GLÜCKLICHE REISE

(Ursprünglich veröffentlich in SFT 6/84

Matthias Horx
GLÜCKLICHE REISE
Roman zwischen den Zeiten
Berlin 1983, Rotbuch 283, DM 15,-

1983 war ein gutes Jahr für die deutsche SF: noch nie wurden so viele, selten so gute Romane und Storysammlungen veröffentlicht.

Auch im Rotbuch Verlag, einem der größten Alternativverlage Deutschlands, erschien ein SF-Roman: GLÜCKLICHE REISE von Matthias Horx.

Die Bundesrepublik nach dem Atomkrieg ist zweigeteilt: Im Norden versucht man, einigermaßen ökologisch zu leben, während im Süden fieberhaft an der Re-Industrialisierung gearbeitet wird. Im ersten der drei "Kreisläufe" , in die der Autor sein Buch geteilt hat, schildert er die Situation auf dem Lande. Die Transformatorenorden sind dabei, ihre Ideologie, ein Konglomerat aus verschiedenen unabhängigen, grünen und linken Denkmodellen, zu verwirklichen. Vater dieser Ideologie ist Jonathan Weber. Er hat inzwischen den Orden verlassen, aus Protest gegen den zunehmenden Respekt im Umgang mit der Lehre, seiner Meinung nach der Feind jeder lebendigen Weltanschauung. Aber auch in seiner neuen Behausung, einem alten Flugplatz, wird er nicht glücklich. Als er einen Heißluftzeppelin baut, verjagen ihn die bigotten, technikfeindlichen Nachbardörfler. Auf die Bitte einer Ordensschwester, die Herkunft kürzlich aufgetauchter mikroelektronischer Schaltungen herauszufinden, geht er nach Süden.

Auf seinem Weg in die "Stadt" gerät er in eine Gruppe pseudoanarchistischer Spontis. Diese Leute führen normalerweise ein glückliches und freies Leben, werden aber von Zeit zu Zeit durch Übergriffe aus der Stadt bedroht. Allmählich erkennen sie, daß sie nicht einfach ihren Weg gehen können, sondern daß sie sich gegen das "Schweinesystem" wehren müssen, wollen sie nicht untergehen. Jonathan selbst zieht seiner Aufgabe gemäß weiter in die Industriezone. Bald hat er sich zur Führungsspitze vorgearbeitet und einiges über ihre Absichten und Methoden erfahren. Jonathan beschließt, das Treiben dieser Machtjunkies (wie Spinrad sie genannt hätte) zu beenden. Er startet eine Expedition in eine Zone – ein verseuchtes Gebiet –, wo er die Instrumente zu seinem Vorhaben findet und läßt ein neues Zeitalter beginnen. Seine Reise hat ein glückliches Ende gefunden.

Das vorliegende Buch ist Ausdruck der Selbstsuche und Selbstfindung, sowohl für den Autor als auch für die ganze 68er-Generation. Der Protagonist (eine Identifikationsfigur für den Autor) ist ein Mensch zwischen den Stühlen. Jonathan gehört weder zum Orden noch zu den Dörflern; er steht zwischen Anpassung und totalem Leben, Indoktrinierung und Prinzipienlosigkeit. Seine Probleme und die seiner Umwelt sind die Probleme der ganzen links-alternativen Scene: Wie bekennt man sich zu einer Ideologie, ohne sich gleich ganz von ihr vereinnahmen zu lassen (Beispiel Ordensmitglieder)? Wie verwirklicht man eine Ideologie, ohne gleich zu resignieren, wenn nicht alles auf Anhieb klappt (wie z. B. Jonathan)? Und schließlich: Kann man auch ohne Revolution so leben, wie man will (Beispiel Spontis)?

Horx hat seine Antwort auf diese Frage gefunden : man müßte Tatsachen anerkennen können, ohne zu resignieren oder Träume aufzugeben. Horx teilt sie uns auf unaufdringliche Weise mit; er läßt Platz für eigene Gedanken.

Vollprofi und Gründungsmitglied des PFLASTERSTRANDES Horx hat auch sprachlich sehr brauchbares geleistet; zwar finden sich besonders am Anfang des Buches einige übertriebene Stellen, dafür entschädigt aber die Darstellung einer mutierten Tier- und Pflanzenwelt zu Beginn des 3. Kreislaufes mehr als genug; etwas Exotischeres hat die deutsche SF kaum je hervorgebracht. Überhaupt glänzt Horx durch die nahtlose Einbettung der Handlung in eine detailliert beschriebene nach-atomare Welt. GLÜCKLICHE REISE ist zwar kaum ein Buch der absoluten Spitzenklasse; wegen seiner frischen Gedanken könnte es aber zu einem Kultbuch der unabhängigen Linken werden.

Rainer Kuchler