -Kultur verkörperte. Das Buch ·wurde von Robert Fuest verfilmt. Selbst 1965 steckten wir offensichtlich immer noch in der selben alten Tretmühle. Mein Buch MISS BRUNNERS LETZTES PROGRAMM nimmt einen sehr skeptischen Ausblick auf die Entwicklung jener Zeit. Obwohl es die Euphorien und Ambitionen der jungen Leute verspottet, identifizierten sich eben diese jungen Leute mit dem· Helden Jerry Cornelius. Ihnen entging die Ironie. Sie sahen in Jerry vielmehr ein Vorbild: einen "irren" James Bond Typ.

EIN IRRER JAMES BOND
1973 fand dieser Prozeß seinen vielleicht unvermeidbaren Abschluß, als die Filmversion gedreht wurde, und zwar von dem Mann, der zuvor an den ersten Folgen der AVENGERS5 TV-Serie mitgewirkt hatte.
(THE RETREAT FROM LIBERTY, 1983).

Obwohl der Film der eigentlichen Vorlage nicht gerecht wurde, stellte der Schauspieler John Finch einen überzeugenden Cornelius dar, und der Film erreichte sehr bald einen Kultstatus (THE FINAL PROGRAMME, 1983).
1967 änderte Moorcock das Konzept von New Worlds und setzte eine Bewegung in Gang, die als SF New Wave bekannt wurde. Seine Arbeit für New Worlds war 1966 mit dem British Science Fiction Association Award ausgezeichnet worden, und 1967 erhielt er den Nebula Award für seinen Roman I.N.R.I. ODER DIE REISE MIT DER ZEITMASCHINE6 . Wie seine Cornelius-Geschichten wurde I.N.R.l. ODER DIE REISE MIT DER ZEITMASCHINE zunächst in dem Magazin New Worlds abgedruckt und später erweitert (I.N.R.I . ODER DIE REISE IN DER ZEITMASCHINE, 1972). Der Roman ist eine polemische Anspielung auf Jesus in der Person von Karl Glogauer, eine Figur, die auch in dem späteren RomanBREAKFAST IN THE RUINS (1972) auftaucht, der eine Reise in die Vergangenheit unternimmt, um den Erl öser zu spielen. Obwohl Moorcock selbst mit den formalen Aspekten des Buches nicht zufrieden war, gilt es unter Kritikern als eines seiner populärsten. Der Roman vertritt den Standpunkt, daß alle Menschen fehlbar und alle Helden falsch sind - ein in Moorcocks Werken immer wiederkehrendes Thema, das auch schon in den Elric- und Corneliusbüchern zum Vorschein kommt.
Mit Unterstützung des britischen Arts Councils wandelte Moorcock New Worlds 1967 in ein großformatiges Glanzmagazin um. Bezeichnenderweise enthielt die Neuausgabe Nr. 173 mit dem vom M .C. Escher geschaffenen Titelbild Werke von Thomas M. Disch, J.G. Ballard, J.T. Sladek, Roger Zelany, Brian W. Aldiss, George MacBeth, den Neulingen Pamela Zoline und David Masson sowie von den Künstlern Harry Douthwaite und James Cawthorn. Bis zu seiner Einstellung im Jahre 1971 sah sich das Magazin herber Kritik ausgesetzt, und zwar seitens der Presse und des SF-Establishments sowie der Zensur durch Vertrieb und Druck. Abgeordnete des Britischen Parlaments hielten das Magazin für "obszön" und verlangten vom Arts Council, einer von Staatsgeldern finanzierten Einrichtung, Auskunft darüber, warum dieser "Schmutz" unterstützt werde. Die wütende Kritik entzündete sich vor allem an dem amerikanischen Autor Norman Spinrad und dessen Roman BUG JACK BARRON7, den das Magazin 1968 in Fortsetzungen abgedruckt hatte.
New Worlds spiegelte und kritisierte die gespannte Atmosphäre der späten sechziger Jahre und stellte die besten Werke neuer Autoren vor. Dazu zählten M. John Harrison, Langdon Jones, Michael Butterworth, Norman Spinrad, Thomas M. Disch wie auch der Redakteur und Designer von New Worlds Charles Platt. J. G. Ballard und Brian W. Aldiss waren als innovative Autoren bereits anerkannt. Moorcock, der die volle Verantwortung für das Magazin trug, war 1971 mit seinen Nerven am Ende. Um New Worlds finanzieren zu können, hatte er eine Fülle von sehr erfolgreichen Fantasy-Geschichten produziert, darunter RITTER DES SCHWARZEN JUWELS 8 (1968), FEIND DES DUNKLEN IMPERIUMS9 (1968), DIENER DES RUNENSTABS10 (1968). Anschließend schrieb er eine Reihe ernsterer Romane, zum Beispiel die zwei Cornelius-Folgen A CURE FOR CANCER11 (1971) und THE ENGLlSH ASSASSIN 12 (1972).
Nach Einstellung von New Worlds und der Geburt seines Sohnes Max drosselte Moorcock seinen Arbeitsrhythmus. In den frühen Siebziger Jahren begann er mit AN ALIEN HEAT14 (1972) eine neue Romanreihe - die "DANCERS AT THE END OF TIME"13 -Serie. Außerdem fing er mit seinem ehrge izigsten Cornelius-Buch an: THE CONDITION OF MUZAK15 (1977).

