Eskapistisches Kino II

Erstellt: Donnerstag, 01. November 1984 Veröffentlicht: Donnerstag, 02. Januar 2020 Geschrieben von Christian Hellmann Drucken E-Mail

Erstveröffentlichung: SFT 11/84

Flucht in Fabelwelten

2. Teil: Ein neuer Irrationalismus füllt die Kassen

lndiana Jones, der synthetische Abenteurer-Typ par excellence, jagt dem heiligen Sankara-Stein oder der legendären Bundeslade hinterher, als hinge sein Seelenheil davon ab. Um das Traumland Phantasien zu retten, nimmt Atreju, ein kleiner Indianerjunge, den Kampf gegen das alles verschlingende Nichts auf. Die Suche nach der entführten Prinzessin zwingt Prinz Colwyn, das 'unbeschreibliche Ungeheuer' der 'schwarzen Festung' zu töten. In narzißtischer Verzückung präsentiert ein Barbar namens Conan seine geölten Muskelpakete, mit denen er Feinden Böses und Frauen 'Gutes' antut. All die oben angesprochenen Filme, deren Inhalt sich in der Regel in einem Satz zusammenfassen läßt, stehen für einen Trend, der das Unterhaltungskino mittlerweile seit einigen Jahren dominiert: Ein neuer Irrationalismus, propagiert durch zahllose SF- und Fantasy-Produktionen, füllt die Kassen. Dank dieses Phänomens wurden Einspielergebnisse möglich, die zuvor lediglich als Wunschträume in Produzentenköpfen existierten.

 

Die ersehnte Flucht aus der Realität

Gewannen frühere Kassenerfolge (wie etwa GONE WITH THE WIND) durch Geschichtsklitterung und Realitätsschönung ihr Publikum, so vollzieht sich der Eskapismus unserer Tage radikaler. Völlig von der Realität abgehoben, denn für die Flucht aus eben dieser zahlen die Zuschauer Eintritt, beherrschen heute Stoffe die Leinwand, denen die führenden US-Produktionsfirmen noch vor gut zehn Jahren keinerlei Chancen eingeräumt hätten.

Die 70er Jahre begannen mit Ausnahme herausragender Einzelleistungen 1 finster für Genre-Liebhaber. Obwohl spätere Regie-Talente wie Lucas, Spielberg oder Carpenter im Genre debütierten 2, war der SF-Film nicht zuletzt durch Kubricks 2001 in Frage gestellt. Die bisherigen Inhalte und Formen hatten sich überlebt. Schlagworte wie Ölschock, Rezession sowie Massenarbeitslosigkeit charakterisierten die politische und wirtschaftliche Situation Mitte der 70er Jahre. Das Hollywood-Kino reagierte darauf mit Katastrophen-Filmen, in denen Symbole westlicher Zivilisation in Bedrängnis gerieten. 3 Diese oberflächlichen, stets nach gleichen Mustern aufgebauten Desaster-Spektakel besaßen systembejahenden Charakter 4 . Sie entführten die Zuschauer aber nicht in schillernde Märchenwelten, die entspannt zurückgelehnt genossen (sprich: konsumiert) werden können, sondern 'unterhielten', indem sie für ein mit Reizen überflutetes Publikum die Reizdosis einfach weiter erhöhten 5 . Die heimliche, verdrängte Freude am Elend anderer sowie die Lust an der Zerstörung sollte bald einem vollkommeneren Eskapismus Platz machen. Der 1944 geborene amerikanische Regisseur George Lucas vollzog die 'Wende', welche für den SF- und auch Fantasy-Film die Initialzündung bedeutete.

 

Mytheneintopf in utopischem Gewand

Lucas schrieb ein Script, das erst von United Artists und Universal abgelehnt wurde, ehe die zu diesem Zeitpunkt finanziell angeschlagene Centfox 1976 mit der Produktion von STAR WARS (Krieg der Sterne) begann. Der Film verbindet in einer einmaligen Synthese Kinomythen aus Serials, Western-, Piraten- sowie Mantel- und Degen-Filmen mit Märchen- und SF-Motiven.

