Der kosmische Pfannenschwenker: E.E. „Doc“ Smith

Erstveröffentlichung von Werner Fuchs / Lothar Powitz in SFT 138/1976

II . DIE WELTEN DES E.E. Smith

A) Facts

Der Skylark-Zyklus:

1) THE SKYLARK OF SPACE (3-teiliger Fortsetzungsroman in Amazing Stories 8/28-10/28; dt. Ausgabe: GEHEIMFORMEL OX 47 R, erschienen als Der Weltraumfahrer 1, als Nachdruck in Moewigs Terra 332 und als Neuübersetzung, Erscheinen 1976, bei Heyne.

2) SKYLARK THREE (3 Teile, Amazing Stories 8/30- 10/30; dt. als Terra 332 und als Neuübersetzung 1976 bei Heyne) unter dem Titel AUS DEN TIEFEN DES ALLS

3) THE SKYLARK OF VALERON (7 Teile, Astaunding Science Fiction 8/34-2/35; dt. als Terra 338/39 unter dem Titel: IM JENSEITS VERSCHOLLEN, Neuübersetzung 1976 bei Beyne.

4) SKYLARK DUQUESNE (5 Teile, Worlds of If 6/65-10/ 65; wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt)

Der Lensmen-Zyklus

1) GALACTIC PATROL (6 Teile, Astaunding Science Fiction 9/37- 2/38; als GALAKTISCHE PATROUILLE 1969 bei Heyne, Bd. 3708/09

2) GREY LENSMEN (4 Teile, Astaunding Science Fiction 10/39-1/40; als DIE GRAUEN HERRSCHER 1969 bei Heyne, Bd. 3710/11)

3) SECOND STAGE LENSMEN (4 Teile, Astaunding Science Fiction 11/41-2/42; als DAS ZWEITE IMPERIUM 1969 bei Heyne, Bd. 3715/14

4) CHILDREN OF THE LENS (4 Teile, Astaunding Science Fiction 11/47- 2/48; als DAS ERBE DER LENS 1969 bei Heyne Bd. 3716/17

dazu kommen noch:

5) TRIPLANETARY (4 Teile, Amazing Stories 1/34-4/34; als DIE PLANETENBASIS 1969 bei Heyne, Bd. 3704)

6) THE FIRST LENSMEN (Fantasy House 1950; als DIE ERSTEN LENSMEN 1969 bei Heyne, Bd. 3705)

hierbei ist anzumerken, daß alle Romane von Smith Anfang der 50er Jahre von Fantasy House nachgedruckt wurden. Den vier Kernromanen der Serie stellte Smith, mit dem geringfügig erweiterten, früher erschienenen TRIPLANETARY, sowie dem neugeschriebenen THE FIRST LENSMEN, zwei weitere Romane voran.

Weiterhin spielen noch drei Stories im Lensmen-Universum:

THE VORTEX BLASTER (Comet-Stories 7/41)

STORM CLOUD ON DEKA (Astonishing Stories (6/42)

THE VORTEX BLASTER MAKES WAR (Astonishing Stories 10/42)

zusammengefaßt zu THE VORTEX BLASTER, Fantasy House, 1950 und dt. als DER WIRBELTÖTER bei Moewig, Terra Nova 68/69.

Die deutschen Erstausgaben aller Lensmen-Bände erschienen im Bolowa Verlag/Balve als Leihbücher 1960/61. Nachdruck i.d. Terra-Reihe.

Der Skylark-Zyklus bei Moewig erschien in stark gekürzter Form, insbesondere der erste Band, GEHEIMFORMEL QX 47 R, (zuerst bei Semrau erschienen), im Original 90.000 Wörter lang, ist mindestens um die Hälfte gekürzt, die folgenden Zwei Doppelbände um 30%. Wenig bekannt ist auch, daß der erste Skylark-Roman in Zusammenarbeit mit der Frau eines alten Klassenkameraden, Lee Hawkins Garby schon während des Ersten Weltkriegs geschrieben wurde.

