Die psychodelische Ideologie (Teil 2)

(Erstveröffentlichung: SFT 134/1974)

4. You can't keep a good man down

„Die Hippy-Bewegung, der psychedelische Stil bedeuten eine Revolution in unseren Vorstellungen von Kunst und dem Schöpferischen, die sich direkt vor unseren Augen abspielt. Die neue Musik, die neue Dichtung, die neue visuelle Kunst, der neue Film.“ (46) ,,In fünfzehn Jahren werden die klugen Kinder, die sich jetzt anturnen, die öffentliche Meinung gestalten, unsere Romane schreiben, unsere Universitäten leiten und die hysterischen Gesetze, die jetzt erlassen werden, widerrufen.” (47)

Wie also? Leary, der der „genetischen Notwendigkeit” Ausdruck verleiht, daß die „heutige Generation” sich von dem „rücksichtslosen Irrsinn” der Männer in den Wechseljahren trennt, stellt seine Blumenkinder andererseits als Avantgarde hin, die innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, nicht nur auf dem Gebiet von „Musik”, „Dichtung”, „Kunst” und „Film”, sondern auch, was die „öffentliche Meinung”, die „Universitäten” und die „Gesetze” anbetrifft, wirksam werden soll und wird. Wenn Leary seinen psychodelischen Dreischritt turn on, tune in, drop out leiert, meint er mit dropout wohl weniger den radikalen Bruch mit der bürgerlichen Welt; vielmehr scheint er augenzwinkernd zuzugeben, daß man mit ihm als Guru eher die Sprossen der kleinbürgerlichen Karriereleiter hinauf-. als aus der bürgerlichen Gesellschaft hinausfällt. Der wahre dropout im Trip bleibt denen vorbehalten, die Kreativität vielleicht nicht einmal buchstabieren, geschweige denn mit einem Leary gemäßen Inhalt füllen können, den proletarischen Junkies, die von Pushern und Dealern systematisch ruiniert werden. Das Salz der Erde liegt für Leary in der „oberen Mittelklasse” (48), also bei denen, die ihre trips zu verkäuflicher Kunst verwerten können. Die „Revolution in unseren Vorstellungen von Kunst und dem Schöpferischen” führt nicht weiter als in die bürgerlichen Bestsellerlisten, Kunstausstellungen und Kinos, während die „weißen, lügenhaften Männer in den Wechseljahren” auf einmal als Mäzene brauchbar erscheinen.
Die biologistische Vorschau Learys auf das „Wachstum der neuen Rasse” und die Überwindung der arteriosklerotischen alten Gesellschaft entpuppt sich als Programm des kleinbürgerlichen Aufstiegs, in dem das Medium der Droge zugleich als Botschaft dollarschwerer Schöpferkraft mitklingt. Soziales Engagement, jedwede Solidarität würden da nur stören:
„Aber ich beschwöre alle unter euch, die das Leben ernst nehmen, die ihr Nervensystem oder ihre spirituelle Zukunft ernst nehmen , sofort mit der Überlegung zu beginnen, wie ihr euch harmonisch, folgerichtig, liebevoll und anmutig von den sozialen Verpflichtungen distanzieren könnt, denen ihr ausgeliefert seid.” (49)
Noch weit unverblümter als Leary schildert Peter Stafford in RAUSCH, ROCK UND REVOLUTION (50), wie er sich die psychodelische Revolution vorstellt.
„Meine These ist, daß die psychodelischen Drogen eine gesellschaftliche Bedeutung ersten Ranges haben, und daß sie auf die Dauer (und damit meine ich, in nicht mehr als fünf bis zehn Jahren ) die gegenwärtigen politischen Realitäten völlig verwandeln werden.” (51)
„Bedenken wir nur einmal das Ausmaß, zu dem die psychodelischen Drogen bei Psychologen, Universitätslehrern, Werbeleuten der Madison Avenue, Mitarbeitern in Organisationen wie IBM oder der Rand Corporation Interesse finden - in den Denkfabriken also; und rechnen wir nur einmal die von LSD beeinflußten Entscheidungen zusammen, die von denen getroffen werden, die unsere Gesellschaft wirklich bewegen (…) dann können wir mit Überzeugung sagen: Die psychodelische Revolution wird Auswirkungen haben, die unsere Vorstellungskraft schon jetzt übersteigen.” (52)
Unsere Vorstellungskraft ist schon weit überstiegen mit der Unterstellung, daß die brain trusts der Madison Avenue, der IBM und besonders der paramilitärischen RAND-Corporation, aus der Männer wie Herman Kahn hervorgingen (53), in irgendeiner Weise dazu beitragen sollten, „die gegenwärtigen politischen Realitäten völlig” zu „verwandeln”. Stafford übt nichts anderes als Idealismus, wenn er den „von LSD beeinflußten Entscheidungen” gesellschaftsändernde Kraft zuschreibt. Für ihn ist die Droge ein revolutionäres Agens, und die Agenturen des Monopolkapitalismus werden zu Vollstreckern dessen, was LSD ihnen eingibt.
Anhand eines leicht faßlichen Beispiels macht Stafford bewußt, wie auch kleine Leute ihren Teil zur Revolution beitragen können. Zuvor stellt er klar, „daß die Veränderung der äußeren Welt die Veränderung des Individuums voraus· setzt.” Je nun: „Historische Beweise für die Gültigkeit dieser Behauptung gibt es wenige” (54). Aber seit das LSD synthetisiert worden ist, hat das Sein alle Macht über das Bewußtsein verloren, kann die Geschichte keine Geschichte von Klassenkämpfen mehr sein und das Proletariat nicht länger die revolutionäre Klasse im Kapitalismus. Fortan kann jeder mitspielen. Die „Massenerzeugung von Haltungen und Werten” (55) in Form der Droge macht sogar den sonst eher zurückhaltenden „Badewannenfabrikanten” (56) zum umstürzlerischen Subjekt. Dieser Mann „steht genau an der Stelle, wo die nächste größere Entscheidung über Badewannen getroffen wnden wird (…)“, und zweifelsohne wird seine Entscheidung dank LSD eine revolutionäre sein, die Hunderttausende von Wannenbadern in den Strudel der Ereignisse ziehen muß. Außerdem erwähnt Stafford noch beiläufig die Berufsgruppe der Genetiker, von der unter LSD-Einfluß sicher bald der Übermensch kreiert wird.
Abgesehen von der skandalösen Inflation des Begriffes Revolution, die nicht nur Stafford, sondern fast allen Ideologen des Underground zur Last zu legen ist, bleibt an Staffords Gedankenflug nichts zu kritisieren, was nicht schon von vornherein der Lächerlichkeit anheimfällt. Es ist Warenfetischismus, Konsumkult, was Stafford treibt. Die Waren des Kapitalismus versprechen immer mehr, als sie halten können, den Drogenfanatikern scheint die Droge gar die völlige Veränderung der ,,gegenwärtigen politischen Realitäten” zu verheißen. Stafford verrät sich aber, wenn er privilegierte Kleinbürger für diejenigen hält, „die unsere Gesellschaft wirklich bewegen”, und freudig prophezeit, daß sie unter LSD ihr Tagewerk noch weit erfolgreicher verrichten könnten.
Nicht immer ist es die Droge, die dem Underground Mittel zum kleinbürgerlichen Zweck zu sein scheint. Learys Biologismus der „neuen Rasse”, hinter dem er den Karrierismus der jungen Leute in den kreativen Jahren tarnt. wird bei der Beschreibung einer späteren Zukunft zum blanken Rassismus. Vorausgesetzt, daß ein Teil der Menschheit bleibt, wo er ist, nämlich in den Großstädten, und ein anderer, eben die Blumenkinder, sich die freie Natur erkiest, kann es zur Aufspaltung in zwei biologische Zweige kommen.