"Ich (hatte) mir zum Ziel gesetzt, der heutigen Generation von Kinobesuchern unbegrenzten Spielraum für eine ehrliche Rundum-Fantasie zu schaffen, sie aus der Enge ihres Alltags herauszureißen und davon träumen zu lassen, in ein bereitstehendes Raumschiff zu springen, ferne Planeten anzusteuern, tollkühne Abenteuer zu bestehen und schließlich die in Gefangenschaft schmachtende Prinzessin zu erlösen. ( ... ) Ich wollte keine unverdauliche intellektuelle Kost fabrizieren, sondern eher in Richtung Walt Disney drehen. Man könnte so KRIEG DER STERNE zu den Märchenfilmen rechnen. Und die Gebrüder Grimm könnten, wenngleich zeitversetzt, das Drehbuch geschrieben haben." 6

Mit seinen zehn Millionen Dollar Produktionskosten spielte STAR WARS bis heute rund das Zwanzigfache dieser Summe ein. Der gigantische Erfolg, welcher eine ganze Nachfolgeindustrie beflügelte, machte phantastische Stoffe für das Kino wieder salonfähig.

 

Laserschwerter im Weltall

Auch die Renaissance des Fantasy-Films nahm mit STAR WARS ihren Anfang, vereint Lucas' Eskapismus-Eldorado doch teilweise dessen Sujets mit denen des SF-Films. Der jugendliche Held kämpft mittels Laser-Schwert (!) um eine entführte Prinzessin und nebenher noch für die Befreiung einer ganzen Galaxis. Darth Vader, der üble Widersacher im Sternenkrieg, könnte ebenso als finsterer Herrscher eines Königreiches fungieren, an den er von seiner Kleidung her sowieso erinnert.

Kennzeichnend für den Fantasy-Film sind die simplen Typisierungen. Die gegensätzlichen Pole von Gut und Böse treten in den Protagonisten personifiziert zutage. Die Helden tragen helle, offene Kleidung, während die Widersacher dunkle Gewänder bevorzugen und sich durch Masken oder Umhänge verhüllen. Charakteristisch ist auch die Fremdbestimmung, die eine Reise/Suche auslöst, an deren Ende sich das unausweichliche Schicksal vollzieht. In STAR WARS treibt George Lucas es sogar so weit, daß die 'good guys' durch eine mysteriöse 'Macht' gelenkt werden, die ihnen helfend zur Seite steht.

Einerseits mag man Derartiges - je nach Standpunkt - als oberflächliches Verdummungskino oder gelungene Unterhaltung beurteilen, andererseits dürfen die dem eskapistischen SF- und Fantasy-Film impliziten Gefahren nicht übersehen werden. Faschistoide Leitbilder und ebensolche Verhaltensweisen sowie unterschwelliger Rassismus - dies sind die Vorwürfe, die gegen zahllose einschlägige Produktionen erhoben werden. George Lucas bereitete den Boden, auf dem bis heute viele ernten, ohne jedoch die 'Meisterschaft' des Vorreiters zu erreichen. Gemeinsam mit Steven Spielberg betreibt dieser das erfolgreiche System der Mythenverquickung weiter. Neuestes Produkt: INDIANA JONES AND THE TEMPLE OF DOOM (lndiana Jones und der Tempel des Todes).

Dank der hervorragenden Einspielergebnisse phantastischer Produktionen setzte eine Flut von SF- und Fantasy-Filmen ein, wobei sich die genre-eigenen Mythen und Versatzstücke ständig weiter miteinander verquickten. So entstand beispielsweise das Misch-Genre des 'Barbarenflims', der seine aus Fantasy-, Ritter- oder Western-Filmen stammenden Figuren in vorchristliche Zeiten oder utopische post-doomsday-Szenerien 7 verpflanzt. Dieses beliebige, austauschbare Spiel mit einzelnen Elementen belegt den trivialen, comichaften Charakter des gesamten Genres. Nur wenige Produktionen konnten tatsächlich den verfügbaren Spielraum an Phantasie nutzen. Viel häufiger wurden abgenutzte Klischees, die sich einmal als kassenträchtig erwiesen hatten, bis zur Unerträglichkeit reproduziert.

Ein Beispiel hierfür ist Conan der Barbar, der als bekannteste Figur des Trivialschreibers Robert E. Howard (1906 - 1936) zu den herausragenden Vertretern der 'Heroic Fantasy' zählt. Dieser oftmals als 'Schlagetot' apostrophierte Charakter fand nach einer lang anhaltenden Promotionskampagne 1982 den Weg auf die Leinwand. Als Regisseur wurde John Milius verpflichtet, der sich durch THE WIND AND THE LION (Der Wind und der Löwe, USA 1974) sowohl als "versierter Geschichtenerzähler", aber auch als "faschistischer Prophet der Gewalt" 8 empfohlen hatte.

