(Erstveröffentlichung SFT 9/84)

DIE GROSSE REVOLUTION
Ein Mondroman
Leipzig und Weimar: Kiepenheuer 1983, 208 S., 15 ,60 DM

Unter den deutschen Phantasten ist Paul Scheerbart die wohl skurrilste Persönlichkeit. Zahlreiche Anekdoten, für die sich Ernst Rowohlt, Walter Mehring, Erich Mühsam und andere verbürgen, wissen davon zu berichten.

 

Scheerbart wurde 1863 in Danzig geboren. Er hatte zehn Geschwister, verlor mit vier Jahren die Mutter und mit zehn den Vater. Erzogen von der religiösen Stiefmutter, unter deren Einfluß er eigentlich Theologie studieren und Missionar werden wollte, entschloß er sich als 19jähriger, Schriftsteller zu werden_ Der Erfolg blieb ihm zeitlebens versagt, zu absonderlich waren die Texte, die er verfaßte: " Ich liebe Dich! Ein Eisenbahn-Roman" (1897), "Tarub, Bagdads berühmte Köchin_ Arabischer Kultur-Roman" (1897), "Immer mutig! Ein phantastischer Nilpferdroman" (1902) usw. Seit 1887 lebte Scheerbart in Berlin, wo er fortan die Boheme mit seiner Trinkfreudigkeit und dem übersprudelnden Einfallsreichtum seiner selbsterkannten Genialität beglückte. Nur dank des Mitleids und der Gutmütigkeit der Freunde, die er dort gewann, konnte er sich mühsam über Wasser halten. Seine Hauptnahrungsmittel sollen, nach den Worten Ernst Rowohlts, "geschabter Hering auf Brot" und Bier gewesen sein. Was ihm das reale Leben versagte, lebte er in der Phantasie seiner Romane und Erzählungen aus: prachtvolle Gelage in fürstlichen Palästen, Freß- und Sauforgien ohnegleichen durchziehen das Werk wie ein weinroter Faden.

Seinem Freund Erich Mühsam zufolge hoffte Scheerbart, der Armut eines Tages ein Ende zu bereiten und "mit einem Schlag Multimillionär zu werden". So werkelte er drei Jahre am Bau eines Perpetuum Mobiles herum. Doch die Maschine, die er liebevoll "Perpeh" nannte und allmählich den großen Tisch in der Waschküche überwucherte, wollte und wollte nicht funktionieren – was den Konstrukteur aber keineswegs entmutigte: "Perpeh ist fertig; es bewegt sich nur noch nicht." Auch die Herausgabe einer Tageszeitung, die "nur Lügen enthalten sollte, und zwar, wie Scheerbart es ausdrückte, ;Lügen mit Hintergrund'" (Erich Mühsam), scheiterte. Der Verleger, den er wunderbarerweise gefunden hatte, sprang im letzten Augenblick ab.

Am 15. Oktober 1915 starb der Phantast, Satiriker und Lebenskünstler Paul Scheerbart wie er gelebt hatte – in völliger Armut. Die Freunde verklärten seinen Tod zum Heldentod: er habe aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg die Nahrungsaufnahme verweigert. Wahr ist wahrscheinlich, daß Hunger, Alkohol und die Abscheu vor der Kriegsbegeisterung der Zeitgenossen gleichermaßen für seinen Tod verantwortlich wurden.

DIE GROSSE REVOLUTION verfaßte Scheerbart – wie dem sehr informativen Nachwort von Vera Hauschild zur DDR-Neuausgabe zu entnehmen ist – im ersten Halbjahr 1901 auf der Insel Rügen. Dorthin hatte er sich mit seiner Frau (eine Postbeamtenwitwe, die er 1900 geheiratet hatte) zurückgezogen, um dem teuren Großstadtleben in Berlin für eine Weile zu entkommen. Der Insel-Verlag lehnte die Annahme des Manuskripts erst ab, verlegte den Roman 1902 schließlich doch noch, weil einer der Verlagsgründer sich bereit erklärte, die Druckkosten zu tragen. In der ihm typischen Art widmete Paul Scheerbart seinem Gönner das Werk: "Dem lachenden Fanatiker Alfred Walter Heymel". Soviel zur Entstehungsgeschichte des Romans. Weiteres – wie auch die zeitgeschichtliche Einordnung – kann dem fakten- und kenntnisreichen Nachwort entnommen werden.

