Gibt es eine eigenständige deutsche Science Fiction?

(Erstveröffentlichung Dezember 1983)

Lieber Leser,

als Herausgeber dieses Magazins erreicht mich fast täglich Post, zumeist sind es Briefe in der Form eines wohlwollenden Schulterklopfens (prima, weiter so!), mit dem der Käufer mir seine Zufriedenheit versichert, aber es sind auch immer kritische darunter, in denen angeregt wird, die eine oder andere Rubrik stärker auszubauen, mehr Spekulation wird gewünscht, mehr Fact-Artikel (aber auch weniger), mehr Cartoons, mehr Leserbriefe, mehr Buchbesprechungen, mehr Stories, mehr deutsche Stories immer wieder. Kürzlich riet mir ein Leser aus Genf: "Was der deutschen SF fehlt, ist ein minimales Selbstvertrauen. Viel zu viele Autoren schreiben am Fließband die ewiggleichen Geschichten, bei dem bloß der technische Dekor wechselt; andere verstecken sich hinter angelsächsischen Pseudonymen. Nur eine kleine Minderheit setzt sich für eine deutsche SF-Literatur ein. Und diese gilt es zu unterstützen und als Schwerpunkt ins HSFM einzubauen: Das heißt vor allem Novellen und Shortstories von deutschen Autoren; denn erstens fehlt ein Podium für junge Talente mit großer Streuweite und zweitens ein signifikanter Gradmesser für Tendenzen in der SF-Literatur im deutschen Sprachraum."

 

So löblich ein solches Unterfangen wäre, es ist wirklichkeitsfremd und wäre für dieses Magazin, das ohnehin kaum genug Käufer findet, damit es sich selbst tragen könnte, absolut tödlich. Die Erfahrung mit dem Story Reader über ein Jahrzehnt hinweg zeigt: je höher der Anteil deutscher Autoren, desto schlechter der Absatz. Nur ein paar starke amerikanische (oder englische) Autoren als Lokomotiven dazwischengespannt schaffen genug Kaufanreiz, damit er sich auf ausreichender Höhe hält. Anthologien mit ausschließlich deutschen Autoren und Collections deutscher Autoren fallen demgegenüber beträchtlich ab und bewegen sich hart an der Grenze des verlegerisch Vertretbaren (und manchmal darunter). Deutsche SF ist nicht sonderlich gefragt. Gegenteilige Behauptungen anderer Verlage stellen so etwas wie den Versuch des Gesundbetens dar, der mehr dazu geeignet ist, die Szene zu vernebeln und sich selbst Sand in die Augen zu streuen, als für alle Betroffenen Klarheit zu schaffen. (Es soll ja tatsächlich so etwas wie ein "Herbeireden" von erfolgreichen Trends geben, wie uns manche Verkaufspsychologen weismachen wollen, aber das scheint doch ein recht irrationales Geschäft zu sein, denn ein gesamtwirtschaftlicher Aufschwung läßt sich - wiewohl unablässig beschworen - bei allem guten Willen nicht feststellen.)

Deutsche SF ist nicht gefragt? - Ja, und Dominik, Amery, Ende - was ist mit denen? Das sind die Ausnahmen, von denen man nicht auf die Gesamtsituation schließen kann. Dominiks Erfolg wird sicher noch aus einem reichhaltigen Nostalgiefundus gespeist (und vielleicht übt Dominik mit seinem kaum verhehlten Nationalismus - obwohl die schlimmsten Blüten für die Taschenbuchausgabe zurückgestutzt wurden - [wieder?] eine unbewußte Faszination aus). Carl Amery hat sein Publikum (vor allem ein intellektuelles Publikum, das mit Science Fiction sonst wenig am Hut hat und allenfalls Spitzenprodukte von Lem, Le Guin, Brunner etc. goutiert) "mitgebracht" (und damit der SF in Deutschland - ich sage nicht der deutschen SF! Das wäre ein Fehlschluß, denn für sie ist er eher atypisch - einen überhaupt noch nicht abschätzbaren Dienst erwiesen, ihr vielleicht zu einem ersten Schritt aus dem Trivialghetto verholfen). Michael Ende wiederum ist es genau zum richtigen Zeitpunkt gelungen, genau das richtige Buch zu schreiben: das Kultbuch der Realitätsverdrossenen, eine Anleitung für den sanften Eskapismus. Eins aber macht mich stutzig: So unterschiedlich diese drei Autoren sind, in ihrer Ideologie ebenso wie in ihrem Naturell, eins haben sie gemeinsam: sie können erzählen.

