Eskapistisches Kino zwischen Mythen und Märchen

Erstellt: Samstag, 01. Oktober 1983 Veröffentlicht: Donnerstag, 02. Januar 2020 Geschrieben von Christian Hellmann Drucken E-Mail

Erstveröffentlichung: SFT 10/84

Flucht in Fabelwelten 

1. Teil: Ursprünge und Vor1äufer des Fantasyfilms

Phantásien, das Land unserer Träume, wird zur Zeit in zahlreichen deutschen Kinos vom alles verschlingenden Nichts bedroht. DIE UNENDLICHE GESCHICHTE, mit Produktionskosten von rund 60 Millionen Mark als teuerster deutscher Film aller Zeiten angekündigt, wagt sich in die bisher fast ausschließlich anglo-amerikanische Domäne des Fantasy-Films vor. Ob aus dem literarischen Welterfolg mit Übersetzungen in 27 Sprachen auf der Leinwand tatsächlich eine "unsägliche Geschichte"1 wurde, wie Autor Michael Ende behauptet, soll an anderer Stelle erörtert werden.

 

Das Geheimnisvolle und Phantastische übt seit jeher eine große Begeisterung auf die Menschen aus, da es ihnen Dinge näher bringt, die außerhalb ihres eigenen Erfahrungsbereiches liegen. Diesem Publikumsbedürfnis kommt der Fantasy-Film entgegen, der sich als spezifisches Filmgenre einer exakten Definition weitgehend entzieht.

Neben dem Science-Fiction- und dem Horror-Film verkörpert er die dritte Spielart des phantastischen Kinos, wobei die ohnehin nur schwer zu fassenden Abgrenzungen zunehmend verschwinden, da jedes Subgenre Elemente des anderen in sich aufnimmt. So lassen sich beispielsweise in der STAR WARS-Trilogie für die Fantasy typische märchenhaft-romantische Elemente nachweisen (Prinzessin, Ritter, (Laser-)Schwert etc.), während KRULL SF-Motive enthält (die aus dem Weltall kommende 'schwarze Festung', Laserwaffen) und CONAN einen gewissen Horroreinschlag nicht verleugnen kann (Halbwesen Priester /Schlange).

Die eigentlichen Themen des Fantasy- Films, sofern diese überhaupt existieren, sind nicht originär, sondern entstammen der reichhaltigen filmgeschichtlichen Schatzkiste, aus der im phantastischen Film selbst noch die gegensätzlichsten Versatzstücke Verwendung fanden. Dieses Phänomen dürfte mitentscheidend sein für das innovative Potential, welches dem oft totgeglaubten phantastischen Film zumindest theoretisch neue Perspektiven eröffnen kann. Daß dennoch häufig nur "futuristisches Dekor mit alten Themen (gefüllt) oder alte Hüte auf utopisch (getrimmt)"2 werden, mag in der Phantasielosigkeit der Filmemacher oder in den genormten Publikumserwartungen begründet liegen.

Die Erschaffung imaginärer Welten ist so alt wie das Kino selbst. Bereits der französische Filmpionier Georges Méliès (1861-1938) ließ in seinen im eigenen Filmstudio gedrehten Filmen die Akteure in phantastische Welten aufbrechen, welche die Zuschauer nie zuvor gesehen hatten. In LE VOYAGE DANS LA LUNE (1902) führt die Reise zum Mond, während die Mitglieder der 'Gesellschaft für inkohärente Geographie' in LE VOYAGE A TRAVERS L'IMPOSSIBLE (1904) mit einem Zug u. a. den Weg zur Sonne sowie den Meeresgrund erkunden. In LES QUATRE CENTS FARCES DU DIABLE (1906) läßt ein vom Teufel verführter Wissenschaftler seine Kutsche von einem mechanischen Pferd durchs All ziehen. Eines der ersten Ungeheuer des noch jungen phantastischen Films kreierte Méliès 1912 in dem Film A LA CONQUETE DU POLE, der immerhin bereits eine Länge von rund 40 Minuten aufwies. Eine Forschungsexpedition begibt sich darin mit einem vogelähnlichen Flugfahrzeug zum Nordpol, wo ein unvermutet auftauchender Schneeriese mit einer Kanone bekämpft werden muß.