„Eine Spezies, die Maschinenart, wird gern in Metallgebäuden und Wolkenkratzern leben und ihren Spaß daran haben, einfach Teil einer Maschine zu werden. Diese Spezies des Menschen wird ein unnötiger, bald veralteter Teil der ganzen technologischen Maschinerie werden. In diesem Fall wird der Mensch anonym - genau wie der Ameisenhaufen oder der Bienenstock. Sex wird entpersönlicht werden, Promiskuität wird an der Tagesordnung sein. Aber ich weiß, daß unsere Samen-Blumen-Spezies andauern wird. Und wir werden vielleicht neue Krankheiten überstehen, die von den Maschinenmenschen mit ihren Antiseptika nicht beseitigt worden sind. Und wir werden irgendwo draußen in den Sümpfen sein oder irgendwo draußen in den Wäldern über die Maschine lachen und unsere Sinne genießen und 40 Ekstasen erleben und uns daran erinnern, woher wir kamen, und unseren Kindern beibringen, daß wir keine Maschinen sind und nicht dafür geschaffen sind, Maschinen zu machen, und auch nicht dafür geschaffen sind, Maschinen zu betätigen.” (57)
Man versteht nach diesen Ausführungen sofort besser, warum auch ein Robert Heinlein mit STRANG ER IN A STRANGE LAND (58) zum Liebling des Underground werden konnte. Sauber und gesund ist sie, Learys “SamenBlumen-Spezies”, macht keine Maschinen, sondern Kinder, lebt lachend und nicht in Anonymität. genießt „Ekstasen” statt „Promiskuität” und überlebt wie selbstverständlich “neue Krankheiten”, denen die Großstadtmedizin nicht beizukommen vermag. Die Städter sterben den Tod der Dekadenten, rassisch Unterlegenen; „Bienenstock” und „Ameisenhaufen” fallen Krankheitskeimen zum Opfer, weil sie nicht dem Code des Erbguts gehorchten und auf Wissenschaft und Technik vertrauten, statt im eigenen Körper Erfüllung zu finden.
Spätestens seit Oswald Spenglers Werk DER MENSCH UND DIE TECHNIK den “Sturz des faustischen Menschen” durch den „Mikrokosmos Maschine” prophezeite, ist der antitechnische Affront fest in die bürgerliche Ideologie inkorporiert. Der Faschismus duldete die Propagierung des technischen Fortschritts nur, wenn - wie etwa beim deutschen Science Fiction-Altmeister Hans Dominik (59) - die neuen Maschinen lediglich Verlängerung des starken Arms eines nordischen Menschen waren, der sich außer in den Ingenieurswissenschaften noch gründlich in der Welteislehre und der Hohlwelttheorie auskannte und in Theorie und Praxis unablässig die Untermenschen das Gruseln lehrte. An das Problem der gesellschaftlichen Produktivkräfte oder gar der Produktionsverhältnisse durfte jedoch auf keinen Fall gerührt werden.
Das alles ist also nicht neu, verwunderlich scheint nur, daß einer der maßgeblichen Gurus einer postfaschistischen Jugendbewegung mit einem rassistisch-antitechnischen Konzept reinsten Wassers zu Buche steht. Leary, dessen ökonomische Unbedarftheit ja bereits aus seiner Proklamierung des nahen Mußezeitalters hervorgeht, hebt hervor „daß wir keine Maschinen zu machen, und auch nicht dafür geschaffen sind, Maschinen zu betätigen.” Falls sich Teile der Menschheit dennoch zu einem weiteren Leben in Maschinennähe entscheiden sollten, so deshalb. weil sie „ihren Spaß daran haben. “ Eine rationale Begründung für die zukünftige Benutzung der Technik scheint Leary nicht für möglich zu halten; die “Maschinenart” der menschlichen Rasse kettet sich, seiner Darstellung nach zu schließen, in selbstgewählter Perversion an die Apparate und geht mit ihnen unter.
Daß Wissenschaft und Technik die wichtigsten Werkzeuge zur Emanzipation des Menschen von der Natur waren und sind. will Leary nicht ins angeturnte Hirn. Für ihn stellt sich die abendländische Entwicklung ohnehin nur als Irrweg dar, der mithilfe der Drogen, deren Herstellung und Distribution allerdings ohne das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht in dem Leary genehmen Umfang möglich wären, stehenden Fußes verlassen werden sollte. Anstelle technischen Fortschritts verspricht Leary „Ekstasen” und Genuß der „Sinne” „irgend wo draußen in den Sümpfen” oder “irgend wo draußen in den Wäldern”. Wir müssen rekapitulieren, daß dieses Versprechen psychodelischer Naturfreuden lediglich die Kehrseite von Learys siegessicherer Voraussage der steilen systemimmanenten LSD-Karrieren ist.
So sehr die beiden Prospekte sich formal unterscheiden, bleibt ihnen doch das Entscheidende gemeinsam: Das Bewußtsein kleinbürgerlicher Überlegenheit. Learys Kurzzeitprognose will die freaks der „oberen Mittelklasse” dazu überreden, ihr Heil in spätkapitalistischer Dynamik zu suchen, während die langfristige Vorausschau von der Heilsamkeit des Verzichts auf kollektiven Besitz der Produktionsmittel kündet. Wie in der gesamten bürgerlichen Ideologie, fungiert der Begriff der Natur bei Leary als Gegenspieler dialektisch-materialistischer Anschauung. Wer an der Problematik von Wissenschaft und Technik scheitert, sucht sein Glück in der Natur, die nicht nur als Sumpf und Wald, sondern auch als überlegenes Erbgut und Überbegabung im Kleinbürgerschädel verstanden wir. Der Widerspruch zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen löst sich auf in der Illusion einer Beglückung, die synchronisch von Außen- und Innenwelt ihren Hergang nimmt; gesunde Landschaft und psychodelische Kräuter korrespondieren mit starken Genen und innerem Reichtum.
Der Kleinbürger Leary propagiert also statt der Beteiligung am Klassenkampf die Wiederversöhnung des Menschen mit der Natur, von der er sich in grauer Vorzeit abgespalten hat. Learys Revolution erweist sich als Rücksturz in die Stammesgeschichte, die nach mehrtausendjähriger Unterbrechung durch eine Geschichte der Klassenkämpfe nun endlich ihre psychodelische Abrundung bekommen soll. Statt ökonomischer Dialektik mögen fortan erneut Selektion und Mutation, anstelle des Klassenkampfs muß wieder der Rassenkampf herrschen. Erstes Opfer der Genauswahl wird Leary zufolge „die Maschinenart“, offensichtlich eine Travestie des Proletariats, der Allzuvielen, der „Ameisenhaufen”- und „Bienenstock“-Menschen, sein. Sind die Kleinbürger dann unter sich und in ungestörtem Rapport mit der Natur. gilt es, den Übermenschen abzuwarten: „Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die Evolution noch nicht vorbei ist, daß der Mensch kein Endprodukt ist (…)”. (60)
Unverhohlener, weniger ausgeklügelt als Leary geben sich viele andere Underground-Propheten, die in ihrer subjektiven Unfähigkeit, am Klassenkampf teilzunehmen, der Natur erlösende Macht zuschreiben. Nicht selten wird der versunkene Kontinent Atlantis zur Metapher einer neuen befriedeten Welt, die sich aus neuen Sternbildkonstellationen, Erdachsenverschiebungen oder irdischen Vulkaneruptionen mit mechanischer Zwangsläufigkeit ergibt. Das Zeichen des Wassermanns, die himmeltechnischen Fertigkeiten des Erzengels Michael und terranische Naturkatastrophen müssen vollstrecken, was aus gesellschaftlicher Dialektik heraus nicht entstehen zu können scheint. (61) Und immer ist es eine dünnbesiedelte, maschinenlose Welt der Schöpferischen, die mit kosmischer Zange und unter planetaren Wehen geboren wird. Die Produktionsmittel und ihre Besitzer, die Produktionsverhältnisse und ihre Ausgebeuteten verschwinden im Schoß der kreißenden Erde, indem das ersehnte Domizil der Kleinbürger aller Länder aus den Wassern steigt.

5. Urlaub vom Ich

„Einer der ekstatischen Schrecken des LSD-Erlebnisses ist die Konfrontation mit deinem eigenen Körper, die zerschmetternde Auferstehung deines Körpers. Du wirst in die Matrix von Quadrillionen von Zellen und somatischen Kommunikationssystemen gestürzt. Die zellulare Flut. Du wirst die Kanäle deiner Wasserversorgung hinuntergeschwemmt. Visionen mikroskopischer Prozesse. Fremdartige, wellenförmigc Gewebemuster. Du wirst in die phantastische Kunstwelt innerer Fabriken geschleudert, schauderst vor Furcht oder schreist vor Vergnügen bei dem unentwegten Stoß. Kampf. Schwung der biologischen Maschine, die klickt, klickt, endlos, endlos - und dich in jedem Augenblick verschlingt. Dein Körper ist das Universum („.). Was draußen ist. ist drinnen. Dein Körper ist der Spiegel des Makrokosmos. Das Königreich des Himmels ist in dir.” (62)
dieses Zitat aus Learys Buch POLITIK DER EKSTASE konfrontiert uns abermals mit der Tiefenpsychologie des Carl Gustav Jung: Wenn Karl Kraus mit seinem Aphorismus, die Psychoanalyse Freuds sei in Wirklichkeit die Krankheit, deren Heilung sie anzustreben vorgebe. unrecht haben sollte, gilt der Spruch aber unzweifelhaft, wenn man ihn auf Jungs Theorien anwendet. Jungs Gleichung von Innenwelt und Außenwelt, von Psyche und Kosmos verbleibt Leary der psychodelischen Ideologie ein: „Dein Körper ist das Universum”. – „Was draußen ist, ist drinnen. Dein Körper ist der Spiegel des Makrokosmos. Das Königreich des Himmels ist in dir.”