"Haben wir eine eigenständige Deutsche SF?" lautete das Motto des SFCD-Cons 1983 in Hannover. Man stellte diese Frage einer ganzen Reihe von SF-Autoren. Diese reagierten eher irritiert, wie ihren Auslassungen zu entnehmen ist. Mit "deutschsprachig" wäre die Frage wohl klarer formuliert, meinte Reinmar Cunis, aber "Was 'eigenständig' denn beschreiben solle?" Man kann nur über einzelne Autoren diskutieren, meint er abschließend. "Was wir brauchen", schreibt Gero Reimann , "sind literarisch versierte Autoren, die sich bemühen, spannend, intelligent und phantasievoll zu erzählen... Die bisherigen Ansätze sind, zumindest im Bereich des SF-Romans, häufig noch: zu langweilig, zu naturwissenschaftlich-trocken, zu idyllisch-verspielt, zu avantgardistisch oder zu plump politisch-belehrend ... Die Zukunft der SF liegt in den Händen derjenigen Autoren, die sie als gute Unterhaltung ernst nehmen." Wie wahr! An anderer Stelle dieses Bandes über Christof Schades Film "Jules Verne, Orwell und die Erben - Science Fiction heute" von Jeremias Wolf sagen Amery und Franke, befragt nach ihren Motiven, SF zu schreiben: Die spannende Story ist ihnen das Wichtigste, ein didaktischer "Mehrwert" ist zwar erfreulich und wünschenswert, aber sekundär, meint Amery, während Franke sich verpflichtet fühlt, ihn der Verantwortung wegen, die man gegenüber der Gesellschaft hat, in der man lebt, sozusagen einzuprogrammieren, damit man "nützlich" unterhält.

"Vergleicht man die deutsche Science Fiction mit der amerikanischen ... , so fällt allerdings auf , resümiert Gerd Maximovic auf die nach der deutschen SF gestellte Frage, "daß, von einzelnen Arbeiten oder Autoren abgesehen, die deutschen Autoren – im Vergleich zu einigen besseren amerikanischen Vorbildern - häufig nicht imstande sind, eine Story flüssig und zwingend zu erzählen. Diesen Mangel versucht man dann mitunter durch 'Tiefsinn' auszugleichen. Aber auch eine 'problemgeladene' Arbeit  wirkt nur, wenn sie zwingend und spannend erzählt ist." Daß solche Produkte irgendwie nicht der Erwartungshaltung entsprechen können, die durch den seit mehr als drei Jahrzehnten anhaltenden Konsum von fast ausschließlich amerikanischer Science Fiction geformt wurde, liegt doch wohl auf der Hand. "Ansonsten verläßt der Leser sich heute gern auf Eingeführtes und Bewährtes wie Asimov, Anderson, Heinlein etc. ... ",erkennt Roland Rosenbauer, der Einblick ins Sortiment hat, völlig klar. Und in einer Marktsituation, die noch nie mit einem so breitgefächerten, ja fast unüberblickbaren Angebot gesegnet war, werden solche Trends unerbittlich verstärkt. Man verläßt sich auf die eingeführten Namen (wobei das Sortiment schon in dieser Richtung vorsortiert) und weicht auf den leichteren Konsum aus - weg von der Story, bei der man sich lästigerweise spätestens alle paar Dutzend Seiten eine neue Welt und neue Protagonisten vorstellen muß, hin zum Roman, zur Romanserie, bei der die Welt ebenso gleichbleibend vertraut ist wie die Protagonisten, wo man sozusagen (wie bei "Dallas") geistig die Hausschuhe anlassen darf, die Phantasie nicht in beschwerliches Gelände gelockt wird. "Ich frage mich echt", resümiert Rosenbauer mutlos, "wo die Leser für deutsche Autoren sein sollen, wenn das Angebot an Schrott die Nachfrage und die Nachfrage nach Action und trivialer Unterhaltung das Angebot bestimmen."