Wichtig bei all diesen Filmen ist das Reisemotiv. Die Helden sind unterwegs; nur durch die Reise wird die Geschichte überhaupt möglich und erlebbar. Sie bleiben in Bewegung, weil sie auf der Suche nach einer Prinzessin, einem Schatz, einer Wunderwaffe , einer langersehnten Rache – oder einfacher: ihrer Erfüllung, ihrem Schicksal sind.

Während den Fantasy-Filmern heute eine ausgefeilte Tricktechnik zur Verfügung steht, ließ Méliès seine naive Fabulierfreude mittels einfachster Methoden auf der Leinwand Gestalt annehmen. Der ehemalige Zauberer und lllusionist verwandte sämtliche Möglichkeiten der Theatermechanik und bediente sich photographischer Tricks wie Doppelbelichtung, Einzelbildaufnahme oder 'Kasch', deren Entdeckung er, wenn man der Historie glauben darf, für sich verbuchen kann. Das Ungeheuer in A LA CONQUETE DU POLE ließ Méliès gar in Originalgröße aus Holz im Studio errichten und mittels Scharnieren und Seilen bewegen.

Méliès verkaufte seine Filme (was damals noch ein übliches Verfahren war, nach Gründung der ersten Verleihfirmen aber mit zu seinem Bankrott beitrug) überwiegend an Wanderbühnen und Jahrmärkte, die zur Entstehungszeit des Mediums Film bekanntermaßen eine wichtige Rolle spielten.

Auf diese Vergangenheit zurückweisende Spuren lassen sich auch heute noch im Fantasy-Film aufspüren3 : Die Muskelmänner, die ihre Bizeps für das zahlende Publikum spielen lassen, die dem Voyeurismus preisgegebenen biologischen Kuriositäten, die ausgestellten wilden Tiere oder ganz einfach die grotesken Verkleidungen.

Der Fantasy-Film bezieht seine Grundstrukturen, seine Themen und Typen aus zahlreichen Filmsparten, welche er zu einer eigen- und einzigartigen Synthese zusammenführt.

Bei den nachfolgend aufgeführten Filmen kann in der Regel (mit Ausnahmen) nicht von lupenreinen Fantasy-Produktionen gesprochen werden, obwohl die verschiedensten Elemente sicherlich enthalten sind. Die "Fantasy als Genre ist ein Kind der 60er und frühen 70er Jahre"4 und ist erst ab den 70er Jahren als "kommerzielle Kategorie greifbar"5.

Die Filmbeispiele auf den nächsten Seiten sollen vielmehr dokumentieren, aus welchen Bereichen die Fantasy-Filme der letzten Jahre (die in der nächsten Folge zu behandeln sein werden) ihre Inspirationen bezogen haben und auf welchen enormen filmgeschichtlichen Fundus sie zurückgreifen konnten.

 

Märchenfilm

Märchenfilme thematisieren keine technologischen Errungenschaften, bei ihnen steht statt dessen eine Fabulierfreude im Vordergrund, bei der frei von ernstgemeinter Darstellung einer bekannten Realität mit den Möglichkeiten des Films spielerisch umgegangen werden kann.6

Prinzipiell ist alles möglich und nichts unwahrscheinlich: Zauberer beherrschen die Naturgewalten, Hexen reiten auf ihren Besen durch die Lüfte, einzige Grundvoraussetzung: der Sieg des Guten. Denn Märchenfilme (oftmals mit kindlichen Protagonisten oder an ein junges Publikum gerichtet) zeichnen sich neben Vergröberung bzw. Verniedlichung gesellschaftlicher Zustände auch durch eine schulmeisterliche Moralisierung aus.