 

B) Die Stellung Edward Elmer Smiths Ph.D. innerhalb der SF

E. E. "Doc" Smiths Stellung innerhalb der SF ist einzigartig . Ist Hugo Gernsback die Vaterfigur der SF auf publizistischem Gebiet, so muß man unter den Autoren Smith an erster Stelle nennen, wenn es darum geht, ein "literarisches" Pendant zum publizistischen zu finden. Kein anderer Schreiber hat die SF über lange Jahre hinweg so nachhaltig beeinflußt wie gerade er - es sei denn Robert A. Heinlein - und auch keiner hat so viel zu ihrem schlechten Ruf beigetragen.

Einhellig wird er von den amerikanischen Fans alter Schule über den grünen Klee gelobt, schrieben doch Ron Ellik und Bill Evans ein Buch über ihn, worin nur Namen, Dinge und Ereignisse aus seinen beiden großen Zyklen in lexikalischer Form Erwähnung finden, (24) Auch in der nur spärlich vorhandenen Kritik zur SF-Literatur setzt man sich selten wirklich mit dem Werk Smiths auseinander, viel eher ergießt man sich in nichtssagenden Aufzählungen oder Lobhudeleien. Daher blieb sein Mythos jahrzehntelang nahezu unangetastet und als Smith 1965, im Alter von 75 Jahren, starb, war er so eine Art Halbgott der SF, mit Ehren überhäuft und von allen "aufrechten SF-Fans" geliebt. Sein posthum erschienener Roman SKYLARK DUQUESNE wurde gar 1966 für den HUGO nominiert, obwohl ganz offensichtlich war, daß hiermit ein Stück reiner Anachronismus vorlag. (25) Der amerikanische Fan und Kritiker Sam Moskowitz nennt Smith die erste Nova in der SF. Dieses Prädikat verleiht er ihm aufgrund der Tatsache, daß die ersten Romane von Smith, besonders die .ersten drei Skylark-Romane, eine Sensation waren und unter SF -Lesern wahre Begeisterungsstürme hervorriefen. (26)

Smith war einer der ersten SF-Autoren, der die Grenzen des Sonnensystems überschritt. Die Romanhandlungen spielen im interstellaren Raum oder auf fernen Planeten anderer Sonnen. Smith kann man deshalb ohne weiteres als den "Erfinder" der Space Opera bezeichnen, jener Untergruppe der Science Fiction also, die interstellare Abenteuer, zumeist von Raumschiffbesatzungen, zum Thema hat und die hierzulande lange Zeit mit der SF im Allgemeinen gleichgesetzt wurde und von den Perry-Rhodan-Autoren wohl immer noch wird.

Insgesamt schrieb Smith 13 Romane, aber nur ganz wenige Stories, die offenbar nicht geeignet waren, "Doc" Smiths Welten in adäquater Fülle wiederzugeben.

Aufbau

Der Aufbau beider Zyklen (Vortex Blaster kann man dem Lensmen-Zyklus zurechnen) ist nahezu identisch, es wird lediglich von anderen Voraussetzungen ausgegangen.

Skylark: Richard Seaton, der Held der Serie, macht eine unglaubliche Entdeckung: Eine bestimmte chemische Lösung setzt ungeheure Energien frei. Mit Hilfe seines Freundes, dem Millionär Martin Crane, beginnt er mit der Ausschöpfung der wichtigsten Möglichkeit, den diese Lösung birgt: dem Überlichtflug. Mit dem Raumschiff Skylark stoßen sie in die Weiten des interstellaren Raumes vor, besuchen fremde Planeten, bieten sympathischen Fremdrassen ihre Hilfe an, vernichten unsympathische usw. Dabei werden sie laufend von ihrem Hauptwidersacher, Mare C. DuQuesne, dem Schurken der Serie, hart bedrängt. Von Roman zu Roman wird das Ganze gigantomanischer, immer grausamere Fremdrassen tauchen auf und auch die freundlich gesinnten werden immer höher entwickelt geschildert.