Deshalb sagte ich auf der Frankfurter Buchmesse zu Heinrich Wimmer, dem Chef des Corian Verlags, der voll und ausschließlich auf deutsche SF im Hardcover gesetzt hat (ganz ohne Spott und mit tiefempfundener Bewunderung): "Gäbe es einen Preis für den mutigsten Verleger, ich würde Sie auf der Stelle dafür vorschlagen."

Auf der Buchmesse hatte ich auch Gelegenheit, mit amerikanischen Kollegen zu diskutieren. Als sie hörten, daß mein Roman "Der letzte Tag der Schöpfung" 1984 in den USA erscheinen werde, gaben sie mir den guten Rat, tunlichst ein Pseudonym zu wählen, denn mit Namen, die irgendwie slawisch klingen, habe man drüben so seine Schwierigkeiten. (Nun klingt Jeschke nicht eben slawisch, aber die Häufung von Konsonanten in der Mitte könnte amerikanischen Ohren wohl so klingen.) Ganze Kisten von Büchern - etwa von Romanen der Brüder Strugazki - kämen aus der Provinz zurück, mit der Aufforderung, sie besser einzustampfen , weil sich Drugstorebesitzer und andere Ladeninhaber 'für ihren Mitbürgern genierten, solch "russian shit" in die Drehständer oder Regale zu stellen, der womöglich die Jugend verderben könnte, und wo man doch so viele eigene gute Autoren im Lande hätte.

Welch ein paradiesisches Land, in dem die eigenen Propheten noch etwas gelten! - Paradiesisch zumindest für die ein heimischen Propheten. Wie anders dagegen hierzulande. "lch kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß es sich um üble Vetternwirtschaft handelt, wenn auf wertvolle englische und amerikanische Autoren verzichtet wird, um Platz zu machen für deutschc, deren dilettantisches Gestammel unerträglich ist ... Ich warne Sie, ich werde kein Buch Ihres Verlags mehr kaufen, auf dem der Name eines deutschen Autors steht!" "Ich habe lhre Reihe immer gerne gekauft , aber das, was Sie jetzt bieten, hat mit Science Fiction nichts mehr zu tu n, es ist das widerliche Gesclm1iere grüner und roter Möchtegern-Schreiberlinge. Der Heyne Verlag hat einen guten Namen, aber bald wird es zu spät sein, wenn Sie damit nicht aufhören." Und ein Leser wandte sich mit folgenden Worten an die Verlagsleitung: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich beobachte seit geraumer Zeit mit zunehmender Sorge die Bemühungen Ihres Lektors W. Jeschke, die SF-Literatur "literarisch" aufzuwerten. Er schreibt ja auch ganz ernsthaft davon, daß sich die Europäer von den US-Amerikanern lösen müßten ... Ich kann mir lebhaft vorstellen, daß ein Mann, wie er langsam den Job satt hat und anfängt zu experimentieren und meint, man müsse dem Volk nun langsam und vorsichtig dosiert Bildung näher bringen. Eine sinnvolle Aufgabe, doch falsch begonnen! Ich lese SF, weil ich sonst genug zu tun habe und mich entspannen will ... lch bitte Sie daher herzlich, dem Mann Einhalt zu gebieten . . . ich werde vorerst den Kauf von SF von W. Jeschke besonders bearbeiteten 'Werken' einstellen und ganz aufhören, Heyne-Bücher zu kaufen, wenn ich feststellen muß, daß Herr Jeschke in seinem Eifer nicht zu bremsen sein sollte. Bei allen Betrachtungen mögen Sie überlegen, daß das Volk aus Trägheit SF bei Heyne kauft, und es ziemlich lange dauern dürfte, bis sich rumgesprochen hat, daß man Opfer von Experimenten wurde. Es dürfte dann aber wieder ziemlich lange dauern, bis der Schaden repariert ist."