Psychische Erkrankungen werden von Jung als Folge eines Widerstreits zwischen kosmischem Erbteil und kultureller Beeinflussung des Individuums aufgefaßt: Natürliches und Artefizielles, Archetypen und zeitgenössische Ideologie ringen miteinander. In unserer Zeit, so Jung, häufen sich die Gemütsleiden, weil die Welt im Übergang vom christlichen Zeitalter der Fische zur Ära des Wassermanns begriffen sei. Als Zeichen des Umbruchs begreift Jung insbesondere die zunehmenden UFO-Sichtungen (63). Ergebnis des großen Wandlungsprozesses soll eine Welt sein, in der urwüchsige Irrationalität gegenüber allem Künstlichen und Gekünstelten Platz greift. Verzeihliche astrologische Fehlberechnungen mögen erklären, warum Jung diese Zeit schon mit dem Siegeszug des deutschen Faschismus angebrochen wähnte. Was unsere Zeit betrifft. scheint Jung jedoch Recht zu behalten, wenn man Leary oder Pauwels & Bergier, die selbstredend zur claque eidgenössischen Mystikers gehören, Glauben schenken will.
Bürgerliche Ideologie kommt, je verzweifelter ihr Abwehrkampf gegen den dialektischen Materialismus wird , desto weniger ohne Dialektik aus. Freilich verschwendet sie die Phantasie ihrer Protagonisten in der Hypostasierung origineller Scheinwidersprüche. Der Gegensatz zwischen Natur und Kultur, dem Jung seine Tiefenpsychologie verschrieb, erlebte zu Beginn dieses Jahrhunderts, etwa bei Oswald Spengler, seine ausführliche Darstellung und erreichte im deutschen Faschismus ein Maximum der Propagierung. Auch Denker, die zumindest als überzeugte Antifaschisten gelten können, erlagen der Pseudodialektik von Biologischem und Gesellschaftlichem. Wilhelm Reich z.B. formulierte nach seiner Emigration in die USA programmatisch, was heute - wie auch die Schriften Jungs und Spenglers - im Underground auf großes Interesse stößt:
„Alle Diskussionen über die Frage, ob der Mensch gut oder böse, ein soziales oder ein unsoziales Wesen sei, sind philosophische Spielereien. Ob der Mensch ein soziales Wesen oder ein merkwürdig vernunftlos reagierender Protoplasmahaufen ist, hängt davon ab, ob seine biologischen Grundbedürfnisse in Einklang oder in Widerspruch stehen mit den Einrichtungen, die er sich geschaffen hat. Es ist daher auch unmöglich, den arbeitenden Menschen aus der Masse von der Verantwortung zu befreien, die er für die Ordnung oder Unordnung. also für die soziale und individuelle Ökonomie der biologischen Energie trägt.” (64)
Reich konstruiert einen Gegensatz der „biologischen Grundbedürfnisse” des Menschen zu „den Einrichtungen. die er sich geschaffen hat.” Nicht der Widerspruch zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen soll entscheidend sein, sondern vielmehr der Konflikt zwischen ewigen Trieben und den unzulänglichen gesellschaftlichen Institutionen zu ihrer Befriedigung. Folglich erscheint Reich die Volkswirtschaft als vernachlässigbar gegenüber der „Ökonomie der biologischen Energie”.
Dem Biologismus verfällt Reich mit seiner Absolutsetzung der „biologischen Grundbedürfnisse”, die auf diese Weise entfremdet, aus ihrer historischen Verschränkung gerissen und ihrer gesellschaftlichen Wandelbarkeit beraubt werden. Daß die „biologischen Grundbedürfnisse” im Kapitalismus nur unzureichend befriedigt werden, soll nach Reich zugleich Ursache und Wirkung aller sozialen Miseren sein: Die Massen reagieren krankhaft, weil ihnen kranke Führer die „Einrichtungen”, derer sie selbst ermangelten. ihrerseits vorenthalten. Reich mag selbst das Ungenügen dieses Zirkelschlusses geahnt haben, als er sich mit dem Schlagwort der „emotionalen Pest”, das so viel und so wenig taugt wie William Burroughs' Mythos vom „MENSCHLICHEN VIRUS” (65). schließlich des Problems auf billige Weise entledigte.
Der Widerspruch zwischen Menschen und Natur bzw. zwischen menschlichen Trieben und menschlicher Gesellschaft ist so allgemeiner Natur, daß er - alle Epochen der Menschheitsgeschichte durchziehend - zum Verständnis eines bestimmten historischen Stadiums nicht herangezogen werden kann. Vielmehr nimmt der Konflikt zwischen Mensch und Natur jeweils die Form des gesellschaftlichen Widerspruchs zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen an (66). Wer spätkapitalistische Problematik mit so weitgespannten Gegensätzen wie Jung, Spengler oder Reich zu erfassen versucht, leugnet das Konkrete durch maßlose Abstraktion, trägt mit unhistorischer Anthropologie zur Ideologie des Spätkapitalismus bei.
Marx’ Charakterisierung des Bewußtseins als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse verhilft uns zu einer klaren Einschätzung der Jung'schen Tiefenpsychologie und ihrer im Underground gebräuchlichen Derivate. Während Marx die Wiederspiegelung gesellschaftlicher Widersprüche im Kopf des einzelnen zur Grundlage psychischer Konflikte macht, will Jung einen Widerstreit zwischen ewigen Kräften, den Archetypen, und äußerlichen Einflüssen, der jeweiligen Kultur also, unterstellen. Zum anderen behauptet Jung eine letzthinnige Gleichsinnigkeit kosmischer, gesellschaftlicher und psychischer Prozesse, die dem einzelnen auf parapsychologischem Weg offenbar werden könne. Eine solche subjektiv erlebte Auflösung objektiver Gegensätze könne sich dem gesunden Menschenverstand als Geisteskrankheit zeigen, sei aber in Wirklichkeit Überbewußtsein, identisch mit den PSI-Fähigkeiten der Science Fiction. Unter dem wissenschaftlichen Firnis der Synchronizitätstheorie, die Elementarteilchenphysik und Tiefenpsychologie zu verbinden sucht, verbirgt sich die Apologie psychischer Verelendung und ideologischer Verirrungen im Spätkapitalismus. Dem Wahnsinn wird kosmische Methode untergeschoben; statt als Symptom gesellschaftlicher Widersprüche erscheint er als Vision der Erlösung. Weltanschaulicher Unfug gerät in der tiefenpsychologischen Deutung Jungs zur Botschaft vom besseren Zeitalter, nicht zur Rune der Entfremdung.
Auf die psychodelische Ideologie bezogen, bestärkt Jung den Underground in seiner Überzeugung, daß er im eigenen Nervensystem das Weltall durchmessen könne, während der Trip in Wirklichkeit nur Blattgold auf kleinbürgerliche Fetische legt. Anders jedenfalls läßt sich über Learys enthusiastisches Gestammel nicht urteilen. Seine Schilderung jener „Matrix von Quadrillionen von Zellen und somatischen Kommunikationssystemen”, der „zellularen Flut”, der „Kanäle” der körperlichen „Wasserversorgung”, der „mikroskopischen Prozesse” und der „Gewebemuster” scheint eher einem LI FE-Sachbuch über die Geheimnisse des menschlichen Körpers als einer inneren Erleuchtung zu entstammen, zumal eine optisch empfundene Einsichtnahme in vegetativ innervierte Körperbereiche allen Erkenntnissen der Physiologie und Biokybernetik hohnspricht (67). Anders ausgedrückt: „Was man auf dem Trip zu sehen meint, ist offensichtlich eine symbolische Verdichtung von Realitätsmaterial in der sich, schillernd verkleidet, nichts anderes als der Klassenstandpunkt ausdrückt. Was als kosmisch erlebt wird, erweist sich rasch als kleinbürgerliche Beschränktheit, die sich im Rausch ihrer Grenzen entledigt fühlt.