Für Deutschland ist als Märchenfilm MÜNCHHAUSEN erwähnenswert, ein Prestigeobjekt der Nazis, das 1942 für 6,6 Millionen Reichsmark unter der Regie von Josef von Baky in den UFA-Filmstudios Babelsberg abgedreht wurde. Die Hauptrolle des legendären Lügenbarons in diesem farbigen 7 Leinwandopus, zu dem der verbotene Autor Erich Kästner unter dem Pseudonym Berthold Bürger das Drehbuch schreiben durfte, verkörpert Hans Albers. MÜNCHHAUSEN orientiert sich, vor allem bei den Szenen im Orient, an ausländischen Vorbildern. Pate dürfte der 1939/40 vom englischen Filmmogul Alexander Korda produzierte Farbfilm THE THIEF OF BAGDAD (Der Dieb von Bagdad) gestanden haben, die Neufassung eines bereits 1924 mit Douglas Fairbanks in der Hauptrolle verfilmten Stoffes. In dieser Geschichte aus 1001 Nacht gibt es fliegende Teppiche und Spielzeugpferde, riesenhafte Dschinnis, geheimnisvolle Tempel, sechsarmige Derwische und vieles mehr – ein Arsenal, das mehr oder weniger abgewandelt auch heute noch in Fantasy-Filmen Verwendung findet. Die Szene aus KRULL (Krull, England 1982/83), in der ein Akteur ein gigantisches Spinnennetz auf dem Weg zum Ziel überwinden muß, gibt es z. B. bereits im THIEF OF BAGDAD rund 40 Jahre zuvor. Wichtig für den Film ist die märchenhafte = orientalische Atmosphäre, wobei der Orient nicht als geographisch exakt zu definierendes Gebiet, sondern als 1001-Nacht-Wunderland verstanden werden muß.

Nachdem sämtliche weiße Flecken auf der Weltkarte beseitigt waren, mußte die Sehnsucht der Zuschauer nach anderen Lebensformen und Plätzen, in die sie ihre Wünsche projizieren konnten (zugleich eine Flucht aus der eigenen Realität), in Kunstwelten verlegt werden, wofür die Fantasy prädestiniert ist. Deren Ursprünge sieht Helmut W. Pesch dementsprechend auch im "phantastischen Abenteuerroman, in dem sich Elemente der Reiseliteratur, des Okkulten und des Exotismus mischen" 8.

So existieren als Subgenre im phantastischen Film die sogenannten Expeditionsfilme, in denen weiße zivilisierte Männer in unerforschte (und natürlich auch völlig frei erfundene) phantastische Welten eindringen, die nicht selten ihre Gemütsverfassung oder ihr eigenes Unterbewußtsein widerspiegeln. Die Reisen führen zu geheimnisvollen Inseln, tiefen Dschungeln, unentdeckten Hochplateaus und sogar unter die Erde.9

Die SF verlegte die neue 'frontier' einfach ins Weltall. Nachdem aber "die reale Raumfahrt zwar die Erfüllung, zugleich aber auch die Zerstörung eines elementaren utopischen Mythos geschaffen hatte" 10 , war eine Neuorientierung vonnöten, von der die Fantasy profitierte.

Ihre imaginären Fabelwelten sind jedweden aktuellen Bezuges enthoben und zeitlich nicht genau zu fassen. Angesiedelt sind sie vor 12.000 Jahren oder vor dem Untergang von Atlantis oder auch nur in einer obskuren 'vorchristlichen Ära', in jedem Falle aber in einer prä- (unter Umständen auch post-) technischen Zeit. Die Wissenschaft spielt in der Fantasy keine Rolle und ist höchstens in Form von Alchimie vertreten. Der Thematik des Kampfes zwischen 'weißer' und 'schwarzer' Science in der SF entsprechen in der Fantasy die Auseinandersetzungen von guten und bösen Zauberern. Erst in neueren Filmen (z. B. KRULL) werden vereinzelt technische Elemente integriert.

Als zwei weitere gelungene Märchenfilme mit Fantasybezug seien noch erwähnt: In LOST HORIZON (In den Fesseln von Shangri-La, USA 1937) wird eine unbekannte, in völliger Harmonie zusammenlebende Kultur im asiatischen Hochgebirge entdeckt (ein Remake des Stoffes erfolgte 1972).

THE WIZARD OF OZ (Das zauberhafte Land, USA 1939), ein auch heute noch häufig zitierter Film, schildert , wie das Mädchen Dorothy gemeinsam mit einer Vogelscheuche, einem Löwen und einem Blechmann eine böse Hexe bezwingt.