Nun, das sind gewiß Extremfälle, aber es gibt da eine schweigende, nicht unbeträchtliche Minderheit, die deutsche SF grundsätzlich ablehnt. Wahrscheinlich sind es vor allem Leser trivialer SF, und Gero Reimann hat völlig recht, wenn er konstatiert: "Solange eine Serie wie Perry Rhodan eine 5. Auflage erlebt (über 680 Millionen Exemplare!) und damit weite Bereiche utopischer Wunscherfüllung ab- und zudeckt, gibt es eine deutsche SF nur in Ansätzen." Das heißt nichts anderes als, der deutsche SF-Autor hat die Wahl: entweder er schreibt Heftromane auf niedrigem Niveau, oder er versucht, das Publikum am anderen Ende des Spektrums zu erreichen, das Publikum, das Lem, Amery, Le Guin, Brunner usw. zu erreichen in der Lage sind (letztere nach langem und zähem Ringen der Herausgeber freilich und auf der Grundlage ganz hervorragender Werke).

Welch ein ehrgeiziges Unterfangen!

Aber weshalb eine so vehemente Ablehnung, weshalb eine derart entschiedene Aversion gegen deutsche Autoren (die sich ja nicht nur in solchen Zuschriften, sondern auch in den Absatzzahlen niederschlägt)? Zum Trost sei ihnen gesagt: sie sind nicht die einzigen, die davon betroffen sind. Auf den Beeten im SF-Schrebergärtlein, wo das Lesefutter der Asimovs, Clarkes und Heinleins und wie sie alle heißen so gar trefflich gedeiht, werden alle Exoten - seien es Japaner, Italiener, Franzosen, Südamerikaner, Russen, Polen oder Ungarn - mehr oder weniger als Unkraut empfunden. Und je "eigenständiger" sich ein nicht-amerikanischer Autor gebärdet, desto unangenehmer fällt er auf, desto mehr enttäuscht er die Erwartungshaltung des breiten Publikums, die in mehr als dreißig Jahren fast ausschließlich durch amerikanische SF vorgefertigt wurde. "Science Fiction, wie wir sie seit einer Generation zu lesen bekommen, ist nun mal 'anglo'", meint Thomas Mielke auf die oben gestellte Frage. Und manch einer, wie Walter Ernsting, schlüpfte als Clark Darlton ins US-Mimikry angesichts der überwältigenden Übermacht der anglo-amerikanischen SF - unvermeidlich wohl damals - und mit Erfolg. Aber warum bleibt der so vielen Autoren versagt, die amerikanischen Vorbildern nacheifern (notgedrungen, ist man versucht zu sagen, denn die meisten haben offensichtlich nie etwas anderes gelesen - noch dazu in nicht immer kongenialen Übersetzungen)? Weshalb werden sie als enttäuschend empfunden und abgelehnt? Liegt's vielleicht doch am Handwerk? Ein absoluter Außenseiter, Richard Hey, der sich zum ersten Mal auf dem Gebiet der Science Fiction versucht, stößt auf Anhieb in die Endausscheidung um den Kurd Laßwitz-Preis vor - weil er ein hinreißender Erzähler ist! Liegt's also vielleicht doch daran, daß viele deutsche SF-Autoren eben einfach nicht gut genug erzählen können, nicht adäquat erzählen können? Zu inhaltlich überladen und plump, zu lehrerhaft und didaktisch-penetrant da, wo Knappheit, Humor und Sprachwitz erforderlich wären, zu oberflächlich und leichthin dort, wo man sich mehr Engagement, mehr Recherche, mehr Einfallsreichtum und Farbigkeit wünschte? Das ist gewiß nicht von der Hand zu weisen. Ich begegne solchen Manuskripten auf Schritt und Tritt, vor allem von Autoren, die aus der sogenannten Fan-Szene stammen. Es gibt eine ganze Menge höchst bemühter und engagierter Autoren, von denen freilich die wenigsten willens oder in der Lage sind, aus ihren Fehlern zu lernen, die wenigsten bereit sind, sich gute Vorbilder zu wählen (möglichst außerhalb der Science Fiction) und ernsthaft an sich zu arbeiten, um sich wenigstens die elementaren Grundlagen dieses schwierigen Handwerks anzueignen.