Es ist wahrscheinlich, daß die Aufhebung der strengen Bewußtseinseingrenzung im Drogenrausch tatsächlich zu völlig neuartigen biologischen Empfindungen führt; jedoch scheint sich jedes ungewohnte Gefühl bald mit gewohntem ideologischen Gehalt zu füllen, weil die kleinbürgerlichen „Kosmonauten des Innern'' (Fiedler (G8)) ihre Interessenlage auf dem Trip keineswegs hinter sich lassen. Ronald Steckel referiert z.B. über „Energetische Phänomene'' im Drogenrausch folgendes:
„Die Wahrnehmung energetischer Erscheinungen ist ein häufiges Symptom des psychedelischen Rausches. Strom scheint den Körper zu durchfließen, der Raum scheint von Elektrizität erfüllt und es kann zur Wahrnehmung körperlicher Strahlungserscheinungen kommen (Aurawahrnehmung). Der Wirklichkeitsgehalt dieser Erscheinungen ist ungeklärt; es ist als wahrscheinlich anzunehmen. daß diesen Wahrnehmungen tatsächliche Vorgänge zugrundeliegen, wie z.B. die Energieströmungen und die plasmatische Bewegung, die Reich im Zusammenhang mit der Orgonenergie experimentell nachgewiesen hat.” (69)
Die „Wahrnehmung energetischer Erscheinungen” schlägt Ideologie der Energie um, wenn der Kleinbürger sich nach dem Trip revolutionär, weil energiegeladen fühlt und umgekehrt jede Entladung als Revolution empfindet. Reichs pseudowissenschaftlicher Mummenschanz. den Steckel zur Erklärung der energetischen Phänomene anführt, beinhaltet bereits jene Verquickung von physiologischen Prozessen und revolutionären Inhalten, die im Underground zu Fehlleistungen wie der von Michael McClure geführt hat:
„Die Revolte ist ein physiologischer Prozeß des Suchens; sie setzt freie Energie voraus und - ob kinetisch oder potentiell - jede Energie ist erotisch.” (70)
Man kann nur folgern, daß die Wahrnehmung naturgesetzlicher Abläufe im Drogenrausch es den Freaks leichtgemacht hat, die Begriffe der Revolution oder der Revolte physikalisch-physiologisch zu konkretisieren und damit ihres gesellschaftlichen Sinnes vollständig zu berauben. McClure sagt auch rundheraus: „Menschen, die Politik Revolte nennen, sind fehlgeleitet.” (71) Hinter diesem Satz steht immerhin die Erkenntnis, daß Politik mit Naturgesetzen nichts zu tun hat, eine Erkenntnis, die all jenen zu fehlen scheint, die - wie Wilhelm Reich – meinen, daß körperliche Energieaufladung durch Bestrahlungen oder physiologische Entladungen wie etwa beim Geschlechtsverkehr gesellschaftliche Umwälzungen nach sich ziehen müßten.
Überhaupt scheint die ideologiegetränkte Popularisierung naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse zunehmend zum falschen Bewußtsein einer Naturgesetzlichkeit gesellschaftlicher Entwicklungen zu führen, die zwar schon seit Anbeginn kapitalistischer Produktionsweise behauptet worden ist, sich aber erst seit einigen Jahrzehnten abgekarteter faktischer Absicherung sicher weiß. Wahrscheinlich trügt die sinnliche Erfahrung physiologischer Prozesse auf dem Trip zur Fundierung einer solchen Fehlsicht bei. Andererseits mag der Drogenrausch dazu verführen, daß man sich selbst auf naturgesetzliche Akte reduziert und gesellschaftliches Handeln ablehnt, wie es bei McClure der Fall zu sein scheint. Die Attraktivität, die ein biotechnisches Menschenbild als psychodelischer Leitfaden im Underground besitzt, läßt sich unschwer aus Learys eingangs zitierter Darstellung herauslesen. Die „phantastische Kunstwelt innerer Fabriken”, der „Stoß, Kampf, Schwung der biologischen Maschine” künden klar genug von einem mechanistischen Körperverständnis, das die Quintessenz aus biologischen Empfindungen und biologistischer Ideologie darstellt.
Jene Technik, die Leary hohnlachend der „Maschinenspezies” überantwortet, soll ihr angebetetes Äquivalent im inneren Weltraum haben. Man verzichtet auf die Lösung des Widerspruchs von Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen. da man sich der „biologischen Maschine” des eigenen Körpers bewußt wird und in ihr die Harmonie der Natur zu erkennen meint. In der Reduzierung auf Biologisches weicht die psychodelische Ideologie ökonomischer Dialektik aus.
Mit der psychodelischen Vision der vollendeten Stoffwechselregulation durch die Nukleinsäuren des Erbguts scheint die Anarchie der Produktion im Kapitalismus aufgehoben, während die· kybernetischen Matrizen des Gehirns in Transzendierung kapitalistischer Warenästhetik unentfremdeten Genuß und unbegrenzte Einsicht gewährleistcn sollen.
„So kommen wir auf die faszinierende Möglichkeit, daß der Mensch in der kurzen Kindheit seiner Existenz nie gelernt hat, diese neurologische Maschinerie” (sein Gchirn) „zu benutzen. Daß der Mensch vielleicht wie ein Kind, das im Kontrollraum eines Computers mit Billionen Röhren herumspielt, gerade anfängt dahinterzukommen, gerade beginnt zu entdecken, daß es in der Anlage, die er hinter seinen Augenbrauen herumträgt, eine Unendlichkeit an Bedeutung und kompliz erter Macht gibt.” (72)
„Unsere Spezies ist mit einem unglaublich zarten Apparat versehen und ausgestaltet, den der DNS-Code in 2 Billionen Jahren entwickelt hat, und wir leben auf einem Planeten, umgeben von einer enormen Fülle von Energien, Licht, Geräusch und Chemikalien. Meiner Meinung nach ist es das Ziel menschlicher Erziehung, den Gebrauch all dieser Bewußtseinsebenen zu erlernen (…)”. (73)
Leary, selbst Doktor der Medizin und eine Zeitlang Dozent für klinische Psychologie, demonstriert anhand der zitierten Beispiele, wie leicht naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse sich ideologisieren lassen, wenn nicht schon Forschung und ldeologieproduktion im Spätkapitalismus untrennbar zusammenfallen.
Marx' Feststellung, daß wissenschaftlich-technischer Fortschritt im Kapitalismus scheinbar die Menschen maschinisiere und die Maschinen vermenschliche (74), verifiziert sich am Beispiel der psychodelischen Ideologie wie auch der Science Fiction. Das Gehirn wird auf eine „neurologische Maschinerie” reduziert, während die Elektronik als unberechenbare Macht erscheint. In der Science Fiction stehen sich Maschinen mit Bewußtsein und zur Bewußtseinslosigkcit manipulierte Menschenmassen gegenüber. Es kann kein Zufall sein, wenn seit einiger Zeit unter der Bezeichnung Biokybernetik versucht wird, den menschlichen Körper zu enträtseln, indem man ihn in Analogie zur Technik des Spätkapitalismus setzt (75). Die entfremdete Technik wird, wenn sie den Kleinbürger zur Regression drängt, gleichzeitig zum Fluchthelfer: Die psychodelische Ideologie weicht dem Verständnis gesellschaftlicher Dialektik in eine mechanistische Naturvorstellung hinaus, die das scheinbar Unvereinbare harmonieren läßt. Leary schwärmt von der Technik des Menschlichen, als wolle er der Unmenschlichkeit kapitalistischer Technik ein narzißtisches Gegengewicht geben. Die Ideologisierung der eigenen Körperfunktionen scheint die letzte kleinbürgerliche Konsequenz aus der spätkapitalistischen Entfremdung zu sein.
Indessen geht die Regression noch weit über das psychodelische Bewußtsein der natürlichen Körpermaschine hinaus. Leary erwähnt „sieben breite Bewußtseinsebenen” und charakterisiert sie folgendermaßen:
„1. Solarisch (Seele): Bewußtheit der Energievorgänge zwischen molekularen Strukturen innerhalb einer Zelle - ausgelöst durch große Dosen (300 Gamma) LSD.
2. Zellular·: Bewußtheit der Energievorgänge innerhalb der Zelle - ausgelöst durch mäßige Dosen LSD, große Dosen Meskalin, Peyote, Psilocybin.
3. Somatisch: Bewußtheit der Energievorgänge innerhalb der Nervengeflechte, die mit organischen Systemen in Verbindung stehen - ausgelöst durch mäßige Dosen Meskalin, Psilocybin, MOA. kleine Dosen LSD, große Dosen Haschisch.
4. Sinnlich: Bewußtheit der Energievorgänge innerhalb der endokrinen Systeme und neurogenen Netze, die die Sinnesorgane betreffen - ausgelöst durch Marihuana.
