DAS LICHT VON ATLANTIS

(Erstveröffentlichung: SFT1/85)

Marion Zimmer Bradley

(Web of Light/Web of Darkness)

Bergisch Gladbach 1984, Gustav Lübbe Verlag

Deutsch von Rosemarie Hundertmarck

Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft präsentiert der Lübbe-Verlag die Nachfolge von Bradleys vielgelesenem Roman DIE NEBEL VON AVALON. DAS LICHT VON ATLANTIS mutet in mancher Hinsicht wie eine schlechte Neuauflage des bereits Gelesenen an (ist allerdings schon lange vor Zimmer Bradleys Bestsellererfolg entstanden).

Auch hier bildet die Bearbeitung eines Mythos den Hintergrund der Handlung: die Legende um das versunkene Atlantis. Und ebenso wie in AVALON sind die Heldinnen des Romans in Magie begabte Priesterinnen. Die Schwestern Domaris und Deoris, beide einem ehrwürdigen Priestergeschlecht entstammend, erleben wir zunächst sehr unterschiedlich: Domaris gütig und hingebungsvoll, Deoris temperamentvoll und ehrgeizig. Das Schicksal der zwei Frauen wird durch die Wahl ihres jeweiligen Geliebten besiegelt, dem beide bis zur Selbstaufgabe folgen. Während Domaris schon sehr früh zur Witwe wird, aufgrund ihres Schmerzes das Leben kaum noch zu genießen vermag und allein in ihren Pflichten und der Liebe zu ihrem Sohn aufgeht, begleitet Deoris ihren Geliebten bei der verbotenen Beschwörung dunkler zerstörerischer Mächte und verändert auf diese Weise den friedlichen Gang der Ereignisse. Das Böse kann nur mit großen Opfern vorläufig aus der Welt vertrieben werden und bestimmt nun für viele Generationen das Schicksal der Nachfahren beider Frauen.

So unterschiedlich Marion Zimmer Bradley die beiden Frauengestalten auch gezeichnet hat, so ist ihnen doch eines gemeinsam: sie opfern ihre Autonomie der Liebe zu einem Mann und erleiden durch ihn unglaubliches Elend oder Grauen. Vergleicht frau die Schwestern etwa mit den freien und lebenslustigen Frauen, die die Autorin in "Die Matriarchen von Isis" entworfen hat, so fällt es nicht leicht, Bradleys neuen Roman mit Vergnügen zu lesen. Bereits in DIE NEBEL VON AVALON führte sie ein Deutungsmuster ein, das vielleicht am ehesten als ein Hingegebensein an das Schicksal interpretiert werden könnte. In diesem Roman verstärkt sich dieser Eindruck noch. So wird selbst die rebellische Deoris im Verlauf der Handlung eine demütige Frau, die Strafen erduldet, um die Verbrechen des Geliebten zu sühnen, der ihre Gefühle für seinen Machthunger mißbraucht.

Das ständig beschworene Karma, die Verstrickungen des Menschen in sein jetziges Schicksal und in das seiner zukünftigen Leben, läßt wenig Raum für die Entfaltung einer eigenständigen Persönlichkeit – entsprechend oberflächlich sind die Figuren des Romans. Beide Frauen symbolisieren im Grunde nichts weiter als althergebrachte Bilder von Weiblichkeit: die Heilige (Domaris) und die Hure (Deoris). Äußerst selten sind die Textstellen, an denen die Charaktere über solche Stereotypisierungen hinausgelangen. Auch Deoris’ Verwandlung ist nur folgerichtig: anfangs Inkarnation unberechenbarer Weiblichkeit, kann sie, geläutert durch Verurteilung und Tod des Geliebten, endlich "zur Frau heranreifen". Wen könnte es da wundern, wenn die Liebe beider Frauen seltsam abstrakt bleibt, die eine als heilig beschreiben wird, die andere der Menschheit Verderben bringen soll. Sowohl Domaris als auch Deoris ist es jedoch am Ende vergönnt, Glück und Erfüllung in der Mutterschaft zu erlangen. So einfach kann weltenbewegendes Schicksal sich zum Guten wenden!

Der historische Mythos, nicht mit der gleichen Sorgfalt wie in ihrem Erfolgsroman bearbeitet, gibt lediglich den Aufhänger für eine relativ banale Geschichte ab. Eine Märtyrerin und eine Hexe, Prophezeiungen und Verfluchungen, Blutrünstigkeit und mystische Gruselszenen, eingebettet in einen stark ritualisierten Handlungsrahmen … viel mehr hat die Autorin in diesem FantasyRoman bedauerlicherweise nicht zu bieten.