Die große Revolution vollzieht sich auf dem Mond, wo die Mondmänner schon seit Jahrtausenden durch Teleskope das sonderbare Treiben der Menschen auf der Erde studieren. Die "Weltfreunde" wollen dem ein Ende bereiten. Sie planen, auf der Rückseite des Erdtrabanten ein großes Teleskop zu errichten, um das ihrer Meinung nach viel interessantere Geschehen in den Weltraumtiefen zu beobachten. Die "Erdfreunde" widersetzen sich diesen Bestrebungen, müssen aber einem Kompromiß zustimmen: Sollten innerhalb von fünfzig Jahren nicht drei Erdstaaten das Militär abschaffen, so haben die Erdbewohner damit selbst bewiesen, daß sie der Aufmerksamkeit der Mondmänner nicht länger würdig sind. Die Entscheidung fällt zugunsten der "Weltfreunde" aus, und nach tausendjähriger Bauzeit ist es dann soweit, gebannt starren die Mondmänner durch das neue Teleskop in die "große Welt".

In der Sekundärliteratur zu Leben und Werk Paul Scheerbarts wird bisweilen darauf hingewiesen, daß "Die große Revolution" in einer Beziehung aus dem Gesamtwerk herausragt: Der Roman weist einen bewußt durchkonstruierten Handlungsrahmen auf, der einen Anfangs- und Endpunkt sowie verschiedene Spannungsmomente enthält. Scheerbart wollte damit dem Publikumsgeschmack – wie er ihn verstand – entgegenkommen und trug nicht zuletzt deswegen dem Verlag den Roman als "Schlager" an, mit dem viel Geld zu verdienen sei. Der "Mondroman" wurde kein Erfolg, aber er ist auch heute noch unterhaltsam und mit Genuß zu lesen.

Der Kosmos, den Scheerbart schildert, gehorcht nicht oder nur teilweise naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, Die Planeten und Kometen, die Sonnen und die Milchstraßensysteme sind (ganz im Sinne der damals populären Psychophysik Gustav Theodor Fechners) lebende Wesen, deren Lebensraum der Weltraum ist: "Das kribbelte und wibbelte überall! Es war immer mehr – immer mehr – zu sehen und anzustaunen – und zu erklären. Und die Mondmänner starrten in das Weltleben hinein und waren ganz Auge – ganz Auge. Und der große Mond wars auch" (S. 178).

Wie kaum ein anderer vermag Scheerbart es, Phantastisches zu ersinnen. Zwar bleibt auch er dem Irdischen und den menschlichen Vorstellungen verhaftet, doch die Farbenprächtigkeit und Vielgestaltigkeit des Scheerbartschen Kosmos überrascht den Leser stets aufs neue. Die Sterne schillern in allen Farben des Spektrums, Nebelflecken umfassen einander wie Liebende, Gasmeteore zerstieben in prächtigen Funkenregen, Galaxien vollführen phantastische Tänze. Der DDR-Neuausgabe sind zehn Graphiken Scheerbarts nebst dem dazugehörigen Begleittext beigegeben: "Jenseitsgalerie" (1907). Die surrealistischen s/w·Illustrationen zeigen "die großen Gestalten jenseits der Neptunsbahn" (S. 182), planetengroße Meteorlebewesen mit kometenartigen Gliedmaßen und menschenähnlichen Gesichtern.

Es geht Scheerbart wie den Mondmännern nicht darum, das Weltgeschehen zu begreifen, er ist in diesem Sinne unwissenschaftlich, er will den Formenreichtum bestaunen und sich und den Leser an den phantastischen Gestalten und Formen, an den Wohlgerüchen und kosmischen Klängen berauschen. Angewidert und belustigt blickt Scheerbart von der hohen Warte der reinen Anschauung auf das niedere Leben der "Erdrindenbewohner" und läßt es einen Mondmann, mit Blick auf den Militarismus der europäischen Großmächte, verspotten: "Das ganze Mordsleben auf Erden erzeugt, wenn mans ohne Mitgefühl von oben herab betrachtet, durchaus komische Effekte. Und wir haben daher wohl ein Recht, den Stern Erde zu den komischen Sternen zu rechnen. Dieser Umstand erklärt wohl mein Interesse für die Erde – mehr als alles andere. Ich liebte wohl unbewußt nur das Komische an ihr" (S. 173).

Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Paul Scheerbart von einem Kritiker durchaus zutreffend als "verbitterter Satiriker, der sich in eine phantastische, verzerrte Welt geflüchtet hat , um dort Linderung einer Sehnsucht zu suchen, die ihm das reale Leben nicht zu stillen vermag" (Karl Ettlinger), bezeichnet. 70 Jahre nach seinem Tod hat sich nur soviel geändert, daß Paul Scheerbart heute sicher nicht hungers sterben würde – er würde sich totlachen.

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