Conans Charakter erfuhr im Gegensatz zu den Buchvorlagen allerdings eine Wandlung. Im Film ist er nicht mehr der bezahlte Söldner, der für Geld jeden erschlägt, sondern handelt aus persönlichen Rachemotiven. Als Kind mußte er mitansehen, wie seine Eltern von Thulsa Doom und dessen Schergen ermordet wurden. Conan selbst wurde verschleppt. Durch die jahrzehntelange Arbeit am Drehkreuz einer absurden Kornmühle inmitten einer Einöde erwarb er sich gewaltige Muskelkräfte. Der Intellekt jedoch verkümmerte zwangsläufig.

 

Der Barbar als Führer und religiöse Figur

Seine Kampfkraft schulte Conan in ungezählten Gladiatorenkämpfen. Dabei wird der Barbar durch Bild und Text zur Führerfigur hochstilisiert. Original-Off- Kommentar im Film: "Leben oder Tod war ihm gleichgültig; es bedeutete ihm nichts. Aber die rasende Menge, die ihn mit begeisterten Schreien begrüßte und anfeuerte, die bedeutete ihm etwas. Er begann, sich selbst zu entdecken. Er fühlte, daß er etwas wert war."

Conans Verhältnis zu Frauen ist eindeutig, wenn auch etwas differenzierter als in den Buchvorlagen, wo er selbige auch schon mal gegen Pferde eintauscht. Sogar eine weibliche, aber in ihren Verhaltensweisen vermännlichte Kämpferin darf ihm im Film zur Seite stehen. Diese muß ihm allerdings schon nachlaufen, denn Conan macht sich seiner Rache wegen nach dem Beischlaf aus dem Staube. An anderer Stelle will der muskulöse Kämpfer durch seine Liebhaberqualitäten einer Hexe ein Geheimnis entlocken, bevor er sie ins Feuer schleudert. Die übrigen Mädchen des Films. erfüllen lediglich eine dekorative Funktion. Sie illustrieren leicht geschürzt den Hofstaat Thulsa Dooms, um Dekadenz und Verruchtheit zu signalisieren (im übrigen symptomatisch für die Anhängerschaft von Fantasy-Bösewichtern).

Die Figur Conan weist auch religiöse Implikationen auf. Ihm widerfährt eine symbolische Kreuzigung, indem er lebend an einen Fels gekettet wird, mit anschließender Auferstehung. Zudem bestehen die Gewölbe in Thulsa Dooms Herrschaftssitz aus rot-glühend erleuchteten Höhlen, die offenbar landläufigen Vorstellungen von der Hölle nachempfunden sind. Conan erreicht natürlich sein Ziel. Er dringt in Dooms Tempel ein und köpft in einer abstoßenden Sequenz den Bösewicht. Der abgetrennte Kopf wird den erlösten Anhängern Dooms präsentiert und kullert anschließend die Stufen des Tempels hinab.

Conans von Kritikern als faschistoid bezeichnete Verhaltensweisen bleiben vollkommen unreflektiert. Dies mag u. a. auch in John Milius' undifferenzierten Ansichten begründet liegen. So antwortete er in einem Interview auf die Frage, was er von Robert E. Howard als Schreiber halte: "Der Bursche hatte ein paar tolle Ideen und Visionen. Er war ein Groschenheft-Autor, aber ein sehr interessanter. Ich schätze seine historischen Kenntnisse, er verarbeitete jede nur vorstellbare Kultur in seinen Geschichten. Mir scheint, daß ihm, ebenso wie mir, jede Art von Zivilisation verdächtig war." Und weiter Originalton Milius: "Aber das einzige, was die Zivilisation uns gebracht hat, ist die Überbevölkerung." 9

Die Rolle des Barbaren Conan wurde mit dem ehemaligen 'Mister Universum' Arnold Schwarzenegger besetzt, eine Praxis, die schon in den 50er und 60er Jahren bei den Helden der 'Sandalenfilme' schauspielerische Fähigkeiten in Frage stellte. Schwarzenegger besitzt aber die notwendigen Muskelpakete, die im Film beim Schwertschwingen ausgiebig zur Geltung kommen. Der Österreicher hat einen Vertrag für fünf weitere Filme unterzeichnet. Der von Regie-Veteran Richard Fleischer (20.000 LEAGUES UND ER THE SEA, FANT ASTIC VOY AGE) inszenierte CONAN II läuft seit Oktober in unseren Kinos.