Ich finde es ziemlich unfair, wenn die Schuld an dieser Misere den Lektoren und Herausgebern zugeschoben wird, wie es Horst-Günter Rubahn tut, der bitter beklagt: "Es liegen zwar genügend gute (und engagierte) Texte von guten (und engagierten) Autoren vor, aber die Zahl der bearbeitenden Herausgeber und Lektoren ist zu gering." Dahinter steht die Vorstellung, ein Herausgeber und Lektor habe gefälligst auch der Mentor " seiner" Autoren zu sein und deren Texte bis zur Druckreife zu bearbeiten, zu betreuen und zu befördern. Daß dies eine absolut illusionäre Vorstellung ist, liegt auf der Hand. Kein Lektor und Herausgeber wird für eine derartige Funktion bezahlt (dafür gibt es Schreibschulen) oder findet die Zeit dazu. Ein Verleger bezahlt seinen Lektor dafür, den Markt nach geeigneten Produkten abzusuchen, nicht um Autorenförderung zu betreiben und Nachhilfeunterricht in Deutsch zu erteilen. Nicht jeder hat das Zeug zum Pädagogen; ich fühle mich nicht dazu berufen.

Noch ein Wort zur angeblichen Frustration des Autors, der "seinen Text mit vorgedruckter Absage von unbekannten Unter-Lektoren zurückerhält." Ich versichere, daß ich in meinem anfänglichen Idealismus (- oder soll ich sagen, in meiner anfänglichen akademischen Naivität?), mir sehr viel Zeit nahm, mit Autoren zu korrespondieren und stundenlang über Verbesserungen zu diskutieren. Die verlegerische Wirklichkeit belehrte mich bald eines Besseren. Ich meine damit nicht nur, daß es die schiere Anzahl der Autoren unmöglich machte, es war die Uneinsichtigkeit, der verletzte Stolz, die Ungeduld und Besserwisserei, die mir die Lust nahmen.* Es gibt wohl kaum ein schwierigeres Unterfangen, als einem, der sich von seiner Berufung zum Schriftsteller gebeutelt fühlt, klar zu machen, daß er kein Talent zum Schreiben hat, daß eine Idee und eine Schreibmaschine allein bei weitem nicht ausreichen. und daß es erstrecht dann, wo schriftstellerisches Talent vorhanden ist, einer unbarmherzigen und kritischen Arbeit an sich selbst bedarf, um das Handwerk des Schreibens (und Übersetzens) zu erlernen. Die Reaktionen reichten vom schweigenden Beleidigtsein bis zur nachtragenden haßerfüllten Feindseligkeit. Nie im Leben habe ich mir so viele Feinde gemacht wie in jener Zeit. (Nun, ich nehme für mich auch nicht in Anspruch, ein Pädagoge zu sein.) Ich ziehe seither in der überwiegenden Zahl der Ablehnungen die schablonenhafte Absage vor. Der Autor sollte - oder lernt es bald - sie richtig zu interpretieren. Sie meint auf höflich nichtssagende Weise: "Ich halte diesen Text nicht für eine Publikation geeignet, möchte mich aber auf keine Diskussion über das Warum einlassen" ~ aus welchen Gründen auch immer. Dies zum Vorwurf Herrn Rubahns: "Es existiert kaum eine Autorenförderung seitens der Verlage."