Einige Bemerkungen zur Problematik sozialwissenschaftlicher Untersuchungen des Inhalts von SF-Literatur

Erstveröffentlichung: SFT 141/1977

Ein Indiz für die Tatsache, daß SF-Literatur in zunehmendem Maße von Literaturwissenschaftlern, Soziologen, Psychologen und anderen Wissenschaftlern als Untersuchungsobjekt ernst genommen wird, ist die steigende Zahl wissenschaftlicher Abhandlungen über dieses Medium. Dabei ist umso erfreulicher zu bewerten, daß man sich auch an die undankbare, weil langwierige und vom theoretischen wie methodischen Aspekt her problematische Aufgabe der empirischen Erforschung des Inhaltes macht. Eine der wenigen Studien auf diesem Gebiet in der BRD wurde kürzlich von GROMBACH & SCHMITZSCHERZER durchgeführt, die versuchten, Techniken der Inhalts- (Auch Content oder Aussagen-) Analyse auf eine Auswahl bundesdeutscher SF -Literatur, vor allem PERRY RHODAN Stories, anzuwenden (1).

Dabei gingen GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER von der richtigen Annahme aus, daß eine Diskussion der Wirkungen jeder Literatur ohne genaue Kenntnis der inhaltlichen Strukturen problematisch, wenn nicht sogar gefährlich ist, ein Punkt, der in der neueren Literatur zur Massenkommunikationssoziologie betont wird (2). Von da her erklärt sich die Relativierung etwa der Schlußfolgerungen von HAHN (3) und anderen Autoren über die Wirkung faschistischer und nationalistischer SF-Literatur (4). Die Anlage und die Ergebnisse der Untersuchung sollen kurz diskutiert werden.

Eines der Probleme, auf das die Autoren stoßen, ist die sicherlich nicht nur für Wissenschaftler relevante Frage der Abgrenzung und Definition von S.F., wobei sie allerdings nur einige Beispiele, aber keinen eigenen Definitionsversuch vorlegen. Man umgeht die Schwierigkeit dadurch, daß man sich bei der schließliehen Auswahl der zu untersuchenden Materialien in pragmatischer Weise auf zwei Teile von SF-Literatur stützt, deren Zugehörigkeit zur SF-Literatur evident sei, a) auf die PERRY RHODAN-Stories (die zugleich auch wegen ihrer Bedeutung: Auflage, Verbreitung, Erfolg) ausgewählt wurden), und b) auf eine Zufallsauswahl von SF- Kurzgeschichten der letzten Jahre, die den Autoren von den einschlägigen Verlagen zur Verfügung gestellt wurden: Heyne, Ullstein 2000, Fischer- Orbit. SF-Fantastica usf. Selbstverständlich muß hier schon als erster Kritikpunkt die Frage nach der Repräsentativität der ausgewählten Literatur ansetzen (5), worauf aber nicht weiter eingegangen werden soll.

Anschließend gehen die Autoren auf die Untersuchungsmethode ein und stellen das sozialwissenschaftliche Instrument der Inhaltsanalyse vor, wobei sie sich im wesentlichen auf die Ausprägung der Inhaltsanalyse beziehen, wie sie von BERELSON und in seiner Nachfolge von HOLSTI vertreten wird. Diese Art des Vergehens zeichnet sich durch den völligen Verzicht auf qualitative Überlegungen und Daten aus und versucht vor allem durch numerische Ausdrücke bestimmter als relevant erachteter  inhaltlicher Elemente zu einer Beschreibung der inhaltlichen Strukturen zu kommen. Wir werden nach der Darstellung der allgemeinen Ergebnisse auf diese - sehr problematische - Untersuchungsmethode noch näher eingehen, da sie die wissenschaftstheoretische Position .der Autoren ziemlich eindeutig kennzeichnet.