 

Barbarische Monotonie

Im Zeitraum zwischen dem ersten Film und dessen Fortsetzung versuchten sich ungezählte Epigonen an CONANs Erfolg anzuhängen. Dramaturgie und Inhalt wiesen zumeist frappierende Ähnlichkeiten auf. Neue Ideen, die eine Bereicherung des Genres zum Ziele gehabt hätten, konnten nicht eingebracht werden.

Stets ist der Held in Bewegung. Auf seiner Reise muß er Auseinandersetzungen mit menschlichen Feinden, Dämonen oder Monstern bestehen, bis er endlich jenes Ziel erreicht, an dem sich sein Schicksal erfüllt. Zumeist spielen Rachemotive oder eine aus der christlichen Religion entlehnte Erlösungsmystik eine Rolle. Nachdem die Eltern getötet wurden, wachsen die muskulösen Sprößlinge in der Gefangenschaft oder bei Pflegeeltern auf, bevor sie ihre Rache vollstrecken.

In THE BEASTMASTER (Beastmaster - Der Befreier, USA 1982, Regie: Don Coscarelli) zieht der Held gegen den bösen Magier Maax; in THE SWORD AND THE SORCERER (Talon im Kampf gegen das Imperium, USA 1982, Regie: Albert Pyun) geht es gegen das böse Ungeheuer Xusia, welches sich die Weltherrschaft sichern will. In SORCERESS10 (Mächte des Lichts, USA 1982, Regie: Brian Stuart) kämpft ein Zwillingspärchen gar gegen den eigenen Vater, welcher als bösartiger Herrscher sein erstgeborenes Kind opfern will. In ATOR L'INVINCIBLE (Ator - Herr des Feuers, Italien 1982, Regie: David Hills) ist der gleichnamige Titelheld dazu auserkoren, gegen einen teuflischen Spinnenpriester zu Felde zu ziehen.

 

Klare Feindbilder

Bei diesem handelt es sich übrigens ebenso wie bei Thulsa Doom in CONAN um einen Farbigen, was den unterschwelligen Rassismus der Barbaren-Filme belegt. Beachtenswert sind auch die durchaus beabsichtigten Assoziationen, die durch Kultfiguren wie Spinnen oder Schlangen beim Zuschauer ausgelöst werden sollen. Thulsa Doom verwandelt sich gleich selbst in eine Schlange, während der Oberpriester in A TOR als Wächter einer Riesenspinne fungiert und zum Zeitvertreib kleinere Spinnen über seinen Körper krabbeln läßt. Hier zeigen sich auch die Unterschiede zwischen Original und Plagiat. Während bei CONAN die Trickeffekte aufwendig und glaubwürdig in Szene gesetzt sind, 'besticht' ATOR in jeder Beziehung durch Bescheidenheit. Beim abschließenden Kampf gegen die Riesenspinne, welcher auf der Bewertungsskala zwischen lächerlich bis peinlich rangiert, sind deutlich die fingerdicken Fäden zu erkennen, an denen die Spinnenbeine aufgehängt sind.

Die eindeutige und zugleich undifferenzierte Polarisierung von Gut und Böse steigert sich bei dem Zeichentrickfilm FIRE AND ICE (Feuer und Eis, USA 1983) ins Extrem. Dort symbolisieren die beiden Widersacher zugleich gegensätzliche Elemente. Während König Jarol in einer Vulkanburg residiert, verwendet Lord Nekron ' seine' Eisgletscher als Waffe. Inszeniert wurde FIRE AND ICE von Ralph Bakshi 11 , der sich selbst gern als eine Art Anti-Disney betrachtet. Beim Entwurf stand ihm der bekannte Fantasy-Illustrator Frank Frazetta zur Seite, der u.a. die Titelbilder der amerikanischen CONAN-Ausgaben zeichnete. Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein schlechter bis ärgerlicher Film, basierend auf Bakshis Rezept, Zeichentrick mit Sex und Gewalt aufzuladen. In FIRE AND ICE ist nahezu alles mißlungen. Die hanebüchene Story beschränkt sich beinahe gänzlich auf Gewaltaktionen, die das Vorurteil bestärken, in der 'Heroic Fantasy' seien ausschließlich 'Schlagetots' am Werke. Trotz des Rotoskopieverfahrens12 wirkt die Animation hölzern. Die Gesichtszüge der Protagonisten wirken unfertig. In ihrer Grobschlächtigkeit erinnern sie eher an die Zeichentrick-Massenware, die im Fernsehen angeboten wird. Lediglich einige Hintergrundmalereien sind gelungen (hier wird Frazettas Einfluß spürbar).