TEXTE FÜR HAWKWIND

Zur gleichen Zeit schrieb er Texte für die englische Rockband Hawkwind (mit der er auch selber auftrat), eine Gruppe von Musikern, die der Underground "Acid"-Culture der sechziger Jahre entsprangen und deren Lyrik und Musik viele Elemente der gängigen Science Fiction enthielten. 1973 geriet Moorcocks Privatleben in Bewegung. Er trennte sich von Hilary Bailey und zog mit der Illustratorin Jill Riches zusammen (die er im Mai 1978 heiratete). 1975 wurde das Rock-Album The New Worlds Fair unter dem Namen Michael Moorcock and the Deep Fix herausgegeben. Gleichzeitig wurde die Single Dodgem Dude aufgenommen, kam aber erst in den frühen achtziger Jahren durch die unabhängige Plattenfirma Flicknife auf den Markt.
Mit der Veröffentlichung von THE QUEST FOR TANELORN16 (1975) und der letzten Folge des Cornelius-Quartets THE CONDITION OF MUZAK hatte Moorcock alle zusammenhängenden Serien seiner Fantasy-Geschichten und ernsten Romane abgeschlossen. Das zuletzt genannte Werk wurde mit dem angesehenen Guardian Fiction Prize ausgezeichnet (verliehen durch die britische Zeitung The Guardian). Diese Auszeichnung war ein Beleg für Moorcocks Weiterentwicklung und Ausbruch aus dem Genre. Später bestätigte er diesen Erfolg durch seinen üppigen, genreübergreifenden Roman GLORIANA17 (1978), einer Satire auf Spencers FAERIE QUEEE. Die Satire führt eine direkte Attacke gegen die dürren Ideale vieler Romanzen - und somit auch gegen die Ideale des Fantasy-Genres - und verwirft deren Wirklichkeitsferne. Im gleichen Jahr arbeitete er mit Eric Bloom von der amerikanischen Rockband Blue Oyster Cult, für die er Titel wie Black Blade schrieb.
Im Januar 1979 begann Moorcock sein bis dahin ehrgeizigstes Werk BYZANZ IST ÜBERALL. Das Buch, das 1981 in der englischen Originalfassung erschien, trug einen Teil zur Auflösung der Ehe mit Jill Riches bei. Der neurotische Zustand der Hauptfigur des Buches stand sicherlich im Zusammenhang mit dem Scheitern ihrer Beziehung.
1982 wurde THE BROTHEL IN ROSENSTRASSE veröffentlicht. Die in diesem Werk geschilderte dekadente Atmosphäre diente als Vorlage für die klassische Rocksingle mit demselben Titel, die von Moorcock und dem Gitarristen Peter Pavli aufgenommen wurde. Moorcock stand immer noch unter dem Einfluß des kommerziellen Fantasy-Marktes und schuf das erste Buch einer Serie, in der er sein zwiespältiges Verhältnis zum "Groschenroman" zum Ausdruck brachte. Dieses Buch legt in künstlerisch reiferer Form den moralischen Standpunkt offen, den Moorcock schon in dem früheren Werk THE ETERNAL CHAMPION 18 (1970) eingenommen hatte. Der moralische Tenor von WAR HOUND AND THE WORLD'S PAIN 19 (1982) findet seine Parallle in THE BROTHEL OF ROSENSTRASSE. Reflexionen zu diesem Thema verleiteten Moorcock sogar zu dem "Traktat" THE RETREAT FROM LIBERTY (1983). In dem Werk THE HOLLYWOOD LEITERS, an dem Moorcock zur Zeit noch arbeitet, nimmt er erneut die Rolle des Beobachters und Kritikers ein, und zwar ähnlich wie in dem nie vollendeten Buch POPCORN (bei dem James Saltis als Co-Autor mitgewirkt hatte).

BEOBACHTER UND KRITIKER

Dieses Werk - ein Überblick über die sechziger Jahre - wurde zwar nie veröffentlicht, aber Auszüge daraus belegen die journalistischen Fähigkeiten Moorcocks, die man durchaus mit denen des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe vergleichen kann. HOLLYWOOD LETTERS wird hoffentlich eine Buchreihe von Beobachtungen einleiten. Darüber hinaus darf man einen bisher noch unbetitelten Essay über Heldenromane erwarten.Die erste Fassung dieses Essays wurde in den späten Siebziger Jahren geschrieben und wird zur Zeit von Moorcock überarbeitet und auf Buchlänge erweitert. THE LAUGHTER OF CARTHAGE, die erste Fortsetzung von BYZANZ IST ÜBERALL befindet sich in Arbeit (vier weitere Folgen sind geplant). Diese Produktivität nahm ihren Anfang in der Schöpfung Elrics vor mehr als zwanzig Jahren. Zweifellos ist die Jerry-Cornelius-Reihe das ehrgeizigste und von der Kritik am meisten gelobte Werk Moorcocks, doch Elric ist weit populärer und verkaufsträchtiger. Der leichte Unterhaltungsroman ELRIC AT THE END OF TIME ist gerade erst erschienen. So wie Sherlock Holmes nach seinem frühzeitigen Sturz von den Reichenbach-Fällen wird auch Elric nicht in Frieden ruhen. Er lebt in anderen Helden Moorcocks weiter, besonders in Dorian Hawkmoon aus LEGION DER MORGENRö TE. THE DREAMlNG CITY, Moorcocks erste Elric-Geschichte erschien in Science Fantasy Nr. 47 vom Juni 1961 und verhalf dem Autor zu frühem Ansehen. Danach war Elric in sechs weiteren Büchern die Hauptfigur und tauchte in zahlreichen anderen Werken als Nebenfigur auf. Oie Geschichte der Entstehung El rics ist oft berichtet worden, dennoch lohnt es sich, sie an dieser Stelle zu wiederholen . Moorcock machte John Carnells Bekanntschaft über einen gemeinsamen Kollegen, den Redakteur Andy Vincent, und hoffte, Carnell für eine Geschichte, an der er gerade arbeitete, interessieren zu können. Moorcock glaubte gehört zu haben, daß Carnell die Rechte für eine Reihe mit Conan, dem Helden von Robert E. Howard, kaufen wollte. Moorcock nahm die Gelegenheit wahr und präsentierte Carnell einen Helden, der mehr nach seinem (Moorcocks) Geschmack war.