Immerhin ist lobend. hervorzuheben, daß sich GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER nicht nur auf die numerische Fixierung bestimmter Worte beschränken, wie es in der Frühzeit der inhaltsanalytischen Forschung leider oft der Fall war, sondern auf "items" und "characters", d. h. bestimmte inhaltliche Elemente, bei denen auch der Zusammenhang mit anderen Textstellen erhalten bleibt. Um das an einem Beispiel zu verdeutlichen: Es hat sicherlich keinen Sinn, einzelne Worte wie "Demokratie", "Imperium", "Großadministrator" etc. aufzuzählen, wenn dabei nicht berücksichtigt wird, in welchem Zusammenhang und mit welcher Wertung diese Elemente auftauchen. - Andererseits wird jedoch über die Auswahl der inhaltlichen Elemente, auf die sich die Untersuchung konzentrieren soll, die "Kategorien“ kaum etwas gesagt: Es bleibt also im Dunkeln, aufgrund welcher Überlegungen gerade die Kategorien, die weiter hinten beschrieben werden, ausgewählt wurden.

Nun zu den einzelnen Ergebnissen: die Autoren analysierten bei den PERRY RHODAN- Geschichten drei Aspekte: a) die Titelbilder, b) die Sprache bzw. die spezifische Terminologie und c) den Inhalt der einzelnen Hefte. Insgesamt wurden 251 Hefte auf ihr Titelbild, 151 Hefte auf die Terminologie und 67 auf ihren eigentlichen Inhalt untersucht.

Die Ergebnisse selbst basieren auf dem Prinzip rein frequenzanalytischer (d.h. vor allem die absolute und relative Häufigkeit bestimmter inhaltlicher Kategorien berücksichtigender) Inhaltsanalyse: Neben der u.E. relativ unbedeutenden Feststellung: "Die Analyse der auf 252 Titelbildern dargestellten 662 Gegenstände zeigte, daß in 87% die Farbe Blau, Rot, Grün und Gelb benutzt wurden" (6), ist zum ersten Komplex festzuhalten, daß auf allen Bildern Waffen und sehr häufig Kampfszenen vorkommen: "(Es) kann festgestellt werden, (..) daß die Serie PR schon durch die Titelbilder vorwiegend militärische Aktionen in "utopischen" Umwelten schildert, wobei die Komponente Utopie (..) meist durch bizarre Landschaften, Raumschiffe und Weltraumszenen vertreten wird (..) 176mal treten Terraner auf, 108 Außerirdische. (..) Überwiegend sind Terraner und Extraterraner (..) kämpfend dargestellt." (7)

Zur Terminologie in PR wird festgestellt, daß die Autoren eine spezifische, eigens geschaffene Sprache verwenden, in der vlele Wörter nur dem" Eingeweiten" , d.h. dem Leserfan vertraut sein dürften. Dabei werden bestimmte Mechanismen benutzt, z.B. wird in neuen Wortschöpfungen Bekanntes mit ungewöhnlichen Verbindungen verknüpft (Emotio/naut) und es werden bekannte Worte in völlig neuer Bedeutung verwandt, um eine Verfremdung zu erreichen (Blues für eine extraterrane Rasse).

Wichtig, was den eigentlichen Inhalt anbetrifft, und was stark herausgehoben werden sollte, ist die festgestellte völlige Konzentration der Handlungen und Einzelheiten auf militärische Elemente. Die Autoren stellen fest: " ... der Fortschritt der Menschheit ist nur durch militärische Auseinandersetzungen gesichert. Das zivile Leben wird kaum geschildert und ist nur selten Hintergrund einer Handlung. Soziale Verhältnisse und Probleme sind unwichtig (..). Zivilisten und Frauen treten in der Handlung nämlich nur dann auf, wenn sie militärische Funktionen oder Bedeutung haben. Ansonsten wird die gesamte Handlung von der Soldatenkaste um PR getragen. Diese setzt auch Normen und Werte." (8) Offensichtlich stellt also das "Militärische" ein konstitutionelles Element für die PR- Stories das, das - so unser Vorschlag - in einer eigenen Untersuchung speziell analysiert werden sollte. In diesem Zusammenhang wäre auch speziell auf die Formen der Austragung und Lösung von Konflikten einzugehen.