Weitaus schwerer als die technischen Mängel fallen die inhaltlichen Dimensionen negativ in die Waagschale. Neben der plumpen Schwarz/weiß-Zeichnung der Charaktere stört besonders, daß Nekrons affenmenschenähnliche Krieger quasi als 'Untermenschen' präsentiert werden. Sie sind hinterhältig und sadistisch, gedrungen und von dunkler Hautfarbe. Ihre Kommunikation untereinander beschränkt sich auf Grunzlaute. Selbstverständlich dürfen sie von den 'aufrechten Helden' scharenweise dahingemetzelt werden. Das Frauenbild ist, wie bei Bakshi und Frazetta nicht anders zu erwarten, chauvinistisch. Ohne tieferen Grund trägt die Königstochter ihre nackte Haut zu Markte, wenn sie nicht gerade vor lüsternen Affenkriegern auf der Flucht ist. Ihre Bewegungen reduzieren sich auf Pinup-Posen , die den Zuschauer, ob er nun will oder nicht, zum Voyeur degradieren. Überhaupt erhalten Frauen im Fantasy-Film lediglich eine Chance zur Profilierung, indem sie bei Aufgabe jeglicher geschlechtsspezifischen Identität ihre Virilität unter Beweis stellen. Verwegen, trinkfest und kampferfahren wie ein Mann spielen sie dennoch weiter die zweite Rolle, nämlich als Begleiterin des 'wahren Helden'.

 

Archaische Welten einer 'dunklen Vergangenheit'

Die in der Fantasy geschilderten Ereignisse entziehen sich jeglicher historischen Fixierung. Zeit und Ort der Filmhandlungen sind jeweils unbestimmt. Der Pressetext zu ATOR definiert es folgendermaßen: "In vorgeschichtlicher Zeit, in der Muskelkraft und Schwerter herrschten, entbrannten unter den Völkern immer wieder neue Machtkämpfe. Ohne Erbarmen wurden die Feinde hingeschlachtet, jegliche Rache war trügerisch und übernatürliche Kräfte galt es zu bezwingen. Es war die Zeit der Barbaren."

Die Phantasiereiche in einer fiktiven vorchristlichen Zeit werden durch Priester, Zauberer oder böse Herrscher bedroht. Zur Illustration dieser archaischen Welten werden nordische, asiatische und griechische Mythologien geplündert und zu einem neuen Aufguß kompiliert. Bedenklich erscheint das betonte Recht des Stärkeren, denn nur dieser kann in einer Fantasy-Welt überleben. So wird falsch interpretierter Darwinismus rückhaltlos auf die menschliche Gesellschaft übertragen.

Daß der Mensch nicht zur Erlösung aus eigener Kraft befähigt ist, ist auch ein Thema der SF (vgl. 2001). In Fantasy- Filmen benötigen die Helden Zauberwaffen, Magier an ihrer Seite oder einfach die guten Kräfte des Universums, um bestehende Verhältnisse zu verändern.

Bei der Glorifizierung von Gewalt sind selbstzweckhafte Effekte und ausgespielte Kampfszenen natürlich nicht fern. Die Möglichkeit, eine faszinierende magische Atmosphäre zu schaffen und damit den Reiz auszuspielen, der auch trivialer Phantastik innewohnt, gelingt nur wenigen Filmen. Auf den Urgrund der Mythen gewissermaßen besann sich John Boorman, indem er mit EXCALIBUR (Excalibur, USA/England 1981) die Arthur-Sage aus seiner Sicht verfilmte. Im Mittelpunkt steht nicht der legendäre König Arthur (der an einer Stelle sagt: " Ich bin nicht geboren, um das Leben eines Mannes zu leben, sondern um ein Leben zu führen, aus dem Legenden werden."), sondern das Zauberschwert 'Excalibur'. Auch wenn der Regisseur eine gewisse Vorliebe für wagnerianischen Schwulst nicht verleugnen kann (Musikuntermalung, wallende Nebel, infernalische Schlachtengemälde), so ist Boorman doch ein Film voll mythischer Atmosphäre gelungen, der mit der Suche nach dem heiligen Gral parabelhaften Charakter gewinnt: "Der heutige Mensch verliert sein magisches Verhältnis zur Natur und verläßt sich mehr auf seinen Verstand. Eben das ist eine der wesentlichen Aussagen der Legende, daß der Mensch seine magische Beziehung zur Natur einbüßt und eine Richtung einschlägt, die direkt zu unserer gegenwärtigen Technologie und Wissenschaft führt. Aber ohne diese magische Beziehung sind wir unvollkommen. Wir sind der Natur entfremdet, haben etwas Lebenswichtiges verloren. Wir haben zu viel unserer Technologie geopfert. Wie können wir das wiederfinden? Auf keinen Fall gibt es ein Zurück zu der verlorenen Unschuld der Vergangenheit, wir können nicht wieder im Wald leben. Wir müssen also eine eigene Alternative für die Zukunft finden. In der Legende ist das die Suche nach dem Gral, ein Versuch, auf spirituell-transzendentem Wege die Verbindung mit der Magie herzustellen." 13