EINE INTELLEKTUELLE RITTERFIGUR

Heraus kam eine melancholische, intellektuelle Ritterfigur, das völlige Gegenstück zum heroischen Archetyp. Moorcock verlieh ihm alle selbsterzeugten Ängste seiner eigenen Jugend.
Elric war ein für diese Zeit ungewöhnlicher Held, paßte aber in seinen fiktionalen Kontext und entsprach dem Geschmack von Moorcocks späteren Lesern nach der "Kulturrevolution" der späten Sechziger und frühen Siebziger Jahre, als unkonventionelles und wildes Auftreten in Kleidung und Gebärde in den USA und England zum Alltagsbild gehörten. Der in THE DREAMINGCITY erscheinende Elric hatte ...
…Augen, die in die Ewigkeit stierten … ein leichenblasses Gesicht ... langes Haar, im Nacken zu einem Knoten zusammengefaßt … kniehohe Stiefel aus weichem Hirschleder, einen Brustpanzer aus seltsam geschmiedetem Si lber, einen blau-weiß karierten Leinenwams, Kniehosen aus scharlachroter Wolle und einen rauschenden, grünen Samtumhang. An seiner Se ite hing ein Schwert aus schwarzem Eisen - der gefürchtete Sturmbringer ...

Seine "bizarre", "geschmacklose", "lustige" Kleidung …
… paßte nicht zu seinem feinen Gesicht, den langfingrigen, zarten Händen, doch er prahlte damit, denn sie ließ erkennen, daß er zu keiner Truppe gehörte, daß er Außenseiter und Einzelgänger war. Dabei brauchte er nicht einmal eine so exotische Kluft zu tragen, denn sein Gesicht und seine Hände waren Anzeichen genug. Elric, der letzte Herr von Melnibone war ein lupenreiner Albino.

Selbst wenn Moorcocks nichts anderes geschrieben hätte, wäre er durch seine Elric-Figur, den zum Scheitern verurteilten Ritter einer turbulenten, vom Chaos beherrschten Welt, in der Science Fiction und Fantasy-Literatur berühmt geworden. Elric ist eine mythische, folkloristische Gestalt. Wenn Elric jemals erfolgreich verfilmt werden sollte (so wie Howards Conan der Barbar, der halbwegs erfolgreich war) und seine Abenteuer einem breiten Publikum vorgestellt würden, könnte er vielleicht wiederaufleben und als rächenden Geist Moorcock heimsuchen.
Elrics Spuren reichen bis zu Moorcocks THE GOLDEN BARGE und noch früheren Werken zurück:

Da war ein Prophet im Westen, vor langer Zeit, ein Mysterienmeister. Da war das Symbol für spirituelle Kraft - ein Kelch - das manche den Heiligen Gral nennen. Da war noch ein Prophet, trotz seiner schrecklichen Kraft schwach, ein Krüppel, der seine ungeheure Macht für böse und eigennützige Zwecke verwandte. Da war ein Schwert mit vielen Namen, benutzt von einem Helden mit vielen Namen. Manche nannten dieses traurige Schwert "Trauerklinge", denn es brachte Unheil und Verderben. Und es kommt die Zeit, da der Held mit den vielen Namen, der noch im Kerker des Fleisches schläft, wie verkündet aufwachen wird. Die einen nennen ihn Rama, andere Odysseus. Wieder andere kennen ihn als Finn MacCool, Karl den Großen oder Parsival-de Callois.
In den langen Korridors von Zeit und Raum erklingen die Echos seiner zahllosen Namen, einige sind noch vage in Erinnerung, manche sind längst vergessen. Aber viele dieser Namen rühren immer noch die Herzen der Menschen. Denn er ist der unsterbliche Held - der Ritter der Ewigkeit.

(THE INFINITE QUEST-
A NOVEL OF THE FANT ASTIC
- unveröffentlicht)

Moorcocks stilistische Weiterentwicklung kann in seiner Arbeit für Comics-Verlage verfolgt werden. Von 1958 an schuf er eine unüberschaubare Menge an Comics für Fleetway Publications in London, wo er sicherlich viel über das kommerzielle Geschäft hinzulernte. Hier arbeitete er an Comics für Kinder, unter anderem an THE EAGLE, LION, LOOK AND LEARN, ROBIN HOOD, BILLY THE KID, DICK DAR1NG etc. Bei Fleetway arbeitete Moorcock als Redakteur der Kriminalserie Sexton Blake, für die er gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Elric-Illustrator James Cawthorn eine Ausgabe schrieb. Außerdem wirkte Moorcock mit bei der Veröffentlichung vieler Romane des britischen Schriftstellers Jack Irevor Story.
Seine Fähigkeit, mit einer solchen Fülle von Arbeit fertig zu werden, verdankt Moorcock zum Teil dem Einverständnis seiner Mutter, ihn auf das Pitman's College in Croydon zu schicken. Wegen seiner journalistischen Begabung sollte der Junge dort Stenographie und Maschinenschreiben lernen. Moorcock verließ das College, wo er seine letzte formale Ausbildung erhielt, mit 15 Jahren. Von größtem Wert ist für ihn zweifellos der gekonnte Umgang mit der Schreibmaschine, die er sicherlich besser beherrscht als die meisten. Bis 1981 schrieb er seine Einfälle gewöhnlich direkt in die Maschine, korrigierte und redigierte seine Werke selbst. Seit kurzem zieht er es vor, die ersten Entwürfe handschriftlich in gebundenen Heften zu Papier zu bringen.
Diese Fertigkeiten und seine Erfahrungen, die er bei Fleetway gemacht hatte, kamen ihm zugute, als er 1964 das Angebot erhielt, die Redaktion von New Worlds zu übernehmen. John Carnell hatte ihn vor die Wahl gestellt, entweder Science Fantasy oder New Worlds zu leiten. Viele waren überrascht, daß sich Moorcock für New Worlds entschied. Der Grund seiner Entscheidung lag in dem weniger restriktiven Titel des Magazins. Moorcocks Arbeit begann mit der Nr. 142, nachdem das Magazin nicht mehr als Digest, sondern im Paperback-Format erschien.
Bei Robert & Vinter, dem Verlag von New Worlds, arbeitete Moorcock als Autor und Redakteur. Als Redakteur erwarb er die Rechte mehrerer Science-Fiction-Romane wie Charles L. Harness' Die Rose 10, Sprague de Camps THE FLOATlNG CONTINENT oder Thomas M. Dischs 1001 H-BOMBS. Moorcock versuchte, die Verlagsleitung für literarische Experimente zu gewinnen. Schon oft hatte er als unbezahlter Publizist und Agent für Autoren agiert. Zum Beispiel importierte er in den späten fünfziger Jahren Kopien von William Burroughs Olympia Press Romanen aus Paris - zu einer Zeit, als sie in England verboten waren.
Moorcock führte New Worlds bis zur Nr. 194 und gab dann die Redaktion vorübergehend an Charles Platt ab, und zwar nicht, weil er New Worlds am Ende sah, sondern weil er von der Verantwortung für die Einhaltung drückender Termine enthoben werden wollte. Er behielt dennoch die allgemeine Kontrolle und war später wieder voll verantwortlich für die letzte Ausgabe (New Worlds Special Good Taste lssue, No. 201 vom März 1971). Nach einer längeren Pause erschien das Magazin wieder, nun aber, als vierteljährlich herausgegebene Paperback-Anthologie unter der abwechseln den Leitung von Moorcock, Hilary Bailey und Charles Platt. Moorcock setztein den späten siebziger Jahren seine Arbeit für New Worlds fort, die nunmehr in kleiner Auflage erschien. Seine "New Worlds Phase" wird von Colin Greenland in dem kürzlich herausgegebenen Buch über Michael Moorcock und die New Wave, THE ENTROPY EXHIBITION (1983) ausführlich dokumentiert.
Das Magazin wurde schließlich eingestellt, als es nicht mehr zeitgemäß erschien. Seine Herausgeber, denen die Stimmung in ihrer kleinen aber aufmerksamen Zielgruppe vertraut war, zogen sich zurück, um jeweils eigene Karrieren voranzutreiben.
Doch Jerry Cornelius überlebte - dank der Nachfrage, die es vorher vielleicht nicht gegeben hätte. Jerry war in gewisser Hinsicht die logische Weiterentwicklung von Elric . Bezeichnenderweise ist der erste Teil von MISS BRUNNERS LETZTES PROGRAMM eine Überarbeitung des ersten Elric-Buches THE STEALER OF SOULS.
In der Person von Cornelius sind Bezüge zu den Medien, den Konsumenten, der zeitgenössischen Musik und zu Moorcocks eigenen Sehnsüchten deutlich zu erkennen.