Nicht ganz einverstanden werden vermutlich einige Leser der SF-TIMES mit der Charakterisierung der Rolle der Frau in PR sein, wie sie GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER vornehmen: die Frauen sind immer "arrogante, alberne, doch geheimnisvolle Wesen" ? (9) Interessanter als diese Feststellung könnten z.B. Vergleiche der Darstellung der Frau in verschiedenen Jahrgängen von PR oder ein Vergleich mit der Frau in den PR-Comics sein (wo sich ja aufgrund verlagspolitischer Entscheidungen einiges drastisch veränderte). Überhaupt vermißt man einen Bezug auf die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft: Wie hat sich, wenn überhaupt, der Kampf um die Emanzipation in der SF-Literatur niedergeschlagen?

In Bezug auf die Darstellung von Perry und seinen Terranern - sowie andererseits seinen Gegenspielern glauben die Autoren das bekannte Freund-Feind-Klischee wiederzuerkennen, wie es ja auch bei anderen "Trivialmedien" (wenn auch in differenzierter Weise) vorkommt. PERRY ist ein "Idealterraner", er ist "intelligent, besonnen, vernünftig, klug, draufgängerisch, weise, mutig, tapfer und weicht nur in Ausnahmefällen von diesem Stereotyp ab. Ein ähnliches Eigenschaftsprofil weisen die Terraner in ihrer Gesamtheit auf, bei denen besonders aber die "Soldateneigenschaften" betont werden (10). Die Feinde des Rhodanesischen Imperiums sind entsprechend "meist fanatisch, brutal, bösartig. hinterlistig und unterwürfig, arrogant, verräterisch, todesmutig, " (11), also in allem das negative Gegenteil der Terraner.. Nun ist die Rolle des Helden in der Trivialliteratur eingehend untersucht worden und es sicher als gültig anzunehmen, daß PERRY von diesem Typus nicht allzusehr abweicht; in denen Rhodan eher unheldische" Tugenden zeigte.

Weiter wird darauf hingewiesen, daß man vom Aussehen der Extraterraner auf deren Charakter schließen kann, z.B. sind säugetierähnliche intelligente Wesen meist gutmütige Freunde der Terraner, Auch hier könnten sich interessante Aufschlüsse aus einem Vergleich mit dem PR-Comics ergeben, die - vermutlich wegen der Schwierigkeiten, die spezifische Bild/Text-Kombination adäquat zu untersuchen, ausgespart blieben. Auf die These von der Eskapismusfunktion der SF ~Literatur wird implizit Bezug genommen, wenn GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER festhalten, daß in den PR-Handlungen häufig alte Träume der Menschen wahr werden: der Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Welt in eine von technischen Wundern angefüllten Traumwelt (mit ewigem Leben, Unverwundbarkeit, Gedankenlesen etc.) zu entfliehen zu versuchen, ist des öfteren für die SF-Literatur herausgestellt worden. Im Gegensatz zu diesen teilweise brauchbaren Ergebnissen (insofern als sie immerhin einige Forschungsperspektiven für die Zukunft eröffnen) sind die "findings " des auf die übrigen Materialien (SF-Kurzgeschichten) bezogenen zweiten Teils der Studie weit weniger nützlich. Es muß ernsthaft infrage gestellt werden, ob eine Feststellung, daß sich "in 28% .. die Handlung an einem Ort ab(spielte), und dabei zu einem überwiegenden Teil (über 85%) auf der Erde, und daß beim Vorkommen mehrerer Orte, 47% dieser Orte auf der Erde, 31% auf einem Planeten oder Asteroiden und 21% auf einem Raumschiff liegen" (12), wesentliches zur Ideologiekritik dieser Serie beitragen kann . Aber offensichtlich liegt eine solche Absicht den Autoren auch reichlich fern. Hinzu kommt, daß nicht uninteressanten Feststellungen über Zeitreisen, z. B. "Wie nun  die "Zeit" zu überwinden sei, wird in 21% dieser Geschichten formal nicht erklärt. In 74% aller Fälle benutzen die Hauptpersonen eine Zeitmaschine, wobei die Begründungen für das Funktionieren eines solchen Gerätes .. überhaupt sehr variieren." (13), nicht nachgegangen wird, obwohl es nahe gewesen wäre, an dieser Stelle die Funktion der Technik und des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes näher zu reflektieren. Die ahistorische Darstellung der Technik als ein .konstitutives Element vieler SF-Geschichten muß unbedingt näher herausgearbeitet werden, wenn man sich nicht den Vorwurf gefallen lassen will, isolierte numerische Werte ohne jede Reflektion auf gesellschaftliche Sachverhalte feilzubiet n(14). Auch eine so wichtige Aussage wie die, daß nur höchst selten soziale Probleme im gesamtgesellschaftlichen Kontext angesprochen werden, wird nicht viel weiter erläutert - ein weiterer Punkt, der besonders hätte untersucht werden sollen.