Lensmen:

Seit Urzeiten kämpfen zwei Superrassen um die Vorherrschaft im Universum, Arisia und Eddore, für Smith Verkörperungen von Gut und Böse. Um Eddore zu schlagen, setzen die Arisier eine galaktische Polizeitruppe ein - die Lensmen, Diese Lensmen, es handelt sich dabei um ausgesuchte und bei den Hauptfiguren um herausgezüchtete (!) Mitglieder galaktischer Rassen, bekämpfen die Eddorier bzw. deren Vasallentruppen, wobei ein Feind, wenn er geschlagen ist, einem noch böseren, mächtigeren und geheimnisvolleren Platz macht, Schließlich schlagen sich die Lensmen bis zu den Eddoriern durch und vernichten diese.

Das Schema ist klar: Die Handlung beider Serien entwickelt sich - trotz ihrer Länge - mit atemberaubender Geschwindigkeit. Lichtjahre schrumpfen zu einem Nichts zusammen, Planetenvölker werden wie Schachfiguren eingesetzt, Gut und Böse, Räuber und Gendarm stehen sich gegenüber, und um den Leser bei der Stange zu halten, um seinen "sense of wonder" nicht zu zerstören, steigert Smith notwendigerweise alles ins Gigantische. Dazu kommt das "Schachtelprinzip", d.h. die Lüftung eines Geheimnisses bewirkt die Entdeckung eines noch größeren, das wiederum enträtselt werden muß usw., die Spannung steigt. Ganz genauso wird beispielsweise auch bei der Perry Rhodan-Serie verfahren

Gattung: Die Space Opera Smithscher Prägung stellt - wie ähnliche zeitgenössische Reihen oder Einzelromane (siehe Hamilton, Williamson, Neil R. Jones u.a.m.) - eigentlich nichts anderes dar, als ins Weltall verlagerte Abenteuer- Geschichten, für die durch den phantastischen Gehalt die Voraussetzung geschaffen wurde. Gelegentlich sind klare Anklänge an Wildwest-, Kriminal-, Spionage-, Agentenroman und den Historischen Roman gegeben, letzteres besonders im Hinblick auf DuQuesne, der den klassischen Bösewicht mit Ehrgefühl darstellt. Kriminalistische bzw. Einflüsse des Agentenromans lassen sich in den Lensmen-Romanen feststellen. Smith mußte wohl eine panische Angst vor Unterwanderungen aller Art gehabt haben, ist doch ein Zentralproblem in diesen Romanen das der Identifikation. Keinem kann man trauen, sogar die engsten Freunde können Agenten einer fremden Macht sein. Selbst die besten Erkennungssymbole der Polizeiagenten wurden gefälscht. Deshalb führte Arisia mit der Lens (Linse) ein ultimates Erkennungssymbol für ihre Polizeitruppe ein. Nun sind die "Guten" einwandfrei gekennzeichnet.

Ganz deutlich wird die Affinität zum Western an einer Stelle im Vortex Blaster: "Und bis mein Arm wieder nachgewachsen ist, kann ich hier ein wenig üben. - Üben? Was denn?- Blitzschnell zu ziehen. Der nächste Pirat, der seine DeLameter zieht, wird nicht so leicht davonkommen," (27)

das zahlt sich aus:

"Bei ihrem Schrei rissen vier Centralier ihre Gewänder zur Seite und griffen mit freudigen Rufen nach ihren Hüftstrahlern, Doch sie freuten sich zu früh, Denn der echte Schnellschütze, früher wie heute, feuert nicht von der Hüfte, sondern aus dem Ärmel. Und so schnell die vier Männer waren, die Fairebild sich zusammengeholt hatte, Cloud war noch schneller."(28)