Versuchte sich EXCALIBUR als Ritterfilm mit Fantasy-Einschlag, so kann man KRULL (Krull, England 1982/83) als Fantasy-Film mit Rittereinschlag bezeichnen. Dieser von Peter Yates inszenierte Film präsentiert sich letztendlich aber auch nur als Nummernrevue aus gängigen Handlungsmustern, Mythen und Filmzitaten. Auch hier tötet Prinz Colwyn mittels einer Wunderwaffe (einer geheimnisvollen fünf-Klingen-Waffe) das 'unbeschreibliche Ungeheuer' in der 'schwarzen Festung', doch die Handlung verläuft längst nicht so blutrünstig wie in anderen Genre-Produktionen. Die KRULL-Protagonisten bestehen ebenfalls eine gefahrvolle Reise. Diese wird aber mit einigen schönen Sequenzen geschmückt (z. B. die Durchquerung eines surrealistisch anmutenden Sumpfwaldes oder die Befragung der 'Witwe im Netz'), bei denen ansatzweise Atmosphäre spürbar wird.

 

Irreale Fantasy-Welten als Fluchtmedium

Was macht eigentlich die Faszination derartiger Phantasie-Welten aus, die in der Regel über kaum einen Bezug zur Realität des Publikums verfügen?

Die anzutreffenden Herrschaftsformen sind überkommen (auch Phantasien wird schließlich von einer Kaiserin regiert); dafür sind die Verhältnisse überschaubar. Die Regeln der modernen Zivilisation, deren komplizierte politische und wirtschaftliche Verflechtungen für den Einzelnen ohnehin kaum noch zu durchschauen sind, existieren hier nicht. Statt dessen bietet sich die Flucht in irreale SF- oder Fantasy-Welten an, die eine Eskapismus-Funktion erfüllen, welche vormals dem Western zufiel.

Die Fantasy-Filme bieten jedoch keinen Anreiz für die eigene Phantasie; sie offerieren lediglich eine Fluchtmöglichkeit garniert mit vorgestanzten Phantasien, die der Zuschauer staunend konsumieren darf. Einen kreativen Freiraum lassen sie ihm nicht. Auch der Film DIE UNENDLICHE GESCHICHTE bietet fertige Bilder für das, was sich der Leser von Endes Buch noch selber ausmalen muß.

Die Fantasy-Filme kennen nur einen archaischen Zustand des Glücks, der durch einzelne böse Herrscher gestört, nach deren Ausschaltung aber wieder hergestellt wird. Die erreichten Veränderungen gehen auf die Aktionen einzelner zurück. Selbst wenn einmal eine Ausgangssituation präsentiert wird, die unserer baldigen Zukunft entsprechen könnte, ist das Happy-End garantiert. So wird aus dem verödeten Land in THE DARK CRYSTAL (Der dunkle Kristall, USA 1983) gegen Ende wieder eine blühende Paradieslandschaft. Ein derartiger Begrünungsvorgang ist in der Realität natürlich unmöglich. Die fortschreitende Umweltzerstörung läßt sich halt nicht durch das Zusammenfugen eines Kristalls aufhalten. Eine Flucht aus der Eigenverantwortung, das Augenverschließen vor bedrohlichen Zuständen - diesen Bedürfnissen kommt der Fantasy-Film entgegen.

THE DARK CRYSTAL ist, trotz obigen Vorwurfs, welcher schließlich alle Genre-Produktionen gleichermaßen trifft, ein Beispiel dafür, daß gute Fantasy zumindest durch phantasievoll arrangierte Schauwerte zu unterhalten versteht. Dieser von Jim Henson und Frank Oz (der auch den Yoda für THE EMPIRE STRIKES BACK entwarf) inszenierte Puppenfilm verkörpert eine 'tourdeforce' für das Auge des Zuschauers, welche zudem noch durch perfekte Technik besticht. Bezeichnenderweise sind die Puppengesichter (vor allem der geierähnlichen Skeksis) ausdrucksstärker als die vieler menschlicher Schauspieler in Fantasy-Produktionen.