Die roten, blauen und orangenen Neonlichter des Flughafens erinnerten an die pralle Walt-Disney-Welt und alles war so scharf umrissen wie bei Burne Hogarth. Und so sollte es sein.
Er legte die Soutane ab, hüllte sich in gelbe Seide und band eine breite, rote Krawatte unter den offenen Kragen seines weißen Hemdes. Die Füße steckten in weichen kalbsledernen Stiefeln, und das Pulsiergewehr munterte ihn ein wenig auf. Es war womöglich an der Zeit, jemanden zu ermorden.
Er langte mit der Hand in die Innentasche der Jacke und zog eine Postkarte heraus - die etwas unscharfe Fotographie einer Tompion-Uhr in einem gravierten Stah1gehäuse. Auf der Rückseite stand eine Adresse, "JERRY CORNELIUS, AMERIKA", und eine Botschaft: "AM BALL BLEIBEN".
Er dachte an Baptiste Charbonneau und Kit Carson, an Humphrey Bogart und Kirk Douglas, an George Washington und Franklyn D. Roosevelt, an Herman Melville und Dashiell Hammett, und er dachte vor allem an Charles Ives, Lead Belly, Woody Guthrie und Nina Simone.
Tränen traten in seine Augen und er lehnte träge an der Wand, bis der Fahrstuhl kam. Amerika, der zerschlagene Traum, das verlorene Paradies . .. Zum Frühstück bekam er seine Rühreier nicht herunter, auch das süße Brötchen blieb unangetastet. Er trank eine Menge Kaffee, und eine Stunde lang las er in Jack Trevors HITLER NEEDS YOU, was ihn wie erwartet etwas fröhlicher stimmte.
(A CURE FOR CANCER, 1971)

Die Charakteristica von Jerry Cornelius kommen in diesem Buch, dem am wenigsten beachteten und vielleicht formal exzentrischsten Buch des Quartetts, am deutlichsten zur Entfaltung.
Cornelius ist der gleiche Held wie Elric, der einer vom Chaos regierten Welt gegenübersteht (allerdings ist aus dem "Helden" ein "Anti-Held" und aus dem "Chaos" "Entropie" geworden).
Cornelius hat zahlreiche Bezüge. Einige, wie die oben zitierte Anspielung auf Burne Hogarth, gehen auf Moorcocks Erfahrung als Herausgeber von Tarzan zurück. In den letzten beiden Folgen des Quartetts sind die Bezüge allgemeiner, wenngleich immer noch sorgfältig ausgewählt.

DAS PRODUKT EINES TRÄUMENDEN MOORCOCK

Cornelius' Charakter ist nicht ohne Humanität. Wie Elric ist er das Produkt eines träumenden Moorcock. Cornelius trägt die Züge einer Subkultur von Träumern, denen Moorcock nahesteht. Der Träumer als literarische Gestalt hat viele Autoren beschäftigt, zum Beispiel Mervyn Peake, Günter Grass oder Thomas Mann. Die andere Seite von Cornelius, seine intensive Phantasie, findet sich in den Figuren von Robert E. Howard und Edgar Rice Burroughs wieder. Letztere waren, ohne ihre Qualitäten als Schriftsteller einzubüßen, ausgesprochene Tagträumer auf dem Gebiet der populären Literatur, womit sie in der Tradition der Walter Scotts und Rider Haggards des 19. Jahrhunderts standen. Ihre Werke sprechen besonders Jugendliche an. In den Jahren seiner schriftstellerischen Entwicklung orientierte sich Moorcock an so verschiedenen Literaten wie Frank Richards und Ronald Firbank, deren Einfluß in den Cornelius-Büchern wiederzufinden ist. Diese Verquickung unterschiedlicher Stilrichtungen führte zu einer Art literarischen Krankheit, zu einer Beklemmung, Befangenheit. Richards und Firbank haben eine so eigenwillige, um nicht zu sagen gepreßte Schreibweise, daß sie jeden literarischen Rahmen sprengen. Der eine war ungeheuer obskur, der andere ungeheuer populär. Moorcock übernahm von ihnen die Verwendung bestimmter Prosarhythmen, um die Geschichte über Cornelius und die moderne Welt voranzutreiben. In H. G. Wells fand Moorcock zu jener Zeit ein geeigneteres Vorbild. Wells kombinierte das Phantastische und Reale in einer Form, die sowohl populär als auch künstlerisch ist.
Moorcocks vermeintliche Widersprüchlichkeit wird wieder einmal deutlich: Auf der einen Seite gibt er sich als Moralist, der die zunehmende Verkümmerung phantastischer Literatur beklagt; auf der anderen Seite scheint er sich an der Erzeugung simpler und angepaßter Literatur zu beteiligen. Doch dieser Widerspruch ist nur oberflächlich. Der Ton seiner Romanzen ist deutlich ironisch, die Form ist spielerisch. All dies zeigt an, wie sehr sich der Autor seiner Rolle bewußt ist. Er attackiert jene Kritiker, die seiner Meinung nach mitverantwortlich sind für den qualitativen Abfall zeitgenössischer englischer Literatur:

