2010

Erstveröffentlichung SFT 9-10/85

Arthur C. Clarke
ODYSSEE 2010
(2010: Odyssey Two)
Bern/München 1985, Scherz Verlag, 303 S., DM 32,- Deutsch von lrene Holicki

Jene, die dieses Experiment vor so langer Zeit begonnen hatten, waren keine Menschen gewesen - nicht einmal entfernt menschlich. Aber sie waren aus Fleisch und Blut, und als sie über die Tiefen des Weltraums hinausblickten, hatten sie Ehrfurcht, Staunen und Einsamkeit verspürt. Sobald sie die Macht dazu besaßen, machten sie sich auf zu den Sternen. Bei ihren Forschungsreisen trafen sie auf Leben in vielen Formen und beobachteten das Wirken der Evolution auf tausend Welten. Sie sahen, wie oft erste, schwache Funken von Intelligenz aufflackerten und in der Nacht des Kosmos wieder erloschen.

Und weil sie in der ganzen Galaxis nichts Kostbareres gefunden hatten als den Geist, förderten sie seine Entstehung überall." (S. 279)

Inhalt und Wortwahl des zitierten Absatzes lassen keinen Zweifel zu: es handelt sich um einen Text von Arthur C. Clarke, der wieder einmal seine Lieblingsthemen behandelt: die Kontaktaufnahme mit extraterrestischen Lebensformen und die Evolution intelligenter Wesensheiten.

Neun Jahre danach
ODYSSEE 2010 schließt handlungsmäßig direkt an den berühmten Film "2001" an: eine sowjetisch-amerikanische Expedition versucht, das seit mehreren Jahren im Jupiter-Orbit kreisende Raumschiff "Discovery" zu bergen und die Rätsel des Jupitersystems (neben den tatsächlich vorhandenen auch das fiktive des "Monolithen" aus "2001") zu lösen. Die "Discovery" kann zunächst sichergestellt werden, auch der Computer "HAL" wird reaktiviert; der Monolith bleibt den Raumfahrern dagegen aber nach wie vor ein Rätsel. Eine bereits aus "2001" bekannte Funktion dieses Artefakts ist die eines "Sternentores", und aus diesem tritt das Energiewesen, das früher David Bowman war, hervor, um noch einmal die Stätten seines irdischen Wirkens und anschließend die Welten des Jupitersystems zu besuchen. Schließlich erscheint Bowman den Mitgliedern der neuen Raumexpedition, um ihnen eine sofortige Heimreise zu empfehlen, ohne diesen Rat jedoch begründen zu können. Kaum sind die Raumfahrer in Sicherheit, da verwandelt sich der Jupiter auch schon in eine Zwergsonne, wodurch einige Jupitermonde für eine menschliche Besiedlung nutzbar gemacht werden können. Dagegen ermöglicht diese Jupiter- Metamorphose auf dem Mond Europa die Entwicklung einer intelligenten Lebensform.

Die Wunder des Weltall
Obwohl die Protagonisten – seien es nun die Teilnehmer an der sowjetisch-amerikanischen Raumexpedition oder die Reinkarnation von David Bowman – das Geschehen kaum beeinflussen können, sondern vielmehr weitgehend passive Beobachterrollen einnehmen, ist der Roman ziemlich spannend. Die Handlung ist nämlich recht geschickt aufgebaut, dauernd werden neue Fakten präsentiert, deren angestrebte Einordnung in einen größeren Zusammenhang das Hauptelement der Spannung ausmacht. Wie bei Clarke üblich, sind die technischen Aspekte der Raumfahrt und die außerirdischen Schauplätze anschaulich beschrieben. Insbesondere die eindringlichen Schilderungen der Welten des Jupitersystems, bei denen der Autor die Ergebnisse der "Voyager-Sonden" verwertete, machen deutlich, daß Arthur C. Clarke immer noch einsame Spitze ist, wenn es gilt, die Wunder des Weltalls zu vermitteln.

Die seltsamen Wege der Superintelligenzen
Den Leser vollständig zufriedenstellen kann die neue Odyssee aus Clarkes Feder allerdings nicht. So wird etwa David Bowman als Energiewesen mit Erinnerungen an seine irdische Vergangenheit, das aber im Auftrag der weiterhin anonym bleibenden Experimentatoren aus dem eingangs zitierten Absatz handelt, nie richtig lebendig. Bei diesem Unikum 21 handelt es sich offensichtlich um eine dramaturgisch bequeme Improvisation, der aber jeder tiefere Sinn abgeht. Auch in der Logik des Handlungsverlaufs gibt es diverse Schwächen; so vermag man beispielsweise nicht so recht einsehen, daß Intelligenzen, die eine Kernfusion des Jupiter-Inneren einleiten, dieses Vorhaben nicht um ein paar Monate verschieben können. Zumindest sollten derartige Superwesen doch etwas eindeutigere Warnungen aussprechen können als die durch Bowman gegebene. Sicher, niemand kann die Denkweisen solcher Superwesen nachvollziehen, aber auch solche "Argumente" können den Eindruck nicht verwischen, daß die Handlung eher "dramaturgischen Notwendigkeiten" als einem logischen Aufbau folgt.
Auch bleibt das dem Roman zugrundeliegende Konzept (das wir einmal voraussetzen wollen) im Dunkeln: zwar fördern die gelegentlich genannten Superwesen überall die Entstehung von Intelligenz (wie wir aus "2001" wissen, verdanken auch wir ihnen unsere Geistesgaben); was die besagten Wesen aber mit der über David Bowman abgewickelten Kontaktaufnahme mit der Menschheit eigentlich bezwecken, darüber schweigt Clarke sich auch in ODYSSEE 2010 aus. Auch an der deutschen Ausgabe ist Kritik zu üben: so klebt die Übersetzung über weite Strecken zu sehr am englischen Text, um dem Original gleichzukommen, und das Vorwort des Autors ist um einige entscheidende Stellen gekürzt (es fehlt etwa die Erklärung, daß der neue Roman der Filmversion von "2001" folgt und nicht der Novellisation).
Wegen der genannten Schwächen kann 2010: ODYSSEY TWO nicht den besten Romanen Clarkes (wie CHILDHOOD'S END oder RENDEZVOUS WITH RAMA) gleichkommen. Aber andererseits ist auch der neue Roman packend erzählt, so daß diese Schwächen zumindest während der Lektüre kaum ins Auge fallen. Zugute halten kann man dem Autor auch sein ehrliches Anliegen (auch wenn die literarische Umsetzung dieses Anliegens nicht adäquat gelang): das der Solidarität aller mit Intelligenz behafteten Lebensformen, die keinen Raum für kriegerische Auseinandersetzungen läßt. Und schließlich sind auch die zweitrangigen Werke Clarkes immer noch besser als die besten Bücher der meisten anderen SF-Autoren.
Hans Ulrich Böttcher