Der 'sense of wonder' sowie die Liebe zum phantasievollen Detail, welche sich in diesem Film wiederfinden, wäre vielen Produktionen der neueren Zeit zu wünschen.

 

Antik-, Sagen- und Ritterfilme

Eine exakte Trennung zwischen diesen Filmsparten bzw. herausgebildeten Subgenres anhand von Erzählstrukturen oder Themenvorstellungen läßt sich nicht vornehmen. Sagen, Märchen, Mythen und Legenden vermischen sich mit tatsächlicher Historie, wobei die Filmemacher nicht gerade kleinlich sämtliche Zu taten mit einem gehörigen Schuß Phantasie versehen in ein kinogerechtes Spektakel münden lassen. Der Fantasy-Film darf als legitimer Nachfolger dieser Sparten gelten, wobei seine Produktionen die aller anderen an Abenteuerlichkeit und Geschichtsklitterung oftmals sogar noch überragen. So ist die 'Sword & Sorcery' (Schwert und Magie), eine Spielart der Fantasy, auch als Analogiebildung zu 'Cloak & Dagger' (Mantel und Degen) zu verstehen11 , womit bestimmte Ritter- und Kostümfilme bezeichnet werden.

Die barbarischen Muskelprotze, die in der S & S-Fantasy schwertschwingend und frauenschändend durch die archaischen Lande ziehen (Conan & Epigonen) haben ihre direkten Vorläufer in den Antik- (respektloser: Sandalen-) Filmen, die vor allem in den 50er und 60er Jahren in der römischen Filmstadt Cinecitta im Dutzend billiger auf den Markt geworfen wurden. Bereits in der Stummfilmzeit hatte der italienische Film derartige Kostümepen hervorgebracht, die selbst amerikanische Monumentalfilmer wie Cecil B. DeMille beeinflußten. 12 Waren es erst historische Persönlichkeiten, so standen in den 50er und 60er Jahren nahezu ausschließlich antike Muskelhelden im Vordergrund, die tatsächlich gelebt haben sollen (Spartacus), der Sage entlehnt (Herkules) oder ganz einfach frei erfunden wurden (Maciste).

Das Augenmerk des Zuschauers wurde stets auf die physischen Qualitäten der Helden gelenkt, denen dank ihrer übermenschlichen Kraft der Nimbus der Unbesiegbarkeit vorauseilte. Die Abenteuer, welche ihnen die Drehbuchautoren andichteten, waren mal mehr , mal weniger phantastisch. In jedem Falle war mit einem Sieg des Guten zu rechnen. Drachen und ähnliche Fabeltiere, gegen die auch Herkules bereits des öfteren anzutreten hatte , spielen in den Märchen und Sagen eine wichtige Rolle, so auch in der deutschen Nibelungen-Sage, die von Fritz Lang in den Jahren 1923/24 mit SIEGFRIEDS TOD und KRIEMHILDS RACHE verfilmt wurde (ein klägliches Remake drehte Harald Reinl 1966).

Hier muß Siegfried in einem Studiowald gegen ein rund 20 Meter langes Drachenmodell antreten, welches im Innern von Menschen bewegt wurde. Für den Fantasy-Film haben diese feuerspeienden Ungeheuer nicht an Attraktivität eingebüßt. So können in Walt Disneys DRAGONSLAYER (DER DRACHENTÖTER, USA 1981) die Fortschritte der entsprechenden Tricktechnik bewundert werden. Dort treibt ebenfalls ein furchterregender Drache sein Unwesen und fordert von den Bewohnern eines kleinen Königreiches jedes Jahr eine Jungfrau als Tribut.