Ähnliche Szenen findet man auch in den Lensmen- und Skylark-Romanen. Alle Trivialgenres sind zu einem einzigen Schundkonglomerat verschmolzen. Ebensowenig wie die o.a. Genres, darf natürlich die schnulzige Romanze, der Piratenroman - im "Lensmen-Universum" wimmelt es von solchen - und der Schicksalsroman fehlen. Elemente des Letzteren werden besonders im Vortex Blaster gefeatured: Neal Cloud, der Protagonist, hat Frau und Kinder verloren und sagt deshalb dem interstellaren Verbrechertum den Kampf an. Das ist ein altbewährtes Klischee. Sofort erkennt der Leser: Neal Cloud sieht rot.

Wissenschaft und Technik: Bei den in Frage stehenden Roman handelt es sich durchweg um sogenannte super-science-stories, d. h. den wissenschaftlichen und technologischen Spinnereien sind praktisch keine Grenzen gesetzt, Die Technologie hat aufgrund wissenschaftlicher Errungenschaften solche Fortschritte gemacht, daß die Ergebnisse geradezu lächerlich wirken, da sie in keinerlei Verhältnis zum Aufwand stehen, noch sonst irgendwie logisch zu rechtfertigen wären, Überflüssig zu erwähnen, daß in der Space Opera - und hier wieder besonders bei Smith - von Hypothesen ausgegangen und mit einer Technologie geprotzt wird, die fast alle anderen Beschreibungen dieser Art in der SF in den Schatten stellt. Ist die Skylark, das Raumschiff Seatons und Crimes im Roman THE SKYLARK Of SPACE, noch eine Kugel von ca. 13m Durchmesser, so hat die Skylark Three, im Roman selben Titels, schon 500m Durchmesser, und die Skylark of Valeron durchmißt gar 1000 Kilometer!!! In ihr befinden sich Nachbildungen der Häuser Seatons und Cranes (damit bei der ganzen Geschichte nicht der Bezug zur Heimat verlorengeht) und eine künstliche Sonne beleuchtet im Inneren saftig grüne Hügel und Täler.(30)

Sam J. Lundwall bezeichnet die "wissenschaftlich- technologischen Extrapolationen" Smiths schlichtweg als idiotisch (31) und führt aus: "His exploitation of science is sheer madness, and is apt to give even the most indulgent reader headaches. It is however not the scientific validity that is central in E.E. Smiths space yarns ... It was the vision that was important not the loyality to accepted science." (32)

Allerdings fährt Lundwall nicht fort und erklärt was es mit der "vision", der visionären Kraft Smiths auf sich hat. Wenn man Smith schon die Tore zu dem großen Unbekannten, die Tore zum unendlichen Universum aufstoßen läßt, muß auch eine Beschreibung des Dahinterliegenden folgen. Lundwall weiß jedoch lediglich zu sagen, daß dort keine anerkannten Theorien (er meint wissenschaftliche Erkenntnisse) standhalten und die Unsicherheit maximal ist. (33) So visionär gebärdet sich Smith aber nicht. Die Spielregeln in seinem "unendlichen Universum" stellen sich als ganz und gar nicht unsicher heraus, sie fußen vielmehr auf althergebrachtem, reaktionärem Gedankengut. Hinter dem Sonnensystem ein Kosmos, erfüllt mit Klischeefiguren und -handlungen der bekannten Trivialgenres, wie oben schon ausgeführt.