KRITIKER NEIGEN DAZU, NUR DIE INHALTE ZU BESPRECHEN

Die meisten Kritiker der zukunftsweisenden und phantasievollen Literatur (was heute mit dem ungenauen Begriff "Science Fiction" bezeichnet wird) neigen dazu, einzig und allein die Inhalte zu besprechen. Dabei werden Werke zusammengewürfelt, die sehr unterschiedlicher Art sind … Weil sie alle "interplanetarische Fiktionen" geschrieben haben, kommen Jules Verne, John Cowper Powys, Naomi Jacobsen, Edgar Wallace und Isaac Asimov in einen Topf, obwohl ihre literarischen Auffassungen und Intentionen nichts miteinander gemein haben. Die Kritiker könnten genausogut R.S. Surtess, Thomas Hardy, George Borrow, Dorothy Sayers oder P. G. Wodehouse in Zusammenhang bringen, denn alle haben Romane im Milieu des ländlichen Lebens in England verfaßt ... Kritiker reagieren fast ausschließlich auf das vom Autoren behandelte Thema. Je vertrauter das Thema ist, desto erleichterter sind die Kritiker, die sich dafür mit Lob bedanken. Dies hat den gegenwärtigen Verfall de r englischen Prosa beschleunigt und zu einer erstaunlichen Aufwertung schlechter Schriftsteller geführt.
(Vorwort zu BEFORE ARMAGEDDON, Ed ., 1975)

Aus diesem Grund haben die meisten Mainstream-Kritiker Werke wie das Cornelius Quartett unberücksichtigt gelassen, obwohl es in sehr genauer Weise die Stimmung einer ganzen Generation spiegelt.
Der Cornelius-Mythos breitete sich aus auf Werke wie THE LIVES AND TIMES OF JERRY CORNELIUS (1976) oder THE NATURE OF THE CATASTROPHE (1971), eine Sammlung von Cornelius-Geschichten anderer Autoren wie Brian W. Aldiss, M. John Harrison und dem amerikanischen Schriftsteller James Sallis. Auswirkungen hatte der Cornelius-Mythos auch auf den Comic-Strip THE ADVENTURES OF JERRY CORNELIUS: THE ENGLISH ASSASSIN (1969/70) von Mal Dean und R. Glynn Jones mit Texten von Harrison und Moorcock. Figuren aus dem Cornelius-Quartett finden sich sogar in Werken wie THE ADVENTURES OF UNA PERSSON AND CATHERlNE CORNELIUS IN THE TWENTIETH CENTURY (1976) und BYZANZ IST ÜBERALL wieder. Die Erzählfigur des zuletzt genannten Werkes ist Colonel Pyatt, über den Moorcock versucht, mit dem furchtbaren Rätsel des Holocaust fertig zu werden.
In gewisser Weise ist Cornelius der letzte "Comic-Book"-Held, denn Moorcock hat im Anschluß an ihn reifere Charaktere geschaffen. Man kann sagen, Moorcock verabschiedet sich von seiner Jugend. Die Figuren, die er seit Cornelius hervorgebracht hat, sind längst nicht mehr so attraktiv für jüngere Leser.
Im Hinblick auf die Probleme der Schriftsteller, eine den Gefühlen und Erfahrungen junger Menschen angemessene Form zu finden, wies der englische Kritiker F. R. Leavis im Jahre 1932 auf die Bedeutung von T. S. Eliot hin:

Obwohl notgedrungen eine Menge Snobismus Anteil hat an dem Kult, der sich um ihn rankt und unter dem er leidet, ist dieser Snobismus noch längst keine Erklärung für sein Ansehen unter jungen Lesern.