Jedoch nicht nur in Form des Untiers enthielt Langs Nibelungen-Version Inhalte und Tendenzen, die heute dem Fantasy-Film von seinen Kritikern vorgeworfen werden. Der Führerkult, die Betonung eines nordischen Ariertums, die Existenz von 'Übermenschen' - dies alles machte zu einem Zeitpunkt, an dem das 'Völkische' hoch in Kurs stand, die Nibelungen-Sage den nationalsozialistischen Machthabern sympathisch, läßt sich aber bedenklicherweise auch heute noch zum Teil in faschistoiden Fantasy-Epen nachweisen. Einen unbedarfteren, weniger tendenziösen Umgang mit Sagen, Märchen und der Historie betreibt der amerikanische Trickspezialist Ray Harryhausen in Zusammenarbeit mit seinem ständigen Produzenten Charles H. Schneer. In Filmen wie THE 7th VOY AGE OF SINDBAD (Sindbads siebte Reise, USA 1957 /58) oder JASON AND THE ARGONAUTS (Jason und die Argonauten, GB 1961/ 63) läßt er seine Phantasiehelden gegen fechtende Skelette, Zyklopen, Bronzeriesen, Drachen und mehrköpfige Riesenvögel antreten. 13 Die Protagonisten befinden sich wie gehabt auf Reisen und müssen auf dem Weg zu ihrem Ziel zahlreiche Kreaturen überwinden.

Die Drehbücher zu diesen Filmen wurden nicht unter dem Gesichtspunkt der Wahrscheinlichkeit oder gar möglichst exakter Vorlagentreue geschrieben, sondern sollten vielmehr lediglich einen erzählerischen Rahmen für die Stop-Motion-Effekte Harryhausens schaffen.

Als Paradebeispiel dafür, welch enge Synthese Sage und Historie eingehen können, mag König Arthur gelten, der mit seinen zwölf 'Rittern der Tafelrunde' auf der Suche nach dem 'heiligen Gral' (der Erfüllung aller Sehnsüchte, dem vorausbestimmten Schicksal) war. Der Mythos um diese nachgewiesenermaßen unhistorische Figur wurde in zahllosen Ritterfilmen verarbeitet und beeinflußte auch den Fantasy-Film. Dort wurde der Stoff zuletzt explizit in John Boormans langjährigem Traumprojekt EXCALIBUR (EXCALIBUR, USA/GB 198 1) thematisiert, für dessen Titel nicht König Arthur (auch Artus), sondern der Name eines Zauberschwertes gewählt wurde.

 

Superhelden-Filme

Es ist deutlich geworden, daß die Themen und Typen, aus denen der Fantasy-Film schöpft, verschiedenster Herkunft sind.

Die Heldengalerie, deren stets männliche Mitglieder allenfalls um die Gunst einer Frau kämpfen, besteht aus Rittern, Muskelmännern, Sagenfiguren oder Märchengestalten, niemals aber aus durchschnittlichen Alltagsmenschen. Diese antiken oder mittelalterlichen Heroen finden ihre neuzeitliche Entsprechung in den sogenannten Superhelden, die mit Wissenschaft und Technik ebenso hantieren wie ihre Kollegen mit Schwert und Magie. Eine weitere Gemeinsamkeit bilden die überlegenen Körperkräfte, die sie durch hartes Training, Tricks oder einfach durch Zufall erworben haben.

Bei den filmischen Superhelden handelt es sich fast ausschließlich um Comic-Strip-Adaptionen, die in den 30er und 40er Jahren in Form sogenannter Serials (kurze Fortsetzungsfilme, die nach dem berühmten 'cliffhanger'-Prinzip jeweils mit einer schier ausweglosen Situation enden, aus der sich der Held in der nächsten Folge jedoch stets erfolgreich befreien kann) in die Kinos kamen. Analog zum Fantasy-Film plünderten die Serials die Arsenale aller möglichen Filmsparten und mixten eigentlich unvereinbar scheinende Elemente zu einem künstlichen Produkt, das neben Einfallsreichtum von einer teilweise reizvollen Trivialität bestimmt wurde, wobei wieder einmal Märchen und Mythologien Pate standen. Selbst in ihrer Ausstattung bestanden sie häufig aus einer Ansammlung bereits benutzter Kulissen. Daß sich durch das Serienprinzip die Grundmuster der durch Tempo und Aktion bestimmten Filme niemals änderten, konnte die Attraktivität der Serials für das Publikum kaum schmälern.