In THE DARK CRYSTAL gibt es natürlich auch die guten Mystics und die bösen Skeksis, doch als der zarte Gelfling Ken den titelgebenden Kristall zusammenfügt, wachsen diese beiden unterschiedlichen Pole zusammen. Gut und Böse sind untrennbar in jedem Wesen enthalten. Zu dieser für einen Fantasy- Film bemerkenswerten Aussage gesellt sich ein farbenprächtiges Universum (mit interessanten Studiodekorationen und schönen Landschaftsaufnahmen, inspiriert durch den britischen Illustrator Brian Froud), das von bizarren (Puppen-)Wesen be-, beinahe übervölkert wird. Henson und Oz waren derart einfallsreich, daß die Vielfalt den Zuschauer stellenweise nahezu erschlägt. Trotz eindeutiger dramaturgischer Schwächen ist eine ähnlich spürbare Kreativität möglichst vielen Genre-Filmen zu wünschen.

 

Intelligentes Spiel mit Mythen und Märchen

Ein wahres Feuerwerk der Phantasie gelang der englischen Komikertruppe Monty Pythons 14 mit ihrem Film TIME BANDITS (Time Bandits, England 1981, Regie: Terry Gilliam), der das gängige Fantasy-Kino sowie verwandte Genres (wie etwa den Ritterfilm etc.) erfolgreich parodiert.

Sechs Zwerge entführen den kleinen Kevin aus seinem Kinderzimmer und reisen mit ihm durch diverse Zeitlöcher in unterschiedliche Epochen der Weltgeschichte, wo sie auf Agamemnon, Robin Hood, Napoleon u. a. treffen. Das Geschehen gipfelt in einem absurden Kampf gegen den das absolut Böse repräsentierenden Teufel, der zwar mit Hilfe des 'Obersten Wesens' besiegt, wohlgemerkt aber nicht vernichtet wird. Der Film besitzt einen hintergründigen Charme, persifliert zahllose Klischees und bietet dennoch bizarres, unterhaltsames Abenteuerkino.

Seine stärksten Momente hat das Fantasy-Kino bei einem Spiel mit Erzählebenen, wenn Mythen und Legenden entlarvt bzw. glossiert werden oder die Realität in die Phantasiewelt einbricht. So präsentiert sich Merlin in EXCALIBUR als der letzte Zauberer, denn eine 'neue Zeit' ist nach seinen Worten angebrochen.

Die Abenteuer des kleinen Kevin aus TIME BANDITS scheinen sich als Traum zu entpuppen. Als das Haus seiner Eltern brennt, wacht er nämlich im Bett auf. Doch gerettet wird Kevin von einem Feuerwehrmann, der aussieht wie König Agamemnon, den er während seiner Zeitreise traf.

In THE LAST UNICORN (Das letzte Einhorn, USA/England/ Japan 198 2) zweifelt Captain Cully die Existenz Robin Hoods an: "Den gibt es nicht! Das ist ein Mythos!" Doch als das Einhorn Robin Hood und seine Bande Gestalt annehmen läßt, folgen Cullys Gefährten lieber der Illusion als ihrem tatsächlichen Anführer. Dieser von Arthur Rankin Jr. und Jules Baas inszenierte Zeichentrickfilm basiert auf dem gleichnamigen Roman· von Peter S. Beagle. Das letzte Einhorn, das die Phantasie verkörpert, macht sich gemeinsam mit dem Amateur-Zauberer Schmendrick auf den Weg, seine vom bösen König Haggard und dem roten Stier ins Meer getriebenen Artgenossen zu befreien. Der Film enthält einige interessante Passagen und reizvolle Hintergrundgemälde. Die Animation sowie die verkitschte Musikuntermalung durch die Pop-Gruppe "America" lassen jedoch einiges zu wünschen übrig. Als "Kino zum Träumen und Glücklichsein" preist der deutsche Verleih THE LAST UNICORN an. Und weiter: "Die Einhörner kehren zurück. Es ist Friede auf Erden."

Der Eskapismus in Reinkultur macht es sich leicht. Es wäre vieles gewonnen, wenn die Werbesprüche der Filmindustrie wie "Die Phantasie an die Macht" oder "Friede auf Erden" auch in unserer Realität an Bedeutung gewinnen könnten - nicht nur im Kino.