5. Symbolisch: Bewußtheit der Energievorgänge innerhalb der endokrinen Systeme und kortikalen Gebiete, die mit dem konditionierten Lernen in Verbindung stehen - ausgelöst durch Serotonin, Kaffee, Tee, Nikotin, Methaphetamine.
6. Stupor: Bewußtheit der Energievorgänge innerhalb der endokrinen Systeme und präkortikaler ZNS-Gebiete, die mit Affekt und Emotion in Verbindung stehen - ausgelöst durch Alkohol.
7. Ruhe - Schlaf: Bewußtlosigkeit - ausgelöst durch Chemikalien (Narkotika), die endokrine Systeme und präkortikale ZNS-Gebiete angreifen, welche Schlaf und Bewußtlosigkeit vermitteln.” (76)
„Bewußtheit der Energievorgänge” im menschlichen Körper erreicht ihr Maximum, wenn sie die „molekularen Strukturen innerhalb der Zelle” erfaßt. Die psychodelische Ideologie nimmt auf ihrer Flucht vor der gesellschaftlichen Dialektik die platte Eindeutigkeit organisch er Moleküle zum Refugium. Wenn sie in Hirn und Vegetativum des Kleinbürgers noch spätkapitalistische Widersprüche als Neurosen oder psychosomatische Beschwerden widerspiegeln, gewährt die Einzelzelle mit ihren Organellen und Atomkomplexen das Bewußtsein konfliktloser Natur, die Empfindung rhythmischer Auf- und Entladung, Anschwellung und Kontraktion. Im Bild der Zelle triumphiert der biologische Zyklus über die lineare Dialektik der menschlichen Gesellschaften. Wilhelm Reich bediente sich der Zytologie, um seine Vorstellungen einer biologisch en Revolution zu veranschaulichen und zu beweisen. Physikalische Energien der Körperzellen sollten dem Programm Reichs zufolge den Kapitalismus umpolen. Das faszinierende „Erlebnis, ein einzelliges Wesen zu sein “ (77), steht, wie man Learys Ausführungen unschwer entnehmen kann, am Ende eines Prozesses, der mit der scheinbaren Loslösung aus einer mißverstandenen Gesellschaft beginnt und konsequent mit der scheinbaren Auflösung psychischer Strukturen fortgesetzt wird. Lustvolle Desorganisation des eigenen Körpers soll im „Erlebnis, ein einzelliges Wesen zu sein”, gipfeln; der Kleinbürger findet seine gesellschaftlich unerreichbare Autonomie in der Illusion einer Protozoen-Existenz. Was immer er im Drogenrausch erleben mag, er muß es im Sinne eben jener kleinbürgerlichen Id ologie auffassen, die ihm bis in die „molekularen Strukturen innerhalb der Zelle” gefolgt ist.

6. Revolutionäres Body-Building
Wenn Kleinbürger um ihre Privilegien bangen müssen, mischen sich in ihren Gedanken Paranoia und Größenwahn. In einer Gesellschaftsordnung, die Automatisierung nicht zur Entlastung der Werktätigen, sondern als Argument für unmenschliche Leistungsforderungen benutzt, müssen auch diejenigen, die mehr als ihre bloße Arbeitskraft zur Markte tragen können, um ihre Konkurrenzfähigkeit bangen.
Im Affront gegen entfremdete Produktionsmittel kehren sie den eigenen Körper hervor, der notfalls mechanischer als Maschinen und leistungsfähiger als Elektronengehirne arbeiten soll.
Wird nicht der Widersacher Maschine als Verfolger empfunden, so sieht man den Feind im Organismus selbst verborgen. Leibangst verbindet sich mit Leibstolz zu Ideologie und Praxis kleinbürgerlicher Sekten, die - wie etwa Korzybskis Zirkel der Nonmistotelischen Logik oder Lafayette Ron Hubbards früher Dianetics genannte, heute unter der Bezeichnung Scientology grassierende Geheimwissenschaft der Kryptofaschistcn (78) menschliche Erbübel aufdecken und gleichzeitig erfolgreich zu kurieren versprechen. Korzybski verknüpft sprachtheoretische Überlegungen mit Trivialphysiologie, indem er einerseits die Logik des Aristoteles für weitreichende semantische und ideologische Verirrungen verantwortlich macht und andererseits den Hirnstamm anschuldigt, er verursache das irrationale Handeln der Menschen. Die Behandlungserfolge der Nonaristotelischen Logik des Korzybski lassen sich z.B. aus den Romanen des Korzybski -Anhängers A. E. van Vogt ablesen. Dieser Autor führt seine Hauptperson meist als allseits bedrohte und tief verunsicherte, offensichtlich der sozialen Deklassierung entgegenbangende Kleinbürger ein, die dann kraft der Verdammung des Aristoteles und der Kontrolle über ihren Hirnstamm im Laufe der Handlung zu Schicksalslenkern der Galaxis heranwachsen und schlußendlich konkurrenzlose Inhaber des einzigen van Vogt denkbaren Monopols, der Macht im Universum, werden. (79)
Korzybski motiviert die kleinbürgerliche Krise teils mit idealistischen, teils mit biologistischen Erklärungen; ein jahrtausendealter Denkfehler sowie ierisches Relikt im menschlichen Hirn werden unterstellt und machen kulturelle Verschwörung wie Bedrohung durch innere Organe gleich wahrscheinlich. Die Lösung der Scheinprobleme erfolgt durch Scheintherapie: Wer sich klargemacht hat, daß die Landkarte nicht das Land ist, und mit seiner grauen Hirnrinde den Hirnstamm zügelt, darf ausziehen und am eigenen Beispiel beweisen. daß die tendenzielle Proletarisierung des Kleinbürgerturns für ihn selbst nicht gilt.
Hubbard sieht den Kleinbürger durch seine Engramme, insbesondere solche aus vorgeburtlicher Zeit, gefährdet. Das „Kind im Mutterleib, wie es durch den Geschlechtsakt der Eltern erschreckt wird, den es im Orgasmus der Mutter als Flamme und Gewalt auffaßt” - dieser „Gedanke, wie ihn L. Ron Hubbard in den fünfziger Jahren mit seinem exzentrischen Kult der ,Dianetik‘ plump ausgebeutet hat” (G. Legman (80)), offenbart dieselbe Pseudodialektik wie Koszybskis kulturell-neurologischer Ansatz. Ins Unterbewußtsein eingebrannte Schockerlebnisse des fetalen Lebens sollen die kleinbürgerliche Problematik ausmachen. Korzybskis und Hubbards Popularität reicht bis in den Underground. Noch beliebter ist ein Dritter, der die beiden anderen Sektierer an Radikalität der Ätiologie und Therapie weit übertrifft: Wilhelm Reich, der „Vater wahrer Romantik” (M. McClure (81)). Durch sein Medizinstudium geschult, kann Reich geschicktere Pseudowissenschaft treiben als Korzybski und Hubbard; er macht den funktionellen Antagonismus zwischen den beiden Anteilen des vegetativen Nervensystems, Sympathikus und Parasympathikus, zum alles erklärenden Widerspruch unserer Zeit, wobei der Sympathikus als krebserzeugend, faschismusfördernd, orgasmustötend usw., der Parasympathikus als sein genaues Gegenteil, nämlich gesundmachend, humanisierend, versinnlichend usw. hingestellt wird.
Als weitere und entscheidende Macht tritt die sog. Orgonenergie hinzu, die in Bergluft, Seesand und gesunden Organismen vorhanden sein und das Vegetativum zugunsten des Parasympathikus beeinflussen soll. Menschen, denen es an dieser Energie gebricht. müssen sich einer Bestrahlung unterziehen, um wieder krebsfrei, menschlich und potent zu werden. Da also der Sympathikus das Üble im Kapitalismus, der Parasympathikus hingegen die lustvolle Welt des untergegangenen Matriarchats und zugleich die Segnungen des Kommunismus vertritt, muß die Organenergie wohl die revolutionäre Gewalt symbolisieren, die die bürgerliche Gesellschaft überwindet.
Mit biologistisch er Einseitigkeit begreift Reich den Kapitalismus lediglich als medizinisches Problem. Der Mediziner William S. Burroughs denkt ähnlich, vertritt auch Standpunkte, die den Auffassungen von Korzybski und Hubbard vergleichbar sind. Seiner Meinung nach bestel1t das Problem unserer Kultur in der Reflexkonditionierung durch die Massenmedien. In einem Aufsatz über William Burroughs befleißigen sich R. C. Camphausen und W. Winter der Stimme ihres Herrn:
„der kontrollkalender der neuzeitlich en priester ist der apparat der massenmedien.” (82)
„der sturz der bestehenden ordnung beginnt mit dem sturz deiner selbst, deiner anerzogenen gewohnheiten, deiner automatischen reaktion aufworte und bilder, deiner augen, deiner sprache.” (83) Die “neuzeitlichen priester” sorgen also mit dem „apparat der massenmedien” für die Aufrechterhaltung der “bestehenden ordnung”. Wer sind aber diese „priester”? Wessen Interessen vertreten si e? Burroughs’ Antwort: Hinter Massenmedien und Priestern steht „DER SENDER”.