Zu den bekanntesten und zugleich erfolgreichsten Serials zählt Flash Gordon (USA 1936)14, in dem der Held gleichen Namens in irrealen SF-Welten seine Gegenspieler bekämpft und seine ' lebenslängliche' Verlobte aus immer neuen Gefahren befreit.

Eine große Anzahl von Superhelden agierte aber auch auf der Erde und trat der schutzbedürftigen Menschheit als Freund zur Seite, indem sie die Feinde derselben bekämpften.15 Als perfekte Verkörperung dieses Figurentypus gilt 'Superman', der in jüngster Zeit sogar in drei Spielfilmen aufgetreten ist.16

Dieser "Mythos des Atomzeitalters" 17 ist nicht-irdisch, sondern stammt vom entfernten Planeten Krypton (einer Art Götterolymp?). Auf der Erde besitzt er buchstäblich Superkräfte, ist unverwundbar, kann fliegen und noch einiges mehr. Auffallend bei all diesen Superhelden ist ihre geradezu neurotische Vorliebe für Verkleidungen. Sie schlüpfen in bunte Trikots, verhüllen sich mit ausgefallenen Masken oder schmücken sich mit wehenden Umhängen, wodurch wieder einmal auf die Verwandtschaft zwischen Film und Jahrmarkt verwiesen wird.

Lediglich Tarzan, der unter Affen aufgewachsene Sohn des Dschungels (nach Erzählungen von Edgar Rice Burroughs) begnügt sich mit einem Lendenschurz und steht damit den nachwachsenden barbarischen Heldengenerationen wohl am nächsten.

Neben dem Heldenideal, dem wohl ein Übermenschen-Habitus vorgeworfen werden muß, existieren noch weitere Parallelen zwischen dem Superhelden und dem Fantasy-Film.

Stets sind es relativ einfache, durchschaubare Verhältnisse, die aus dem Lot geraten, aber durch den Einsatz eines beherzten Recken (fast immer mittels Gewalt) wieder in Ordnung gebracht werden können. Die tapferen Einzelkämpfer auf der Leinwand wenden die verschiedensten Bedrohungen von ihrer Geliebten, einem Königreich oder der ganzen Welt ab.

Das Gut/Böse-Schema ist nicht gerade fein gestrickt. Die Figuren sind jeweils so angelegt, daß Freund und Feind für das Publikum auf den ersten Blick zu unterscheiden sind. Die Helden sind zwar nicht immer blauäugig und blond gelockt, treten aber durch einen aufrechten Gang, ehrlichen Blick und edle Motive und Absichten hervor. Die Widersacher sind dagegen finster und verschlagen, skrupellos und fanatisch. Ihre Geisteshaltung wird bereits durch den Gesichtsausdruck verkörpert. Sie tragen dunkle Kleidung und nicht selten ein skurriles Bärtchen. Bereits die Namen kennzeichnen ihre Gesinnung:

- 'schwarze Festung' in KRULL,

- 'Lord Nekron' (griechische Vorsilbe für Tod) in FIRE AND ICE, wobei hier noch Elemente als Symbolverkörperungen hinzukommen,

- 'Blackwoir in WIZARDS oder

- 'Darth Vader' (Zusammenziehung aus 'dark' und 'death') in STAR WARS.

 

Die Bösewichter unterhalten zumeist eine Art Hofstaat, der ihnen hündisch ergeben ist, und in dem sich zugleich ihr Machtanspruch als auch ihre sittlich-moralische Verkommenheit widerspiegeln. Selbst in rassischer Hinsicht (vgl. Übermenschen-Ideologie!) unterscheiden sie sich von den Helden:

- asiatische Gesichtszüge des Diktators 'Ming', der den Beinamen 'der Gnadenlose' trägt, in Flash Gordon,

- die farbigen Bösewichter Thulsa Doom (= schicksalhaftes Verhängnis, Jüngstes Gericht) in CONAN oder der Hohepriester einer Spinnensekte in ATOR L'INVINCIBLE.