Die "wissenschaftlich-technischen" Erläuterungen stellen aber in der Tat nur die exotische Kulisse  Vielfach werden technische Einzelheiten im Zusammenhang mit irgendwelchen Action-Szenen geschildert, oft macht sich Smith aber gar nicht die Mühe, seine Erfindungen zu erklären und weicht auf Formulierungen zurück wie, "... soll hier nicht erläutert werden." oder "... ist nicht bekannt". (34) Sicherlich will er damit verhindern, daß die Spannung darunter leidet, bestimmt wäre er aber auch damit überfordert. Naturwissenschaft und Technik, bzw. ihre Entwicklung, sind nicht wie z.B. bei Gernsback der zentrale Punkt der Handlung sondern nur noch Vehikel. Ein naives und infantiles Verständnis von Natur sowie naturwissenschaftlicher Forschung und Erkenntnis zeigt sich dann in den erwähnten gigantischen Übersteigerungen, die sozusagen nur noch um ihrer selbst willen vorgenommen werden, da Fortschritt anders nicht denkbar ist. (Ganz ähnliche Entwicklungen fand und findet man heute noch!! in Perry Rhodan und den entsprechenden Adaptionen!)

Auffallend ist, daß Smith trotz aller technischen Spielereien auf archaische Waffen zurückgreift. Barbarisch brutal ist eine Szene in GALAKTISCHE PATROUILLE, in der ein Enterkommando von Raumsoldaten, ausgerüstet mit einer Waffe, die niemals versagt - der Raumaxt, einer Mischung aus Kampfaxt, Morgenstern und Keule - ein Raumschiff erobert und die an Bord befindlichen Piraten niedermacht. (35)

Die Protagonisten: Ganz entsprechend seinen Übertreibungen auf technologischem Gebiet ist auch der Schreibstil Smiths: übersteigert, geschwollen und voller Pathos. Es ist ganz natürlich, wenn da die Hauptpersonen auch überzeichnet sind. Es gibt bei Smith nur extreme Charaktere. Seaton und Crane, die positiven Helden des Skylark-Zyklus, sind gute, edle Burschen, exzellente Wissenschaftler, die es verstehen, selbst die schwierigsten Probleme aus dem Weg zu räumen. Verglichen mit ihnen spielen die Frauen der beiden, Dorothy und Margaret, eine völlig untergeordnete Rolle. Sie sind nicht mehr als schmückendes Beiwerk, dürfen selbst keine wesentlichen Aktivitäten entwickeln, reden höchstens einmal Unsinn, um sich dann von ihren Männern belehren zu lassen. Von anderen Frauen erfährt man kaum, daß sie überhaupt existieren. Da Dorothy und Margaret, als die Gattinnen, den höchsten und wertvollsten Besitz der Helden darstellen, sind sie laufend irgendwelchen Gefährdungen ausgesetzt.

Dr. Mare C. "Blackie" DuQuesne tut sich da ganz besonders hervor. Er ist der große Gegenspieler Seatons und Cranes. Trotz seiner Antagonistenrolle ist er weitaus interessanter und plastischer geschildert als die Positivfiguren. Moskowitz ist gar der Meinung, er stehle die Schau. (36) Physisch ist DuQuesne stark, geistig dem genialen Haupthelden durchaus ebenbürtig, dabei völlig ohne Moral (37).

Wie die Skylark-Helden sind auch die Helden im Lensmen-Universum. Kimball Kinnison und Neal Cloud stellen den genialen Superhelden dar, mit gewaltigen Körperkräften und dem Gehirn einer Rechenmaschine, Kinnison ist der Auserwählte, d.h. der Beste unter 1 Mio Kandidaten für den Job als Lensman. Ohne Zweifel identifiziert sich Smith mit dieser Person. Die spätere Frau Kinnisons, Clarissa Mac Dougall, stellt Smiths Frau, eine geborene Mac Dougall, dar, die Kinder Kinnisons und Clarrissas, seine eigenen. Die Frauen der Helden im Lensmen-Universum stellen einen anderen Typus dar. Sie stehen ihren Männern an intellektuellen Fähigkeiten kaum nach und greifen auch aktiv ins Geschehen ein, augenscheinlich das Ergebnis der Zuchtwahl.

 

D) Ideo1ogie/Feindbild

Entscheidend in den Romanen Smiths ist seine politische Einstellung, die sich in seinem gesamten Werk niederschlägt. Genau hier fehlt die Kritik an Smith, sieht man einmal von wenigen Ausnahmen ab.