“DER SENDER ist keine menschliche Persönlichkeit „Es ist DER MENSCHLICHE VIRUS. (…) Das gesprungene Bild des Menschen offenbart sich Zelle für Zelle, in jeder Minute … Armut, Haß. Krieg, Polizei - Verbrecher, Bürokratie, kranke Gehirne, alles Symptome des MENSCHLICHEN VIRUS. Der Menschliche Virus kann heutzutage isoliert und bekämpft werden.” (84)
Diese eindringliche Darlegung in NAKED LUNCH ergänzt Burroughs andernorts mit praktischen Ratschlägen:
„DEKONDITIONIERUNG BEFREIUNG VON KONDITIONIERENDEN SIGNALEN DES KONTROLLSYSTEMS KÖNNTE GESCHEHEN . . .
IN TRAININGSZENTREN KARATE JUDO UND AIKIDO ZUR KORPERBEHERRSCHUNG ZEHN ATEMÜBUNGEN ZUR STABILISIERUNG DES INNEREN GLEICHGEWICHTS
ISOLATIONSÜBUNGEN IN SCIIALLDICHTEN VERDUNKELTEN RÄUMEN
REORIENT IERUNG DER SINNESORGANE IN SCHALLDICHTEN VERDUNKELTEN RÄUMEN
REORIENTIERUNG DER S INNESORGANE DURCH AUFENTHALTE IN BASSINS MIT KÖRPERWARMEM WASSER IN VÖLLIGER DUNKELHEIT” (85)
Den Zeitgenossen, der nichts weiter ist als ein „PROGRAMMIERTES TONBANDGERÄT DAS AUFNIMMT UND WIEDERGIBT“ (86), mahnt Burroughs:
„FÜR DEN TRIP IN DEN RAUM, DEN WELTRAUM EBENSO WIE DEN INNENRAUM DES BEWUSSTSEINS MUSST DU DEN GANZEN VERBALEN SCHMAND HINTER DIR LASSEN. DAS GANZE GESCHWAFEL VON GOTT VATERLAND LIEBE MUTTER PARTEI USW. DU MUSST LERNEN OHNE RELIGION O HNE LAND UND OHNE VERBÜNDETE ZU LEBEN. DU MUSST LERNEN ALLEIN ZU LEBEN IN VÖLLIGER STILLE.” (87)
„WENN DIE VERSUCHSPERSON GELEHRT WER DEN KANN, ALPHAHIRNWELLEN ZU AKTIVIEREN, DIE JA MIT EINEM SEHR ENTSPANNTEN UND AUSGEGLICHENEN ZUSTAND ASSOZIIERT SIND. UND NACH EINIGEM TRAINING DIESEN ZUSTAND ZU HALTEN UND ENTSPRECHEND DIE HERZTÄTIGKEIT ZU KONTROLLIEREN UND DEN BLUTDRUCK ZU SENKEN/DANN HAT MAN EINE BEWUSSTSEINSVERÄNDERNDE METHODE DIE UNABHÄNGIG IST VON DROGEN UND CHEMIKALIEN . . . “ (88)
Das sind nach Meinung der Burroughs -Adepten R. C. Camphausen und W. Winter “präzise anregungen zu einer neuorientierung des bewußts ins, ohne die der sturz und die überwindung der bestehenden ordnung nicht möglich ist. ( …) burroughs schreibt für und über die revolution des bewußtseins und der gesellschaft; wer das nicht versteht, hat nichts verstanden.” (89)
Burroughs’ Ausgangspunkt ist, ebenso wie der Korzybskis, Hubbards und Reichs, die kleinbürgerliche Verunsicherung. Mit Korzybski verbindet ihn das Mißtrauen gegenüber dem „VERBALEN SCHMAND”, mit Hubbard die Furcht vor „KONDITIONIERENDEN SIGNALEN”, mit Reich schließlich der Mythos des „MENSCHLICHEN VIRUS”. Burroughs' Therapie bildet die konsequente Verlängerung der sektiererischen Kulturkritik; die setzt sich zusammen aus fernöstlichen Praktiken und Leihgaben des sog. autogenen Trainings von J. H. Schultz (90).
Kritisch, womöglich aufklärerisch hätte Burroughs' Ansatz sein können, wenn er sich auf Medienkritik beschränkt hätte. Aber Burroughs' Medienkritik gerät zum Unfug, wenn sie nach Meinung des Autors im Zeitalters der Massenmedien die einzig mögliche Systemkritik sein soll. Folgerichtig sieht Burroughs nur in „DEKONOITIONIERUNG” und cut up Chancen, das System zu stürzen. „DEKONDITIONIERUNG” verlangt Löschung der Reflexbögen, auf denen die Botschaft der Medien die Auslösung von Emotionen erreicht. Ein Beispiel für cut up gibt Burroughs in DIE UNSICHTBARE GENERATION: Man nehme „eine auswahl der häßlichsten dümmsten gemeinsten und entartetsten töne'' (91) auf Tonband auf, kombiniere die häßlichen Bänder miteinander, erhöhe oder verlangsame die Geschwindigkeit der Wiedergabe, lasse das Band rückwärts laufen. Das Resultat: „je häufiger sie die bänderdurchlaufen lassen und miteinander kombinieren desto machtloser werden sie”.(92)
Falls jemand direkte politische Aktion bevorzugt, rät Burroughs ihm: „tragen sie ihre geräte mit aufnahmen von aufständen auf die straße“. (93) Freilich dürfte eine solche Praxis nicht mit Burroughs' Auffassung von der Isolierung und Bekämpfung des „MENSCHLICHEN VIRUS” übereinstimmen, weil sie die Macht der Medien ausnutzt, statt sie zu brechen. Gerade das Beispiel des Aufstands, der all ein durch das Abspielen von Tonbändern entfacht wird, bringt Burroughs Kulturkritik auf den Punkt und entlarvt sie gleichzeitig als idealistisch. Nicht die ökonomische Basis, sondern ihr kultureller Überbau beherrscht nach Burroughs die Gesellschaft. Von Kind an zur reflektorischen emotionalen Beantwortung von Schlüsselreizen der Massenmedien abgerichtet, sollen die Individuen des Kapitalismus nichts weiter als lebenslängliche Pawlow'sche Hunde sein, denen Radio und Fernsehen den systemhaltenden Speichel ins Maul treiben.
Indem Burroughs die vulgärphysiologische Reflexknechtung der Menschheit von ihrer ökonomischen Basis abstrahiert, vermag er nur mit Mystik zu antworten, wenn die Frage nach den Nutznießern der Manipulation sich stellt. „DER SENDER” ist „DER MENSCHLICHE VIRUS”.
Die biologistische Metapher stimmt mit der Reflexologie des Elends, aus der Burroughs seine Kulturkritik nimmt, und seinem revolutionären body building der Dekonditionierung ideologisch überein: Die Wurzel allen Übels sei die Dressierbarkeit des menschlichen Nervensystems, die in den Massenmedien ihren Dr. Caligari gefunden habe; einzige Lösung könne die Umdressur zur Selbstdressierung sein, die in „TRAININGSZENTREN” stattfinden und zum Erlernen eines Lebens „IN VÖLLIGER STILLE” führen müsse.
Burroughs' Medienfetischismus ist, trotz des umgekehrten Vorzeichens, dem eines Marshall McLuhan verwandt. Während McLuhans globales Dorf eher dem Idiotismus des Landlebens (Marx) als der kommunistischen Zukunftsgesellschaft nahekommt. wirkt Burroughs' dekonditioniertes Individuum, das gelernt hat, „ALLEIN ZU LEBEN IN VÖLLIGER STILLE”, weniger wie ein freies Individuum in einer freien Gesellschaft, sondern vielmehr ein Absprengsel des zugrundegehenden Kapitalismus.
Reflexangst und Medienhorror lassen Burrougs statt klassenkämpferischer Gesinnung die „ALPHAHIRNWELLEN” aktivieren, statt der Kontrolle der Volkswirtschaft die von „HERZTÄTIGKEIT” und „BLUTDRUCK” wünschenswert erscheinen.