Die Handlungen der Kurzgeschichten können den Autoren zufolge wie folgt aufgeschlüsselt werden: "Wissenschaftliche Forschungen, Versuche und Ergebnisse (stellen) mit 10%, Machtinteressen verschiedener Gruppen (15%), Beziehungen zwischen den Geschlechtern (14%) und Begegnungen mit außerirdischen Lebewesen (13%) die hauptsächlichsten Aspekte der Handlungen. Zeitreisen, ihre Folgen und Gründe (8%), sowie Raumfahrer und deren Erlebnisse und Implikationen von Gesellschaftssystemen (7%) schließen sich an. In den betrachteten Geschichten machten Kriminal- und Spionageaffairen, parapsychologische Phänomene, das Leben nach dem Krieg oder "der Vernichtung" und Möglichkeiten des "verwirklichten Unterbewußten" jeweils zwischen 3 und 6% der Themen aus." (15)

Ein weiteres Ergebnis: In fast 2/3 der Geschichten wird die Art des Gesellschaftssystems überhaupt nicht genannt, nur in 13% ist von einer Demokratie (was immer die Autoren darunter verstehen) die Rede.

Schließlich wird noch festgestellt, daß in jeder zweiten ein nicht menschliches, "fremdes" Wesen vorkommt. Diese Wesen sind in der Hälfte aller Fälle den Menschen gegenüber kooperativ eingestellt. In 40% der Fälle sind interessanterweise die Extraterraner den Menschen in Bezug auf ihren technischen Stand überlegen.

77% aller Hauptfiguren sind Männer. Frauen sind meist besonders attraktiv und hoch intelligent (!), während die Männer v.a. über parapsychologische Fähigkeiten verfügen. Dies wird von GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER wie folgt diskutiert: "Die Normierung der männlichen und der weiblichen Rolle erinnert zwar teilweise an deren Auftreten in schlechten Kriminalromanen (l6), doch ist z.B. bei der Frau recht häufig eine verantwortungsvolle Berufstätigkeit festzustellen. Hier gilt, wie für manche der anderen Kategorien: SF kann sich ausschnittweise oder als Ganzes auf ein ungeheuer "bekanntes" Niveau der Trivialliteratur begeben, einen Abklatsch von Traumbildern der Gegenwart und unrealistischen Identifikationsangeboten, zum anderen aber bildet sie eine eigene Literaturgattung mit ihren besonderen Inhalten. (Es)... ist die außerordentlich große Spannbreite, Variabilität und Qualität der SF spürbar. So darf z.B. nicht die vorschnelle Ableitung getroffen werden, SF sei apolitisch und gesellschaftlich desorientiert. Sicher stellen nur wenige Geschichten ein " vollständiges System" dar, oft nur einen Ausschnitt, jedoch muß auch die intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen gesehen werden, falls sie einmal konkreter angegangen werden. Ähnlich verhält es sich mit der Behandlung von Themen aus Wissenschaft, Kultur und Technik“ (17)

Sicherlich darf man von einer pilot-study nicht mehr erwarten, als das hier wiedergegebene, relativ abgewogene Statement. Die Dürftigkeit der Ergebnisse und die oft unbewiesenen Schlußfolgerungen (18) sind jedoch m.E. auch auf das methodische Vorgehen der Autoren zurückzuführen, das abschließend noch kritisch beleuchtet werden soll:

GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER gehen bei der Diskussion ihrer Untersuchungsmethode vor allem von der Definition des renommiertesten Vertreters der positivistischen Richtung der Inhaltsanalyse, BERELSON, aus, der Inhaltsanalyse auf das Quantifizieren bestimmter klar abgrenzbarer, manifester inhaltlicher Elemente begrenzen will. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die Implikationen dieses Vergehens zu erläutern, es muß aber darauf hingewiesen werden, daß sich seit einer Zeit in der BRD aus der Kritik an der BERELSONschen Richtung ein ernstzunehmender Ansatz entwickelt hat, der vor allem durch RITSERT (19) vertreten wird . Diese Diskussion - als Fortführung der von KRACAUER und ADORNO im Sinne der Kritischen Theorie geleisteten Ansätze - scheint den Autoren offensichtlich überhaupt nicht bekannt zu sein. So beharren sie auf dem BERELSONschen Postulat des Quantitativen und lehnen jedes qualitative Vorgehen mehr oder weniger strikt ab, Wir begegnen hier einer empiristisch-positivistischen Forschung, die alleine in numerischen Ausdrücken inhaltlicher Elemente ihr Heil sieht, ohne sich der Beschränkungen quantifizierenden Vorgehens bewußt zu werden. Um dies an einem Beispiel zu verdeutlichen: ein geringer prozentualer Anteil stark nationalistischer Elemente in den PR-Stories würde sich im Vergleich etwa zu anderen Elementen kaum zu Buche schlagen, trotzdem kann eine einzige, in extremem Maße nationalistische oder faschistische PR- Geschichte außerordentlich viel über die Einstellungen und Absichten der Autoren/Verleger aussagen.

BERELSON lehnt auch jedes "zwischen-den-Zeilen-lesen" ab und möchte sich auf die reinen "manifesten" Mitteilungen beschränken, eine Vorstellung, die inzwischen von den aufgeklärten Positivisten angesichts ihrer offenkundigen Unhaltbarkeit auch nicht mehr geteilt wird. Über all dies erfährt man bei GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER nichts. Als größten Mangel empfinden wir aber, daß über die Bi1dung des Kategoriensystems nichts ausgesagt wird; sicherlich konnten wegen mangelndem Platz nur wenige Kategorien abgedruckt wer den, aber die Problematik liegt ja in der - hier fehlenden - Erkenntnis, daß die Bildung des Kategoriensystems - als wichtigsten Teil der Inhaltsanalyse (was auch von den Positivisten zugegeben wird) sowohl auf einer profunden Kenntnis des Materials und auf einem theoretischen Ansatz fußen muß. Die methodischen Prob1eme liegen also nicht nur, wie die Autoren vorgeben, auf der Ebene der Auswahl der Materialien, des Meßinstruments (was immer sie darunter verstehen) und der Verrechnung der Ergebnisse, sondern sie beginnen gerade bei der theoretischen Reflektion des Untersuchungsgegenstandes.

Wenn man bei einer Inhaltsanalyse im allgemeinen so vorgeht, daß man versucht, eine kommunikative Mitteilung auf einige wesentliche Gesichtspunkte, Strukturen, Charakteristika zu reduzieren, dann tut sich bei diesem Vorgehen das Problem der Gültigkeit dieser Reduktion auf: wie kann man davon ausgehen, ob daß, was einen an PERRY RHODAN interessiert, wirklich ein entscheidendes Merkmal der inhaltlichen Struktur dieser Geschichten ist, wenn man nichts über die dieser Auswahl zugrundeliegenden theoretischen Annahmen und Hypothesen aussagt? Die Auswahl der Kategorien bei einer Inhaltsanalyse (z .B. in dieser Untersuchung der Schauplatz der Handlungen - Erde, Weltraum, Asteroid etc. -) läßt sich eben nur vor dem Hintergrund dieser theoretischen Annahmen rechtfertigen; gerade dies wird aber bei der Untersuchung nicht versucht.