Alle seine Romane leben von dem Konflikt zwischen dem absolut Richtigen, Wahren und dem total Verwerflichen. Ist der Skylark-Zyklus noch vergleichsweise naiv und dumm konstruiert - Einzelpersonen stehen in bester Superheldenmanier einem ganzen Machtblock gegenüber. Ähnlich wie in einzelnen CF-Abenteuern, handelt es sich also um eine relativ hilflose und unbewußte Darstellung des metaphysischen Gut-Böse-Dualismus - so ist dieser in den Lensmen-Romanen ausgetüftelter dargestellt und bewußt zum alles beherrschenden nicht hinterfragbaren Prinzip erhoben. Beide Male tragen die Gegner, die es zu bekämpfen, gilt dieselben Merkmale.

DuQuesne und seine World Steel Corporation, die die Erde übernommen haben, sind kalt berechnend, skrupellos und offensichtlich "materialistisch" eingestellt. Alle ihre Handlungen sind nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet. Sie werden als Verbrechersyndikat präsentiert, dessen Ziel es ist, die Herrschaft über die Erde und schlußendlich über das ganze Universum zu gewinnen. Dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Sie bekämpfen sogar das Verbrechertum, um ihre Machtposition zu legitimieren, sich selbst einen sozialen Anstrich zu geben und im übrigen ihre Macht ungehindert ausüben zu können. (38)

Zwar gelangt die Erdbevölkerung dadurch zu einigem Wohlstand und zu sozialer Sicherheit, aber im Grunde herrschen natürlich "diktatorische" Zustände, was aber wiederum nur wenige erkennen können:

"Die World Steel Corporation beherrschte die ganze Erde, und DuQuesnes Macht war absolut. Bis jetzt war diese Herrschaft für die Untergebenen nicht ungebührlich lästig, es drohte kein Krieg mehr, die Tyrannei des Gangstertums war vorüber, jeder arbeitete zu hohen Löhnen - was sollte man klagen? Einige weitsichtige Männer entdeckten natürlich die Wahrheit und verkündeten sie, doch sie wurden von denselben Leuten niedergebrüllt, die sie warnen wollten." (39

Was ist hieran so schlimm? Die diktatorischen Zustände? Die aber bejubelt Smith bei anderen Kulturen, wie noch gezeigt wird.

Ähnlich nebulös erscheint der Gegner in den Lensmen-Bänden, die Eddorier. Waren die Arisier von einem Planeten, der der Erde ähnelte und konnten sie noch als humanoid bezeichnet werden, so sind ihre Gegenspieler von Eddore völlig fremdartig:

"... waren sie alles andere als menschenähnlich. Man hätte sie allerdings auch nicht als amöbenhaft bezeichnen können ... Jedenfalls waren sie sehr vielseitig und veränderten sich nicht nur in Gestalt sondern auch in Substanz ... Die Eddorier waren überdies asexuell ... Außerdem waren sie, von der Möglichkeit eines gewaltsamen Todes abgesehen, unsterblich." (40)

Wesen mit fremdartiger Physis, die nur schwer vorzustellen sind. Noch schwieriger, ja nahezu

" ... unmöglich ist es, den Geist eines Eddorers auszuleuchten und in uns bekannten Symbolen wiederzugeben. Die Eddorier waren intolerant, überheblich, herrschsüchtig, raubgierig, unersättlich, kalt, dickfellig und brutal. Sie waren schlau, scharfzüngig, talentiert, beharrlich und tüchtig. Sie besaßen kein Gefühl für jene höheren Dinge und Ideale, die den zivilisierten Rassen am Herzen lagen, und einem Eddorier war Humor unbekannt. "(41)

Ein Widerspruch im selben Satz! Was Smith zuerst als nahezu unmöglich zu beschreiben vorgibt, erledigt er einen Augenblick später mit Bravour, Seltsam, daß so fremdartige Wesen dermaßen bekannte Eigenschaften haben. Und alles sind zufälligerweise negativ besetzte Eigenschaften, dabei machen "tüchtig, "schlau" usw. keine Ausnahme, wenn sie für falsche Ziele eingesetzt werden. Nebenbei sind alle diese Eigenschaften für Wesen wie die Eddorier unsinnig, weil für die von Smith beschriebene naturwissenschaftliche und geistige Machtfülle unnötig.