Ohne jeden kritischen Anschein propagiert Michael McClure in REVOLTE ähnliche Zielsetzungen. Kernsatz seines narzißtisch-unpolitischen Programms ist der Aufruf: „Die Verleugnung des Ichs durch das Universum muß mit allen Mitteln möglichst spontan bekämpft werden.” (94) Wir übersetzen, daß spätkapitalistische Entfremdung den Kleinbürger auf die Beschäftigung mit dem eigenen Körper zurückwirft.
„Die REVOLTE ist das ständige Erneuern des Körper-Selbstbildes, bis Identität mit dem Geist erreicht ist. (…) Schließlich ist die Konkretisierung erreicht; wir sind schön.” (95)
„Die perfekte Kondition auf ihrem Höhepunkt ist gefährlich. Ein solcher Zustand ist nicht stabil und kennt keine Ruhestellung. Da eine Veränderung zum Besseren unmöglich ist, ist die Alternative nur ein Schlechter-Werden. Aus diesem Grund ist es vorteilhaft. diesen Spitzenzustand möglichst schnell wieder abzubauen, damit der Körper neu darangehen kann, sich wieder aufzubauen.” (96)
Ob karrieristischer drive wie bei Korzybski und Hubbard oder frustrierte Selbstversenkung - „gemeinsames kleinbürgerliches Charakteristikum ist die Tendenz, gesellschaftliche Probleme und ihre Lösung im eigenen Körper zu suchen und - scheinbar - zu finden.

7. Meermenschen und Kralbewohner

1983, ein Jahr, bevor George Orwells Antiutopie sich erfüllen kann, herrscht auf der Erde Krieg. Einen Mann und seine Freundin drängt es ins Meer; sie wollen „nicht sterben, sondern im Ozean wiedergeboren werden”. Die Maschine, die sie gebaut haben, soll sie auf den Meeresgrund bringen und in Meermenschen verwandeln. Der Plan gelingt; die frischgebackenen Kiemenatmer streben dem versunkenen Atlantis entgegen …
James Maurice Hendrix, berühmter Rockstar und verhinderter Science Fiction-Autor, schrieb Texte diesen Inhalts in seinen Stücken 1983 - A MERMAN I SHOULD TURN TO BE und MOON TURN THE TIDES … GENTLV GENTLY AWAY. (97) Herbert W. Franke läßt seinen Roman DER ELFENBEINTURM ähnlich enden: Die Querulanten einer hoch technisierten, durchreglementiertcn Erde finden ihre Erlösung auf einer Wasserwelt, indem sie aus den Menschenleibern schlüpfen und Fischgestalt annehmen.
Es überrascht zunächst, wenn Hendrix gerade von einer Maschine den Zugang zum natürlichen Lehen eröffnen läßt. Diese scheinbare Paradoxie findet sich aber schon in den nicht eben seltenen Science Fiction-Romanen, deren Protagonisten mit der Zeitmaschine aus dem Reißwolf der Zivilisation ins prähistorische Paradies entweichen. Auch Mashall McLuhans Vorstellung, daß die Massenmedien die Welt zum Kral verwandeln und die Menschheit wieder zum Stamm vereinigen würden, zeigt Verwandtschaft mit Hendrix' Fabel. Und ebenso wie bei Mc Luhan durch den Zauber besonderer Produktionsmittel die Problematik der Produktionsmittel schlechthin verschwindet. scheinen bei Leary besondere Waren, nämlich die psychodelischen Drogen den Teufelskreis kapitalistischer Warenzirkulation auf geheimnisvolle Weise aufzulösen.
Die Idee, daß göttliche Maschinen und Waren dem Maschinen- und Warenzeitalter kraft ihrer Ausstrahlung ein Ende setzen, kapitalistisches environment in natürliche Umgebung verwandeln und die zwischenmenschliche Entfremdung zur Eintracht der großen Familie werden lassen, hat gerade soviel Dialektik, um als ungenügende Adaptation dialektisch-materialistischer Vorstellungen zu erscheinen.
Unter dem Begriff der Negation der Negation erläutert Engels (98), daß der Mensch erst mit nahezu vollkommener Beherrschung der Natur seine Entfremdung von der Natur aufheben könne, um sich ihr - auf ungleich höherer Stufe als das Tier - wieder einzugliedern. Die Negation bestand in der Emanzipation des prähistorischen Menschen von der Natur; wird sie ihrerseits negiert, bedeutet das die erneute, aber qualitativ verschiedene Vereinigung mit der Natur.
Nun ist die Rede von der Beherrschung der Natur im dialektischen Materialismus kein Abstraktum; vielmehr sieht Engels wissenschaftlich-technischen Fortschritt als Funktion der Gesellschaftsordnung und läßt keinen Zweifel daran, daß jene Wiedervereinigung mit der Natur, die für den Kleinbürger soviel mystische Erlösungskraft auszustrahlen scheint, frühestens nach dem Sturz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung erreicht werden kann.
Der psychodelischen Ideologie liegt es näher, das Heil gerade im Verzicht auf Wissenschaft und Technik zu suchen, deren gesellschaftliche Beherrschung erst zur Aufhebung des Widerspruchs zwischen Mensch und Natur führen kann. Hendrix verblüfft mit einer Maschine, die nicht den Stand des historischen Verhältnisses zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen spiegelt, sondern - von den Flüchtenden selbst gebaut - Vehikel des Eskapismus in einer Welt sein soll, deren Widersprüchlichkeit von Hendrix mit der dumpfen Metapher kriegerischer Verstrickungen angedeutet wird. McLuhan entzieht die Massenmedien ihrer ökonomischen Basis, während Leary die Droge weniger als kapitalistische Ware, eher als Ding an sich begreifen will.
Hendrix, McLuhan, Leary und viele ungenannte Underground-Ideologen wollen die Negation der Negation um einen entscheidenden Schritt zu früh vollziehen. Die Wiedervereinigung mit der Natur soll nicht der sozialistischen Revolution folgen, sondern ihr Ersatz sein. Die Rückbesinnung auf Altes im Spätkapitalismus ist nicht Negation der Negation, sondern Ideologie, Natur- und Seelensinnigkeit in der bürgerlichen Gesellschaft wird zum idealistischen Unfug, weil ihr die materielle Basis der Beherrschung der Natur fehlt, die erst nach Lösung des Widerspruchs zwischen Produktionsmitteln und Produktionsverhältnissen gegeben sein kann.
So erscheinen Hendrix’ Wasserwelt, McLuhans globales Dorf und Learys sinnenfreudiger Stamm nicht als Antizipation der besseren Welt, sondern als beschönigende Umschreibungen spätkapitalistischer Entwicklung. Hendrix' Ozeanik, McLuhans erdumspannender Familiensinn und Learys naturverbundene Psychodelik mögen, in unwissentlicher Antizipation spätkapitalistischer ideologischer Neuerungen, die subjektive Seite eines Prozesses schildern, dessen objektive Funktion die Autoren nicht begreifen können: Zum Meermenschen wird gemacht, wer an Land gefährlich scheint; globale Menschheitsverbrüderung und Gleichheit aller vor den Medien sind nützliche Worte. wenn der Arbeitsfrieden bedroht ist; auf den Trip müssen alle geschickt werden, deren Amoklauf man fürchtet. So ist denn der Weg zurück zur Natur solange ein kleinbürgerlicher Drahtseilakt. der auf dem festen Boden spätkapitalistischer Entpolitisierung endet, wie ihm nicht die proletarische Revolution vorausgesetzt wird.