 

Zu Weltkriegszeiten hatten die Superhelden in der Rolle amerikanischer Weltpolizisten sogar gegen ganz reale Feindbilder wie Nazis oder Japaner zu kämpfen. Die Fantasy-Filme scheinen dem Wunsch nach einem bis ins Extrem simplifizierten Kampf zwischen Gut und Böse in möglichst einfachen und durchschaubaren Verhältnissen zu entsprechen, wobei das Böse vom Helden in jedem Falle besiegt (meistens getötet) wird.

In diesem Zusammenhang fällt der Film THE DARK CRYSTAL (DER DUNKLE KRISTALL, GB/USA 1982) positiv auf, dessen Ende dahingehend interpretiert werden kann, daß in jedem Wesen Gut und Böse existieren, quasi als die beiden untrennbaren Seiten einer Medaille. Und erst wenn der Mensch diese seine Natur verstanden und akzeptiert hat, kann etwas Gutes daraus entstehen. (WIRD FORTGESETZT!) (c) 1984 by Christian Hellmann

 

ANMERKUNGEN

1 aus einem Interview mit Michael Ende in der ARD-Fernsehsendung "Die unendliche Geschichte" (23.04.84) von Wilhelm Bittorf und Ulli Pfau.

2 Fuchs, Wolfgang J .: "Comic-Helden und Medienwechsler", in: Giesen, Rolf: Der phantastische Film, Ebersberg/Obb. 1983, s. 170.

3 vgl. Menningen, Jürgen: "Fantasy-Almanach", in: CINEMA Sonderband Nr. 5, s. 46 f.

4 Pesch, Helmut W. : Fantasy. Theorie und Geschichte, Forchheim 1982, S. 23 .

5 Pesch, S. 23.

6 vgl. Rowohlt-Filmlexikon, Bd. 1, Reinbek bei Harnburg 1978, S. 193.

7 MÜNCHHAUSEN war der vierte deutsche Farbfilm, der, obwohl er seine Vorgänger in der Farbqualität bei weitem übertraf, dennoch die Unterlegenheit des in Deutschland entwickelten Farbsystems Agfacolor gegenüber dem amerikanischen Technicolor (z. B. bei THE THIEF OF BAGDAD) dokumentierte.

8 Pesch, S. 23.

9 Z. B. in THE LOST WORLD (Die verlorene Welt, USA 1923-25), KING KONG (King Kong und die weiße Frau, USA 1933), JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH (Die Reise zum Mittelpunkt der Erde, GB 1959), MYSTERIOUS ISLAND (Die geheimnisvolle Insel, GB 1960), THE LAND THAT TIME FORGOT (Caprona - das vergessene Land, GB 1975), AT THE EARTH'S CORE (Der sechste Kontinent, GB 1976) etc.

10 Menningen, S. 46

11 vgl. Pesch, S. 29

12 Z. B. QUO VADIS (191 2), MARC ANTONIO E CLEOPATRA (1913), GLI ULTIMO GIORNI Dl POMPEI (1913), NERONEE AGRIPPINA (1913), CAIUS JULIUS CAESAR (1914) oder CABIRIA (1914).

13 Als ähnlich gelagerte Produktionen von Harryhausen folgten noch THE GOLDEN VOY AGE OF SINDBAD (Sindbads gefährliche Abenteuer, GB 1972/73), SINDBAD AND THE EYE OF THE TIGER (Sindbad und das Auge des Tigers, GB 1975-77) sowie CLASH OF THE TITANS (Kampf der Titanen, USA/GB 1979-81).

14 Um an den Erfolg anzuknüpfen, wurden noch zwei Nachfolge-Serials produziert: Flash Gordon - Space Soldier's Trip to Mars (USA 1938) und Flash Gordon Conquers the Universe (USA 1940).

15 Mandrake, the Magieion (USA 1939), The Green Hornet (USA 1939), The Green Hornet Strikes Again (USA 1940), Adventures of Captain Marvel (USA 1941), The Phantom (USA 1943), Batman (USA 1943), Captain America (USA 1944), Superman (USA 1948), King of the Rocket Man (USA 1949).

16 SUPERMAN – THE MOVIE (Superman - Der Film, GB 1977/ 78), SUPERMAN II (Superman II – Allein gegen alle, GB 1979), SUPERMAN III (Superman III – Der stählerne Blitz, GB 1982). 17 Menning en, S. 55

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