Ein anderer Gegner der Lensmen: Die Piraten von Boskone. Sie werden als kosmische Freibeuter hingestellt, obschon sie über eine fortgeschrittenere Technologie verfügen als Terra und deren Verbündete (42). Wie aber kann man eine kosmische Zivilisation als Piraten hinstellen, wenn es sich nicht um in der Minderzahl sich befindende, Ausgestoßene, Räuber, die Einzelne überfallen usw. also alles Attribute, die auf Piraten zutreffen, handelt? Mit ihrer überlegenen Technologie könnten sie doch z.B. vom Handel leben.

Die Bezeichnung Piraten erweist sich demnach als Augenwischerei und dient lediglich dazu, den Gegner ins rechte Licht zu rücken.

Schon die Bemerkung, die Arisier seien humanoid und ihr Planet erdähnlich, drückt aus, welchen Stellenwert die Erde und ihre Bewohner in der kosmischen Rangliste einnehmen. Nur etwas menschenähnliches kann die Krone der Evolution darstellen. Und so sind es auch Menschen, nämlich die Kinder von Kimbal und Clarissa Kinnison, die als Ergebnis des arisischen Zuchtprogrammes (sic!!) die höchstentwickelten Lebewesen zweier Galaxien repräsentieren! Fremdrassen werden dann auch als nicht so tüchtig dargestellt, Alibiausnahmen und Kulturen, die auf den "sense of wonder" zugeschnitten sind, bestätigen die Regel, die generell auf Smiths Welten anwendbar ist: Humanoid = menschenähnlich =gut; je weniger humanoid, desto tückischer, brutaler, tierischer, kurz, desto feindlicher gesinnt und unwerter ist die Lebensform.

 Politische und gesellschaftliche Strukturen.

Die Frage taucht nun auf, wer sich eigentlich hinter den Hauptbösewichten, wie Piraten, Eddoriern, World Steel Corporation, versteckt? C. M. Kornbluth merkt in seiner Behandlung des Skylark-Zyklus folgendes an: "... the "Skylark" Stories, present us, in the realm of social criticism, with a strange blend of naive Marxism, a fascistic leader principle and despair of democracy. " (40) Etwas weiter unten fährt er fort:" ... the earth was rapidly coming under the sway of a vast and villainous sted corporation - ultimately a Marxist concept. "(44)

Attacken gegen den Kommunismus also, und wenn man bedenkt, um welche Zeit die Bücher geschrieben wurden, in welchen diese Angriffe am stärksten zutage treten, bzw. das Angriffsobjekt am eindeutigsten auszumachen ist, so wird der systemstabilisierende Charakter dieser Art Literatur vollends klar. Es war die Zeit der Weltwirtschaftskrise, der Kommunismus erstarkte und dem Kapitalismus stand das Wasser bis zum Hals.

Smith kann zwar nicht umhin, dem Marxismus einige positive Aspekte zuzugestehen, aber wie bereits gesagt, wird dann alles als Blendwerk hingestellt, von einer Gangsterclique inszeniert, der es keinesfalls um sozialen Fortschritt ging. Er geht sogar noch weiter, indem er das System, worin er selbst lebt, von einem Fremdrassigen darstellen läßt:

"Ihre Regierung ist überhaupt keine Regierung. Ihre Anführer werden von dem Volk selbst gewählt, das ständig seine Meinung ändert. Alle vier Jahre werden die Regierungsstellen neu besetzt. Und alle sind sie gleich vor dem Gesetz, Der Adelige wie der Niedrigste, und sie können ganz so leben wie sie es für richtig halten ... Ihnen scheint die Gesamtnation völlig gleichgültig zu sein, solange sie das besitzen, was sie persönliche Freiheit nennen."(45)