Dieses Urteil impliziert, daß zum Rüstzeug schaffender Künstler das Vermögen gehört, die Belange und Sorgen der Jugend wahrzunehmen. Künstler müssen ihre Augen (auch) auf die Jugend richten, um ihrem Werk eine umfassende Wirklichkeit zu verleihen. Wenn ein Künstler von jungen Lesern angenommen wird, so mag das zwar unter Umständen weniger an der Wertschätzung künstlerischer Leistung als an der Unbedarftheit des Publikums liegen, trotzdem ist nicht zu verkennen, daß junge Leser oft ein Gespür für Relevanz und Güte beweisen.
Die Jugend bevorzugt das Ausgefallene, während ältere Leser eher konservative Kunstfertigkeit schätzen. Moorcocks künstlerische Fähigkeiten sind zwar ausgereift, unterscheiden sich aber von denen der "Best-Seller"-Autoren. Er besitzt nicht den Grad der Massenanziehung wie zum Beispiel Sydney Sheldon … und will ihn sicherlich auch gar nicht in diesem Sinne besitzen. Moorcock zeichnet sich eher durch seinen Kenntnis- und Erfahrungsreichtum aus. Wie Charles Dickens, so vermittelt auch Moorcock den Eindruck eines Menschen, der aufrichtig bestrebt ist, seine Wirklichkeitserfahrung anderen mitzuteilen, anderen zugänglich zu machen. Sein Ziel, wie er wiederholt bemerkt hat, ist es, "dem Leser ein Leseerlebnis zu geben".
Moorcock scheint nur wenig Interesse an der Gesellschaft mit Schriftstellerkollegen zu haben. Er schätzt zwar den Kontakt zu Robert Nye, J. G. Ballard, Thomas Disch, Harlan Ellison, Angus Wilson und Nonnan Spinrad und hegt einen professionellen Respekt für M. John Harrison; seine Freundschaft mit Brian Aldiss reicht weit zurück. Aber Moorcock gesteht, daß er sich in der Rock-Welt wohler fühlt. Er gehört zu den wenigen Schriftstellern, die sich im Rockmilieu wirklich auskennen. Moorcock interessiert sich insbesondere für das Charisma der Darsteller (das er übrigens auch an Ellison entdeckt) und schreibt über dieses Thema so gut wie kein anderer. Während der schriftstellerischen Arbeit hört er oft laute Rockmusik, obwohl sein musikalischer- wie auch sein literarischer - Geschmack breit gestreut ist. Er war immer ein begeisterter Hörer der Musik von lves, Schönberg, Berg und Mahler.
Seine breit gefächerten Interessen finden ihren Niederschlag in seinem Werk, das er stets zu vervollkommnen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen versucht. Moorcock gibt den Intentionen, die seinen Werken zugrunde liegen, immer wieder eine neue Ausrichtung. Dieser intentionale Wechsel scheint alle fünf bis sechs Jahre sichtbar zu werden (zunächst Elric, dann Cornelius, die AUEN BEAT-Bücher und schließlich BYZANZ). Zur Zeit beschäftigen ihn internationale Aspekte: von den Science-Fiction- Elementen seiner frühen Werke rückt er immer mehr ab. In den Werken, an denen er zur Zeit arbeitet (THE HOLLYWOOD LETTERS zum Beispiel), befaßt er sich vor allem mit gesellschaftlichen Gebräuchen. Seine Objektivität und persönliche Offenheit entstammen einer intimeren Perspektive.

Die meisten Leute, mit denen ich im Augenblick hier draußen meine Zeit verbringe, sind Comic-Book-Autoren und Illustratoren, die immer noch daran gewöhnt sind, für einen Tageslohn tagtäglich Arbeit abzuliefern, und die ihre Fähigkeit, mit Terminen zurechtzukommen, als Tugend ansehen.
Ich bleibe zu Haus. Manchmal gehe ich nach draußen, um die Wasserschüsseln der zwei angeketteten Huskies zu füllen, die auf dem Betonpfad im Hof liegen und hecheln. Einmal in der Woche kommt ein mexikanischer Gärtner und begießt die Bougainvillea in unserem Hof. Fast jeder Hausherr in LA, selbst die Hausherren in den Ghettos, stellen solche Gärtner ein. Ich komme zu spät und kann ihn nicht mehr davon abhalten, die Ranken der Passionsblume vor der Außentür zu stutzen. Zur Zeit schauen wir direkt in eine Gasse auf einen halb aufgemöbelten Impala und einem Häufchen elektronischer Teile, das auf einem kaputten Fernsehapparat liegt. Ich wähle einen Sender mit Country und Western Musik, um das Discogedudel aus dem Radio des lmpala zu übertönen. Wir müssen die Tür den ganzen Nachmittag über offen halten, sonst wird es in der Garage so heiß, daß ich Schwindelanfalle bekomme. Es hat keinen Zweck, im Radio nach klassischer Musik zu suchen, um der Disco etwas entgegenzusetzen. Mehr als "Red-Neck"-Musik ist nicht drin. Seit der Wahl Reagans erfreut sich C & W unerwarteter Beliebtheit. Ich versuche zu arbeiten, aber die Hitze macht mir zu schaffen und plötzlich muß ich mich dabei ertappen, daß ich mir stattdessen die Soap-Operas im Mittagsprogramm ansehe. Ich bringe nichts nennenswertes zu Papier.
Freunde besuchen mich und bringen Bier oder Kokain mit. Wir gehen zur nächsten Imbißbude und kaufen Chilli-Dogs und Burritos, von denen uns eine halbe Stunde später übel wird. Manchmal hat man den Eindruck, als würde man im Lärm ertrinken, und kein Ende ist abzusehen.

(THE HOLLYWOOD LEITERS, in Arbeit

Moorcock schrieb 1979 und 1980 in Los Angeles an den LETTERS. (Nach Auflösung seiner zweiten Ehe lebte er nun mit Linda Steele zusammen, einer Bibliothekarin und Bibliographin.) Zur gleichen Zeit arbeitete er an dem Filmskript zu Lanzelot. Die LETTERS sind voll von humorvollen Beobachtungen. Moorcock hat Spaß an der Polemisierung amerikanischer Kultur.

DÜSTERE PERSÖNLICHE GEFÜHLE

Wenn in den LEITERS düstere persönliche Gefühle mitschwingen, so ist er dabei immer noch heiterer als bei der Betrachtung der englischen Gegenwart. Seine politischen Beobachtungen in THE RETREAT FROM LIBERTY (1983) im Hinblick auf England sind alles andere als amüsant. Eines der wenigen politischen Themen, die er in dieser Schrift über Zensur und Unterdrückung gutheißt, ist die Frauenbewegung:

Die Frauenbewegung ist die größte und beste aller radikalen Bewegungen. Da, wo sie sich nicht auf eine entstellende Allianz mit konventionellen, patriarchalischen Parteien eingelassen hat, stellt sie eine unserer größten Hoffnungen auf demokratischen Wandel dar. Die Bewegung hat viel gemein mit den besten anarchistischen Bestrebungen und ist im Gegensatz zu den Aktionen und Ansichten der meisten alternativen Bewegungen in der Politik human und realistisch. Die Frauenbewegung ist nicht auf eine Klasse oder Rasse begrenzt. Ideologisch ist sie am effektivsten, moralisch am besten, wenn sie die Sprache und Denkweise zum Beispiel des Marxismus ablehnt und sich gegen die Methoden patriarchalischen Kapitalismus verwehrt. Wenn die Bewegung am Leben bleibt, kann sie einen ideellen Ausblick auf eine vernünftige, gerechte und fortschrittliche Gesellschaft anbieten, deren moralisches Fundament allen bisher existierenden Formen weit überlegen ist.
Die Wirkung der Frauenbewegung während der vergangenen zwanzig Jahre ist beachtlich. Wenn wir angefangen haben, im Lichte ihrer Kritik unsere Rollen und Motive neu zu überdenken, so hat sie mehr bewirkt als der Marxismus in den dreißiger Jahren. Wenn wir durch sie politische Verhältnisse aus einer psychologischen und sexuellen Perspektive ebensogut zu betrachten gelernt haben wie aus ökonomischer Perspektive, so hat sie mehr erreicht, als der Marxismus je versprach.
(THE RETREAT FROM LIBERTY, 1983)

Dieses moralische Anliegen Moorcocks kommt nicht nur wie in BYZANZ IST ÜBERALL in allgemein historischem Hinblick, sondern auch auf sehr persönlicher Ebene zum Ausdruck, und zwar in seinen späteren Werken wie BROTHEL JN ROSENSTRASSE ( 1982 ), WARHOUND AND THE WORLD’S PAIN (1981), MY EXPERIENCES IN THE THIRD WORLD WAR und in der noch ausstehenden Folge von BYZANZ - THE LAUGHTER OF CARTHAGE. MY EXPERIENCES IN THE THIRD WORLD WAR ist eine Auswahl von drei Geschichten, die den Anfang einer neuen Reihe bilden sollen.
In Moorcocks Werken steckt viel Humor mit ernsthafter Absicht, vor allem in AN ALIEN HEART und LEGENDS FROM THE END OF TIME. Doch in einigen seiner späten Werke scheint diese Intention zu schwinden. Vor zehn Jahren sagte er noch, daß er sich als Schriftsteller an der ernsten Komödie orientierte:

Die Komödie ist für mich der geeignete Rahmen. Sie kommt der Fom1 nach am besten mit dem Wust eines ansonsten albernen Materials zurecht ...

Heute hat sich dieser Standpunkt in vielen Füllen zugunsten eines aggressiveren, unverhohleneren Ansatzes verschoben. Zur gegenwärtigen Zeit scheint eine direktere Stellungnahme angemessener, d.h. aufgrund der politischen Rechtswende in England notwendig zu sein. Nach seiner langjährigen Mitgliedschaft im Cienfuegos Press Anarchist Publishing Collective gehört Moorcock nur für kurze Zeit der Liberalen Partei an. Schon bald darauf kehrte er zu seinem anarchistischen Standpunkt zurück. Heute vertritt er die nach seiner Meinung einzig vernünftige Einstellung - eine Einstellung mit liberaler, humaner und internationaler Ausrichtung. Er wendet sich gegen den blinden Autoritätsanspruch von Linken und Rechten und hält einen Links-von-der-Mitte-Standort in einer alles andere als idealen Welt für angemessen.
Wie sein früher Mentor H. G. Wells kam Moorcock über den Weg der fiktionalen Literatur dazu, politische Bücher zu schreiben. THE RETREAT FROM LIBERTY ist überwiegend pessimistisch, vertritt aber nicht die Hoffnungslosigkeit von Wells MIND AT THE END OF ITS TETHER.
Moorcocks realistischer Blick geht nicht einmal in seinen phantastischsten Werken verloren. Während seine nichtfiktionalen Schriften jedoch immer direkter werden, ist in seinen fiktionalen Werken eine Steigerung an ironischer Subtilität zu bemerken. In gewisser Hinsicht ist BYZANZ sein vielleicht phantastischstes Werk. Moorcock projiziert darin Gegenwärtiges in die Vergangenheit und läßt es dann als ein Objekt der Untersuchung in die Gegenwart zurückkehren. Die Worte stammen von Colonel Pyatt. Ob Moorcock die, gleichen Ansichten vertritt, ist zweifelhaft:

"Die Wissenschaft unterliegt nicht der allgemeinen Dekadenz. Die Wissenschaft strebt nach Veränderung. Aber leben wir wirklich in einer besseren Welt, wenn nichts über einen oder zwei Tage hinaus Bestand hat?"
Es gäbe kaum etwas Langweiligeres.
Doch ich sollte eine solche Welt zur Zeit der wilden sechziger Jahre in der Portobello Road zu Gesicht bekommen, zu einer Zeit, als die Ideen der Wissenschaft zu Marotten wurden, die man auf Makulaturpapier kritzelte und ein paar Tage später fallenließ. Das russische Volk dagegen respektiert die Vergangenheit immer noch. Wissenschaft allein kann die kranke Welt nicht heilen. Konnte Aristoteles Alexander den Großen davon abhalten, Persien in Schutt und Asche zu legen? Konnte Voltaire der Schreckensherrschaft von Katharina der Großen ein Ende machen?
(BYZANZ IST ÜBERALL)