 

© 1984 by Christian Hellmann

 

Anmerkungen

 

1 Z.B. THE ANDROMEDA STRAIN (Andromeda - Tödlicher Staub aus dem All, USA 1971, Regie: Robert Wise), A CLOCKWORK ORANGE (Uhrwerk Orange, GB 1971, Regie: Stanley Kubrick), SILENT RUNNING (Lautlos im Weltraum, USA 1972, Regie: Douglas Trumbull), SOLARIS (Solaris, UdSSR 1972, Regie: Andrej Tarkowskij), SOYLENT GREEN (Jahr 2022 ... die überleben wollen, USA 1973, Regie: Richard Fleischer) oder PHASE IV (Phase IV, USA 1974, Regie: Saul Bass). Science Fiction Times 11/1984

2 George Lucas mit THX 1138 (THX 1138, USA 1970), John Carpenter mit DARK STAR (Dark Star, USA 1973) und Steven Spielberg mit JAWS (Der weiße Hai, USA 1975).

3 In EARTHQUAKE (Erdbeben, USA 1974, Regie: Mark Robson) wird Los Angeles durch ein Erdbeben zerstört; in TOWERING INFERNO (Flammendes Inferno, USA 1974, Regie: John Guillermin) steht ein 138 stöckiger Wolkenkratzer in Flammen; in AIRPORT 1975 (Giganten am Himmel, USA 1975, Regie: Jack Smight) droht ein Jumbo-Jet abzustürzen.

4 Vgl. Giesen, Ralf: DER PHANTASTISCHE FILM, S. 127.

5 Dies führte zu Auswüchsen wie dem 'Sensurround'- Verfahren, welches den Kinozuschauer die Leinwand-Katastrophen hautnah miterfahren läßt.

6 Zitiert nach "George Lucas: Interview mit einem Genie", in: Perry Rhodan Sonderheft Nr. 1 (1977), S. 18 f.

7 Diese sogenannten 'Endzeit'-, 'Barbaren' oder auch 'Apokalypse'-Filme wurden initiiert durch MAD MAX I und II (Australien 1978 . und 1981, Regie jeweils George Miller). Vornehmlich italienische Film-Kolporteure griffen diese Thematik auf und produzierten Filme wie METROPOLIS 2000 (1982), FIREFLASH (1982), ENDGAME (1983) u.v.a. Angesiedelt ist deren Plot jeweils nach einer globalen Katastrophe (Atomkrieg, Ölkrieg ete.). Durch die verwüsteten Städte oder kargen Landschaften kurven die letzten Heroen in ihren Phantasie-Fahrzeugen und schlagen sich mit Rockern, Punkern oder Freaks um Frauen, Nahrung oder das letzte Fäßchen Benzin.

8 Rowohlts Filmlexikon, Bd. 5, S. 1203.

9 Zit. nach der Pressemappe der 'Neuen Constantin'.

10 Als Novum besetzte Produzent Roger Corman, der bekannte Resteverwerter und ungekrönte 'König des Trivialfilms', die beiden Hauptrollen mit zwei Mädchen.

11 Ralph Bakshis erster technisch wie inhaltlich ungewöhnlicher SF/Fantasy-Film WIZARDS (Die Welt in 10 Millionen Jahren, USA 1977) konnte noch gefallen. Mit LORD OF THE RINGS (Herr der Ringe, USA 1978), dem prätentiösen Versuch, Tolkiens bekannte Fantasy-Trilogie zu verfilmen, scheiterte er. So verwundert es auch nicht, daß der damals angekündigte zweite Teil noch immer auf sich warten läßt.

12 Beim Rotoskopieverfahren wird der Film quasi zweimal gedreht: Zuerst mit realen Darstellern; diese Szenen werden dann von Zeichnern in animierte Bilder übertragen. Durch das Rotoskopieren (oder Kinoxen) sollen für den Zeichentrickfilm möglichst realistische Bewegungsabläufe erzielt werden.

13 John Boorman in einem Interview. Zit. nach Giesen, S. 198.

14 Die Komiker-Gruppe kreierte mit MONTY PYTHONS AND THE HOLY GRAIL (Die Ritter der Kokosnuß, England 1975) sowie JABBERWOCKY (Jabberwocky, England 1977) bereits zwei Genre-Parodien, die sich allerdings eher auf den Ritter- als den Fantasy-Film beziehen.

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