· Übrigens wird derzeit eher zuviel gefördert als zu wenig, und wie ich meine, zum Schaden manch eines Autors, der in seiner ersten Euphorie eine steile Karriere als Schriftsteller vor sich sieht, und zum Schaden der deutschen SF insgesamt, weil dadurch nicht selten das Vorurteil des Trivialen nur bestätigt wird. Ich bestreite die Behauptung, daß "genügend gute ("engagierte" genügt nicht, Herr Rubalm!) Texte" vorliegen. Mir lagen nich t genügend vor, bei weitem nicht! Ich erinnere mich an einen Brief, in dem ein SF-Leser (er versäumte es nicht, mir einen Durchschlag zu schicken) dem SFCD mitteilte, daß diesem Verein die Ehre seines Eintritts leider weiterhin nicht zuteil werden könne, weil dieser mit der Verleihung einer Ehrenmitgliedschaft an mich (für die Förderung deutscher SF), so etwas wie eine kurzsichtige, ja widersinnige Handlung begangen hätte. Die Förderung deutscher Autoren ·- so meinte er ~ sei für den Herausgeber einer SF-Reihe in Deutschland nicht nur dessen Pflicht, sondern schlechterdings eine Art existentieller Notwendigkeit. Wenn ich die zarten Pflänzchen von heute nicht hegte, wo wären dann meine Autoren von morgen, von denen ich zu leben gedenke? Welch ignorante Aufgeblasenheit! Welch ein törichter Trugschluß! Ich glaube für sämtliche meiner Kollegen sprechen zu können, denen die deutsche SF am Herzen liegt, wenn ich sage: Wir könnten uns alle ein viel angenehmeres Leben machen, wenn wir es wie die Kollegen hielten, denen sie nicht am Herzen liegt, und das von Amerika hereinkarren, nach dem die breite Leserschaft lechzt und was sie bevorzugt kauft: die handwerklich perfekt gestrickte, optimal in Action verpackte - Belanglosigkeit. Sie läßt sich jedenfalls doppelt bis fünfmal so gut verkaufen wie Produkte aus deutschen Landen (von den genannten Ausnahmen abgesehen). Das ist die bittere Wahrheit. Zu Hochmut und auch zur Feststellung "Es gibt eine eigenständige deutsche SF" ist noch kein Anlaß. Sie steht noch nicht, dafür fehlt ihr noch die Basis, das Publikum, der Markt. Das muß erst in zäher Arbeit gefunden und geschaffen werden - durch Anstrengung der Autoren und der Verleger. Aber "eigenständig" bzw. "selbständig" kommt ja ohnehin nicht von "stehen" bzw. " Stand", sondern von "Bestand", genauer: "Selbstand", was im Mittelalter die Eindeutschung des aus dem Lateinischen stammenden Wortes "Substanz" darstellte. Und von Substanz ist - seien wir ehrlich - noch zu wenig da. Die vor allem gilt es durch herausragende Qualität - im Handwerklichen, besonders im Handwerklichen - zu vermehren, damit sie eines Tages traditionsbildend werden und zu einer "eigenständigen deutschen SF" führen könnte. Um den eingangs zitierten Leser aus Genf noch einmal zu Wort kommen zu lassen: "Zusammenfassend möchte ich mir wünschen, daß die junge deutsche SF-Literatur die Chance nutzt, eine lebendige, entwicklungsfähige und originelle Gattung zu werden." - Ich schließe mich diesem Wunsch vorbehaltlos an.

Herzlichst

Ihr

Wolfgang Jeschke

 

Die Zitate sind - abgesehen von den Leserzuschriften, - dem "Con-Report 2" zum SFCD-Con '83 in Hannover entnommen

 

*Dasselbe gilt übrigens auch für Übersetzer. Je größer der Mangel an Sprachgefühl, desto geringer der Selbstzweifel; je skrupelloser dem Text gegenüber, desto empfindlicher gegen Kritik.

 

(Seinerzeit ein Vorabdruck des Editorials im "Heyne Science-Fiction-Magazin 9" mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Heyne Verlags.)