Vielleicht bringt Colonel Pyatt mit diesen Sätzen Moorcocks eigenes Dilemma zum Ausdruck. Auf der Höhe der euphorischen Sechziger Jahre zeigte sich Moorcock in seinen Artikeln und Beiträgen zur New World nicht beeindruckt von den lauten Forderungen nach einer utopischen Gesellschaft a la Atlantis. New World unterschied sich hierin auffällig von anderen Zeitschriften, den Medien der Alternative und all den scheinbar unkommerziellen Magazinen. Auf der anderen Seite hat Moorcock die Gefahr gesehen, daß eine realistische Sichtweise leicht in Zynismus abgleiten kann - eine Tendenz, die er aus eigener Erfahrung genau kannte, und vor der er immer wieder warnte. Moorcock ist vor allem dem zynischen Opportunismus in der Politik und den Medien gegenüber kritisch eingestellt, den er für negativ und letztendlich destruktiv hält.
Von seinen jüngsten Werken ist für deutsche Leser THE BROTHEL IN ROSENSTRASSE das vielleicht interessanteste . Hätte Oskar Wilde DIE GESCHICHTE DER O geschrieben, so wäre daraus vielleicht ein an Intensität und Atmosphäre ähnliches Werk entstanden wie BROTHEL. Das Buch beschreibt die Erinnerungen eines alten Mannes, der sich dadurch zu verjüngen sucht, daß er Alexandra - seine Alice - in Gedanken zurückruft. Das sechzehnjährige Freudenmädchen verfolgt ihn im Geiste seit der gemeinsam verbrachten Zeit in einem erstklassigen Bordell im belagerten Mirenburg. Ihre sexuellen Exzesse spiegelten den Untergang der vom Bürgerkrieg heimgesuchten Stadt und symbolisierten das sinnlose, vergeudete Leben eines Mannes, der bloß ein Opportunist ist (und daran glaubt, daß er durch seine kunstvolle "Verkleidung" als welterfahrener Gentleman der zufallsregierten Wirklichkeit entfliehen und vor deren wahllosen Zugriff geschützt werden kann). Und selbst im Sterben versteht er nicht, warum ihm Glück und Erfüllung versagt geblieben sind . Das Buch ist in einem eindrücklichen und verdichteten Stil geschrieben und enthält einige von Moorcocks besten Charakterstudien:

Ab und zu möchte der "Mister" von uns eingeladen werden, aber meist lächelt er bloß und läßt sich entschuldigen, denn er zieht die Gesellschaft von Chagani vor, dem trübsinnigen pensionierten Akrobat, der ihm manchmal assistiert. Seine Milde kann einen mitunter aus der Fassung bringen und unheimlich wirken. Sein versoffenes Gesicht ist jugendlich und offen, gleichzeitig aber grauslich verzerrt, und strahlt eine sonderbare Lebhaftigkeit aus. Die Krampfadern, das rauhe, rote Fleisch, die Stellung seines weichen Mundes und die wässrige Unschuld der Augen spiegeln seine Verzweiflung und die Entschlossenheit, den Schrecken der Welt aus dem Weg zu gehen, um so - willentlich - die unbekümmerte Haltung seiner Kindheit zu bewahren.
(THE BROTHEL IN ROSENSTRASSE, 1982)

Während das Manuskript von BYZANZ ursprünglich zu überladen war und gekürzt werden mußte, erweiterte Moorcock die zunächst knappe Fassung von BROTHEL um zahlreiche Details. Hinter dem Roman steckt die gleiche Energie wie bei LETTERS - er wurde wie alle Bücher Moorcocks relativ schnell geschrieben, und zwar kurz nach der Trennung von Jill Riches.
Moorcock lebte über zehn Jahre abwechselnd in London, Kalifornien und in der wilden Moorlandschaft von Yorkshire - der Heimat der Bronte-Schwestern . An fang 1983 kehrte er auf längere Sicht nach London zurück, um mit Linda Steele zusammenzuleben. 1982 war für ihn ein sehr aktives Jahr gewesen, in dem er eine Werbetournee durch Frankreich und die Schweiz unternahm, wo seine Bücher zunehmend Absatz finden. Außerdem begann er in den Rockfield Music Studios von Wales mit den Aufnahmen für sein Musikalbum und stand wieder des öfteren mit Hawkwind auf der Bühne. Auf deren Album Hawkwind and Friends ist Moorcock vertreten. Der Umzug nach London brachte ihn wieder in engeren Kontakt mit den Medien, und man erwartet, daß sich seine Aktivitäten noch weiter intensivieren.

Copyright (c) 1985 by Paul Holland Aus dem Englischen übersetzt von Michael Windgassen
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin – Wien

ANMERKUNGEN
1 dt. zu letzt als: MISS BRUNNERS LETZTES PROGRAMM; Bergisch Gladbach 1981, Bastei SF 22034 .
2 BYZANZ IST ÜBERALL: Bcrgisch Glaclbach 1984, Bastei Paperback 28177.
3 dt. als DIE CORNE LI US CHRONIKEN; in fiinf Bändcn , alle Bergisch Gladbach, Bastei ST': MISS BRUNNERS LETZTES
PROGRAMM (198 1; 22034)- DAS CORNELI US REZEPT (1981; 22036) – EIN MORD F ÜR ENGLAND(l981;22039) DAS LACHEN DES HARLEKIN ( 1982; 22041) - ENTROPIE TANGO/ZU FERNEN SONNEN (1982; 22051) .
4 dt. als : DIE GOLDENE BARKE; München 1981, Goldmann Fantasy 23809.
5 d t. MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE
6 INRI ODER DIE REISE MIT DER ZEITMASCHINE; München 1974, Heync SF 3399.
7 d t. als: CHAMPION JACK BARRON; München 1982, Moewig SF 3562.
8 Rastatt 1975; Terra Fantasy 12.
9 Rasta lt 1976, Terra Fantasy 18.
10 RastaU 1976, Terra Fantasy 24 .
11 d t. als DAS CORNFLIUS REZEPT; s. Anm. 3.
12 d t. a ls: EIN MORD FÜR ENGLAND; s. Anm. 3.
13 dt. als Ullstein-TBs 31064,31067,31071, 31076, 3 1083.
14 dt. als: EIN UNBEKANNTES FEUER; Bcrlin 1983, Ullste in SF 31064
15 dt. als: DAS LACHEN DES HARLEKIN; s. Anm. 3 .
16 clt. als: DER EWIGE HELD; Rastalt 1979, Terra Fantasy 58.
17 d t. als: G LORIANA; München l 981, Hcync SF 3808.
18 Dt. als: DIE EWIGE SCHLACHT; Bcrgisch Gladbach 1982, Bastei Fantasy 2104 3.
19 dt. als: DIE KRLEGSMEUTE; München 1985, Hcync SF 4 194.
20 dt. als: DIE ROSE ; in: Heyne SF 4 183; München 1985.
21 dt. als: LEGENDEN VOM ENDE DER ZEIT; Berlin 1984, Ullstein SF 3 1083.