1) Erich Fromm/D. T . Suzuki/R. de Martino: ZEN-BUDDHISMUS UND PSYCHOANALYSE (Zen Buddhism and Psychoanalysis), Suhrkamp-Taschenbuch 37
2) Arnold Künzli: WIDER DEN PARZIVAL-SOZIALISMUS, S. 58, in: MARX UND DIE REVOLUTION, Edition Suhrkamp Bd 430
3) Jürgen Habermas: BEDINGUNGEN FÜR EINE REVOLUTIONIERUNG SPÄTKAPITALISTISCHER GESELLSCHAFTSSYSTEME, S. 29, in: MARX UND DIE REVOLUTION, s. 2)
4) Walter Rüegg: SOZIOLOGIE, Fischer-Taschenbuch 1031
5) Tuli Kupferberg: WENN DIE MUSIK SICH ÄNDE RT, ZITTERN DIE MAUERN DER STADT (When the Mode of the Music Changes, the Walls of the City Shake), S.128, in: ACID · NEUE AMERIKANISCHE SZENE, herausgegeben von R. D. Brinkmann & R. R. Rygulla, März-Verlag
6) Arnold Gehlen : DIE SEELE IM TECHNISCHEN ZEITALTER, Rowohlts Deutsche Enzyklöpadie Bd. 53
7) Marshall McLuhan: THE MECHANICAL BRIDE ·FOLKLOREOF INDUSTRIAL MAN, Vanguard Press
8) G. E. Stearn (Her.): MCLUHAN ·FÜR UND WIDER (McLuhan: Hot and cool), Econ-Verlag
9) Gershon Legman: DER UNANSTÄNDIGE WITZ (Rationale of the dirty Joke) S. 33, Verlag Hoffmann & Campe
10) W. F. Haug: ZUR KRITIK DER WARENÄSTHETIK, S. 156 in: KURSBUCH 20, herausgegeben von H. M Enzensberger, Suhrkamp-Verlag
11) Pascual Jordan: DER NATURWISSENSCHAFTLER VOR DER RELIGIÖSEN FRAGE, Stalling-Verlag SCHÖPFUNG UND GEHEIMNIS, Stalling-Verlag
12) s. 11 ): DER NATURWISSENSCHAFTLER VOR DER RELIGIÖSEN FRAGE
13) W. D. Keidel: PRINZIPIEN BIOLOGISCHER REGELUNG, S. 10, in: KURZGEFASSTES LEHRBUCH DER PH YSIOLOGIE, Herausgeber ders., Thieme-Verlag
14) s. 11)
15) L. Pauwels & J. Bergier: DER PLANET DER UNMÖGLICHEN MÖGLICHKEITEN, S. 50f, Scherz-Verlag
16) Aniela Jaffe: AUS LEBEN UND WERKSTATT VON C.G. JUNG, S. 27ft, Rascher-Verlag
17) Konrad Lorenz: DAS SOGENANNTE BÖSE, Verlag Dr. G. Borotha.Schoeler
18) Hans Hass: ENERGON. DAS VERBORGENE GEMEINSAME, Melden-Verlag
19) Jacques Monod: ZUFALL UND NOTWENDIGKEIT (L'Hasard et la Necessite). Piper-Verlag
20) C. G. Jung: BEWUSSTES UND UNBEWUSSTES, S. 11 ff, Fischer-Taschenbuch 175 (vgl. auch 16))
21) Timothy Leary: POLITIK DER EKSTASE (The Politics of Ecstasy), S. 53, Wegner-Verlag
22) Robert Silverberg: FLUCHT AUS DER ZUKUNFT (The Time-Hoppers) S. 79, Terra-Taschenbuch 145, MoewigVerlag
23) Jean Fourastie: 01 E 40.000 STUNDEN (Les 40.000 Heures), Econ-Verlag
24) B. de Jouvenel; wiedergegeben nach : Arnold Buchholz, DIE GROSSE TRANSFORMATION, S. 107, Deutsche Verlagsanstalt
25) s. z. B. Leslie Fiedler : LIEBE, SEXUALITÄT UND TOD (Love and Death in the American Novel), Propyläen-Verlag
26) ders.: DIE NEUEN MUTANTEN (The new Mutants), S. 20, in ACID, s. 5)
27) a. a. 0 ., S. 23
28) a. a. 0 ., S. 30
29) John Brunner: TRÄUMENDE ERDE (The Dreaming Earth),
Pabei-Taschenbuch 302
30) vgl. POLITISCHE ÖKONOMIE BD. I, S. 186ft, Zentraler
Arbeiterverlag
31) Victor Tausk: ÜBER DIE ENTSTEHUNG DES .. BEEINFLUSSUNGSAPPARATES"
IN DER SCHIZOPHRENIE, in: ZEITSCHRIFT FÜR ÄRZTLICHE PSYCHOANALY SEV/1
32) Wilhelm Reich: DIE FUNKTION DES ORGASMUS. DIE ENTDECKUNG DES ORGONS (The Function of the Orgasm. The Discovery of the Orgone, Vol. 1), S. 51, Verlag Kiepenheuer & Witsch
33) s. 9), s. 388
34) Arthur Koestler/J.R. Smythies (Her.): DAS NEUE MENSCHENBILD (Beyond Reductionism), S. 336ft, Maiden Verlag
35) vgl. z. B. IZRU: ZUM PROBLEM WIDERSTÄNDE, DIE SICH DER PRAKTISCHEN KRITIK ENTGEGENSTELLEN WENN DIE WIDERSPRÜCHE DES SYSTEMS KRANKHEIT/KAPITALISMUS/KNAST DURCH DIE PATIENTENSELBSTORGANISATION ENTFALTET WERDEN, in: KURSBUCH 28, herausgegeben von H.M. Enzensberger und K. M Michel, Kursbuch-Verlag/ Wagenbach
36) s. 3), S. 32
37) s.21).S. 215
38) a. a. 0., S. 200
39) a. a. 0 ., S. 211
40) a. a. 0 ., S. 184
41) a. a. 0 ., S. 57
42) a. a. 0., S. 20
43) a. a. 0., S. 217
44) a.a.O.,S.214
45) a. a. 0., S. 121
46) a. a. 0., S 115
47) a. a. 0., S. 45
48) a. a. 0., S. 45
49) a. a. 0 ., S. 119
50) Pater Staftord: RAUSCH, ROCK UND REVOLUTION (Acid, Rock and Revolution) , in: ACID, s. 5)
51) a. a. 0., S. 134
52) a. a. 0 ., S. 140
53) vgl. Herman Kahn: ESKALATION (On Escalation), Ullstein-Taschenbuch 2792 H. M Enzensberger: POLITIK UND VERBRECHEN, S. 23ft, 36f, Suhrkamp-Verlag s. 15), s. 235f
54) s.50),S.135
55) a. a. 0., S. 136
56) a. a. 0., S. 139
57) s.21),S.210
58) Robert Heinlein : EIN MANN IN EINER FREMDEN WELT (Stranger in a strange Land), Heyne-SF 3170- 72
59) vgl. z. B. Hans Dominik: LAND AUS FEUER UND WASSER, Heyne-SF-Classics 3703; DER WETTFLUG DER NATIONEN, Heyne SF-Ciassics 3701
60) s. 21 ), s. 210
61) vgl. z. B. den Jahrgang 1969 des englischen Underground-Magazins GANDALF'S GARDEN
62) s. 21). s. 70f
63) C. G. Jung: EIN MODERNER MYTHOS. VON DINGEN, DIE AM HIMMEL GESCHEHEN, Rascher-Verlag
64) s. 32), s. 202
65) William S. Burroughs: THE NAKED LUNCH, S. 162, LimesVerlag
66) vgl. Friedrich Engels: HERRNEUGEN DÜHRINGS UMWÄLZUNG DER WISSENSCHAFT (..ANTI -DÜHRING"), DietzVerlag
67) vgl. W. 0 . Keidel: INFORMATIONSVERARBEITUNG in: s. 13)
68) s. 26), s. 31
69) Ronald Stecke!: BEWUSSTSEINSERWEITERNDE DROGEN, S. 47, Voltaire Handbuch 6
70) Michael McCiure: REVOLTE (Revoltl, S. 219, in: ACID, s. 5)
71 ) a. a. 0 ., S. 226
72) s.21),S. 185
73) a.a.O.,S.113
74) Marx/Engels-Gesamtausgabe, Bd. XII, S. 3f
75) s.21l,S.105
77) a. a. 0., S. 67
78) vgl . OE R SPIEGEL 1/73, S. 46 (..München 53 12 71")
79) vgl. A. E. van Vogt: WELT DER NULL-A (World of Null-Al, Heyne-SF 3117; KOSMISCHER SCHACHZUG (The Pawns of Null-Al, Heyne-SF 3119
80) s. 9), s. 384
81) s. 70),S. 21 9
82) R. C. Camphausen & W. Winter: WILLIAM BURROUGHS, in SFT 126, S. 58
83) a. a. 0., S. 59
84) s.65),S.162
85) William Burroughs, zitiert nach 82), S. 62
86) a. a. 0 ., S. 60
87) a. a. 0., S. 60f
88) a. a. 0 ., S. 63
89) Camphausen & Winter, a. a. 0., S. 63
90) J. H. Schultz: DAS AUTOGENE TRAINING, Thieme-Verlag
91) William Burroughs: DIE UNSICHTBARE GENERATION (The invisible Generation). S. 172, in: ACID, s. 5)
92) a. a. 0 ., S.174
93) a. a. 0 ., S. 172
94) s. 70). s. 224
95) a. a. 0., S. 223
96) a. a. 0., S. 226
97) The Jimi Hendrix Experience : ELECTRIC LADYLAND, S. C 2/3, Track Records 613 008/9
98) s. 66), S. 120 ff