Man kann z.B. bei diesen theoretischen Überlegungen von der Funktion der Trivialliteratur in der spätkapitalistischen Gesellschaft ausgehen und - was sicherlich nicht einfach ist - vor diesem Hintergrund ein Kategoriensystem entwickeln. Das hatten GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER aber offensichtlich nicht im Sinn. Daß sie diese Problematik aber vernachlässigen, ergibt sich auch aus einer Schlußbemerkung, in der sie sich von der Kategorienbildung wesentliche Fortschritte durch den Einsatz von Computerprogrammen versprechen, was reichlich naiv ist. So bleibt als Fazit dieser Untersuchung: Erfreulich, daß überhaupt eine Inhaltsanalyse von BRD-SF-Literatur unternommen wird, erfreulich, daß ·sich auch die Psychologen damit beschäftigen, erfreulich weiterhin, daß man sich nicht nur auf Perry Rhodan beschränkt, aber: unerfreulich, daß man auf einem überholten methodischen und theoretischen Stand stehen bleibt, der durch die wissenschaftstheoretische Position des Positivismus gekennzeichnet ist, unerfreulich, daß man seitens der Autoren nicht erkennt, wie die Dürftigkeit der Ergebnisse eben auf diesen grundsätzlichen theoretischen Schwächen beruhen.

 

Anmerkungtn

(1) H. H. GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER: Contentanalytische Studienversuche zur Science-Fiction-Literatur, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht, 21, 1974, S.150-163

(2) vgl. W. R. CA TTON, jr.: Massenmedien als Ursache von Wirkungen, in: AUFERMANN/BOHRMANN/SÜLZER (Hg): Gesellschaftl. Kommunikation und Information, Frankfurt/M, 1973, S , 72

(3) HAHN, R. M.: Wissenschaft und Technik = Zukunft. Geschichte und Ideologie der Science-Fiction-Hefte . In: E. BARMEYER (Hrsg. ): Science-Fiction. München 1972

(4) GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER, S.151

(5) Liegt allerdings ein ausgearbeitetes Kategoriensystem vor, so läßt sich die Untersuchung mit einer repräsentativeren Auswahl theoretisch jederzeit wiederholen

(6) GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER, S,156

(7) dies., S. 156

(8) dies., S, 157

(9) ebenda, S. 157. Überhaupt kommt hier das Problem der Konstanz bestimmter Strukturen ins Spiel. Gerade die SF-Fans können vermutlich aus ihrer genauen Kenntnis der Geschichten einiges über die Veränderungen bestimmter inhaltlicher Elemente, z.B. von Personen, Rassen, Geschlechtern, sozialen Sachverhalten etc., berichten, Man sollte nicht darauf verzichten, ältere mit neueren Geschichten, z.B. unter Berücksichtigung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen, zu vergleichen.

(10) ebenda, S.157

(11) S. 158

(12) S. 159

(13) S. 159

(14)Vielleicht läßt sich dies an einem weiteren Beispiel nachvollziehen: etwa wenn davon die Rede ist, daß sehr oft der Versuch festzustellen ist, mit Hilfe von Zeitmaschinen persönliche Ziele- wie das Beseitigen von unbequemen Widersachern zu erreichen.

(15) GROMBACH & SCHMITZ-SCHERZER, S.160-161

(16) Hier kommen Wertungsgesichtspunkte hinein, die bisher weggelassen worden wären: Gibt es eine Grenze zwischen schlechten und Kriminalromanen (SF-Literatur, Comics?)

(17) a.a.O,, S,l62

(18) So wird behauptet, daß die Autoren der PR-Reihe viele Ideen von DÄNIKEN übernommen haben, ohne daß dies belegt wird,

(19) vgl. J. RITSERT: Inhaltsanalyse und Ideologiekritik, Frankfurt/M. 1972; sowie die neuere Arbeit von W. UBBENS, Zur Kritik massenkommunikativer Textanalyse, in: AUFERMANN et al., a.a.O., S,154-170