Es ist ihm offenbar immer noch zu freiheitlich. Seine Sympathien gelten allen unterdrückenden Systemen bis hin zum Faschismus, seine Protagonisten verbreiten nur reaktionäre Ideen. Sympathisch dargestellte fremde Kulturen werden unter harter militärischer Disziplin - ähnlich wie bei den Spartanern - gezeigt. Für Demokratien hat Smith nichts übrig. Sie ist für ihn ein Ausdruck der Schwäche oder einfach utopisch. Wird einmal eine demokratisch regierte Zivilisation skizziert, dann sind diese Zivilisationen der irdischen ungeheuer weit voraus und ihre Individuen besitzen unglaubliche Geisteskräfte. Das impliziert, daß die Menschheit nicht in der Lage ist, sich selbst zu regieren.(46)

Die Kulturen, die Tatkraft und Entschlossenheit beweisen und auch handeln, sind allerdings jene, die eine strenge gesellschaftliche Hierarchie aufweisen. Die freiheitlichen Kulturen dürfen allenfalls das nötige Hintergrundwissen vermitteln oder mit Rat zur Seite stehen, wenn Gefahr droht. Zu einer eigenständigen Gegenwehr aber sind sie zu weich, sprich zu degeneriert, Smiths Helden sind da schon aus anderem Holz geschnitzt:

"Hört mich also gut an, es ist mein letztes Wort an euch. Wenn ihr euch weiterhin bekriegt und der Sieger in diesem sinnlosen Kampf nicht selbst vernichtet wird, dann werde ich ihn dem Verderben anheimgeben, sobald ich mit Fenachrome fertig bin. Arbeitet ihr aber miteinander und mit mir zusammen, dann werdet ihr wahrscheinlich überleben. "(47)

Diese Beispiele, hier nur auf Skylark bezogen, gelten ganz genau so für die Lensmen-Reihe. Dort ist der marxistische Drahtzieher Eddore, Beim dortigen Gegenspieler, Arisia, läßt schon der Name auf die braune Gesinnung des Autors schließen, allzu verwandt erscheint ARIER (engl. Aryan). Auch ist ein Militärschleifer mit dem schönen Namen Fritz von Hohendorff äußerst positiv besetzt. Der Piratenchef Helmuth sowie ein gewisser Adolph Hitler von Tellus (anderer Name für Terra), hinter dem sich der Eddorier Gharlane verbarg, sprechen zwar dagegen, aber zweifellos ist Helmuth des für amerikanische Ohren exotisch klingenden Namens wegen aufgeführt, der letztere kam gar erst 1950 in die Handlung (THE FIRST LENSMEN, der einzige nachträglich geschriebene Roman) hinein.

C. M. Kornbluth bezeichnet die Smithschen Romane als " ... boyish daydreams, the power fantasies which compensates for the ineritable Frustrations of childhood in an adult world."(48) und dem ist gewiß zuzustimmen. Der "Doc" fand als Chemiker einer Firma, die doughnuts (Berliner Pfannkuchen) herstellte, und für deren chemische Zusammensetzung er sorgte (49), ganz sicher dort nicht die richtige Spielwiese für seine Machtphantasien. Garantiert wollte dort keiner etwas von Super Science oder galaktischen Technologien wissen, und deshalb ist es ihm nicht zu verdenken, wenn er die doughnuts mit dem DeLameter (Blaster im Lensmen-Universum) vertauschte, nur darf dabei nicht vergessen werden, daß seine Romane zwar primitiv und naiv wirken, aber alles andere als ungefährlich sind. Eine Kinderwelt, wie sie Kornbluth vielleicht sieht, haben wir nicht vor uns, eher eine Hymne auf den Faschismus.